Tra­ves­tie und Lie­bes­ro­man­tik

Be­ju­bel­te Pre­mie­re des Mu­si­cals „La Ca­ge aux Fol­les“in Pforz­heim

Acher- und Bühler Bote - - Kultur -

Noch ein biss­chen mehr Mas­ca­ra – Al­bin schminkt sich groß­zü­gig die Furcht vor dem Äl­ter­wer­den und der Ver­nach­läs­si­gung durch sei­nen Part­ner Ge­or­ges weg. Ganz die ka­pri­ziö­se Di­va lässt er sich zu sei­nem Auf­tritt als Za­za im „La ca­ge aux fol­les“be­kni­en und wirft sich die Fe­der­boa um. Hät­te er ge­ahnt, dass Ge­or­ges’ Sohn Je­an-Mi­chel, den er mit groß­ge­zo­gen hat, ihn beim Be­such der künf­ti­gen Schwie­ger­el­tern als we­nig prä­sen­ta­blen Mut­terEr­satz nicht da­bei­ha­ben möch­te, hät­te er noch mehr ge­schmollt.

Mit der An­kün­di­gung, er wer­de hei­ra­ten, treibt Je­anMi­chel sei­nem Va­ter Ge­or­ges ein Mes­ser ins Herz. Da spielt es nur ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le, dass der Va­ter der Braut, der Ab­ge­ord­ne­te Din­don, als Re­prä­sen­tant von „Tra­di­ti­on, Fa­mi­lie und Moral“die Tra­ves­tie­clubs an der Ri­vie­ra schlie­ßen und da­mit Ge­or­ges und Al­bin die Le­bens­grund­la­ge ent­zie­hen will. Der Auf­ein­an­der­prall der grund­ver­schie­de­nen Fa­mi­li­en be­zieht sei­ne zu­sätz­li­che Po­in­te aus Alb­ins größ­tem Auf­tritt: Als Ein­sprin­ge­rin für Je­an-Mi­chels mal wie­der ver­hin­der­te leib­li­che Mut­ter mischt er die ver­stock­te Si­tua­ti­on in sei­ner Le­bens­rol­le als Da­me des Hau­ses auf.

Je­an Poirets in Frank­reich und spä­ter auch in Hol­ly­wood ver­film­tes Büh­nen­stück „La ca­ge aux fol­les“von 1973 brach­te als Mu­si­cal erst­mals schwu­les Fa­mi­li­en­le­ben an den Broad­way, von wo aus es mit der Mu­sik von Jer­ry Her­man („Hel­lo Dol­ly“) welt­weit das von den Be­woh­nern der Ca­ge stolz be­haup­te­te Le­ben im Kä­fig fei­ert „Wir sind, was wir sind, doch was wir sind, sind wir nur schein­bar“. Die Zei­ten ha­ben sich ge­än­dert, was die Pforz­hei­mer Auf­füh­rung mit dem Hei­rats­an­trag des jun­gen Tän­zers an sei­nen Part­ner un­ter­streicht.

An­sons­ten kann sich Ana­tol Preiss­lers Ins­ze­nie­rung auf die be­son­de­re Sog­kraft von Her­m­ans Mu­sik und Har­vey Fier­steins Buch ver­las­sen, die Mi­schung aus Sen­ti­men­ta­li­tät und gro­ßer Show, aus bein­schleu­dern­der Tra­ves­tie­kunst, schwu­len Ehe­pro­ble­men und Lie­bes­ro­man­tik beim Abend­spa­zier­gang von Ge­or­ges und Al­bin. Auch wenn Preiss­ler die An­kunft der Din­dons im dem von al­lem plü­schi­gen Zier­rat be­rei­nig­ten und nun über­trie­ben spar­ta­ni­schen In­te­ri­eur mit der fei­nen Dop­pel­bö­dig­keit ei­ner Fey­deau­schen Ko­mö­die ein­fä­delt, liegt sein Haupt­au­gen­merk na­tur­ge­mäß auf dem Glit­ter des Tra­ves­tie­clubs. Ge­or­ges und Alb­ins Welt ist die Büh­ne, was Hei­ko Män­nich da­durch un­ter­streicht, dass er na­he­zu al­le Sze­nen auf, hin­ter und ne­ben der Büh­ne zeigt und dem Zu­schau­er die Ver­wand­lung des schwu­len Haus­halts, in dem Jo­han­nes Blatt­ner als stol­ze Ja­co­bi­ne ihr schel­mi­sches Re­gime führt, in ei­ne Mönchs­zel­le vor­ent­hält.

Die Auf­füh­rung hat ih­ren Star in Phil­ipp Wer­ner als in je­der Hin­sicht ge­wal­ti­ge Di­va Al­bin/Za­za. Ob im Pail­let­ten­kleid mit Fe­dern, mit wei­ßer, schwar­zer oder brau­ner Pe­rü­cke oder blond­ge­lockt im züch­ti­gen Ko­s­tüm, Wer­ner sieht nicht nur fa­bel­haft aus, son­dern zeigt auch hel­den­teno­ra­le Glanz­tö­ne. Am an­rüh­rends­ten ist er in dem klei­nen Chan­son im Re­stau­rant: „Die schöns­te Zeit ist heut“. Da öff­net auch Li­li­an Huy­nen als Wir­tin Jac­que­line die Schleu­sen ih­rer Stim­me und presst den Din­dons die Ein­wil­li­gung zur Hoch­zeit ab, nach­dem Al­bin in der Ek­s­ta­se des Er­folgs in ge­wohn­ter Ma­nier sei­ne Pe­rü­cke vom Kopf reißt und der Po­li­ti­ker er­kennt, in wel­chen „Un­rat“er ge­ra­ten ist.

Mit leich­tem Plau­der­ge­sang und con­fe­ren­cier­haf­ter Ge­las­sen­heit ist Mark Wei­gel der ele­gan­te Mann an Alb­ins Sei­te. Ne­ben die­sem Traum­paar ha­ben nur die Ca­gel­les des Pforz­hei­mer Bal­letts ei­ne Chan­ce, al­le an­de­ren, die sich mit un­ter­schied­li­cher For­tu­ne den Ge­s­angs­auf­ga­ben stel­len – Bern­hard Meindl als Je­an Mi­chel, Klaus Ge­ber als Edu­ard Din­don, Ga­b­rie­la Zam­fires­cu als Gat­tin, Kon­stan­ze Fi­scher als An­ne – sind nur Staf­fa­ge für ei­ne un­kon­ven­tio­nel­le Lie­be, die mit ste­hen­den Ova­tio­nen ge­fei­ert wur­de. Ni­ko­laus Schmidt

Ter­mi­ne

IH­RE WELT IST DIE BÜH­NE: Phil­ipp Wer­ner als Al­bin/Za­za und Mark Wei­gel als Ge­or­ges in Ana­tol Preiss­lers Ins­ze­nie­rung des Mu­si­cals „La Ca­ge aux Fol­les“. Fo­to: Hay­mann

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