Als die Fi­nanz­welt beb­te

Vor zehn Jah­ren ging die US-In­vest­ment­bank Leh­man plei­te, was welt­weit Aus­wir­kun­gen hat­te. In Bay­ern er­wisch­te es ei­ne Skan­dal­bank

Aichacher Nachrichten - - Titel-thema -

war ein au­ßer­or­dent­li­cher Vor­gang. Am 5. Ok­to­ber 2008 tre­ten An­ge­la Mer­kel und ihr da­ma­li­ger Fi­nanz­mi­nis­ter Peer St­ein­brück vor die Pres­se. Die Kanz­le­rin sagt ge­wohnt un­auf­ge­regt zu ei­nem ma­xi­mal auf­re­gen­den The­ma: „Wir sa­gen den Spa­rern, dass ih­re Ein­la­gen si­cher sind.“Der SPD-Mann wird kon­kre­ter: „Die Spa­rer in Deutsch­land müs­sen nicht be­fürch­ten, ei­nen Eu­ro ih­rer Ein­la­gen zu ver­lie­ren.“

Die Be­ru­hi­gungs­ak­ti­on der Po­li­ti­ker war not­wen­dig ge­wor­den, weil sich die von den USA aus­ge­hen­de Fi­nanz­kri­se in Deutsch­land mas­si­ver aus­wirk­te. Es be­stand die Ge­fahr, dass An­le­ger mas­sen­haft Geld ab­he­ben, weil sie den Ban­ken nicht mehr trau­en. Vor dem Auf­tritt von Mer­kel und St­ein­brück war be­kannt ge­wor­den, dass der in Mün­chen sit­zen­den Skan­dal­bank Hy­po Re­al Esta­te (HRE) die In­sol­venz droht. Die iri­sche Toch­ter De­pfa ent­pupp­te sich als Bom­be, denn sie fi­nan­zier­te lang­fris­ti­ge Kre­di­te durch kurz­fris­ti­ge auf dem In­ter­ban­ken­markt. Nach­dem aber vor zehn Jah­ren, am 15. Sep­tem­ber 2008, die US-In­vest­ment­bank Leh­man plei­te­ging, herrsch­te gro­ßes Miss­trau­en: Der Han­del zwi­schen den Ban­ken brach ein. Die De­pfa-Bom­be ging hoch und riss scheu­nen­t­or­gro­ße Lö­cher in die HRE. Letzt­lich muss­te die Bank ver­staat­licht wer­den.

Aus­gangs­punkt der Kri­se war der Im­mo­bi­li­en­markt in den USA. Dort ka­men Ban­ker auf die gran­dio­se Idee, mi­se­ra­bel ge­si­cher­te Kre­di­te fi­nan­zi­ell klam­mer Haus­be­sit­zer in gro­ßem Stil zu Fi­nanz­pro­duk­ten zu verm­an­schen. Ame­ri­ka­ner, die sich ei­gent­lich kei­ne Im­mo­bi­li­en leis­ten konn­ten, wa­ren aber we­gen stei­gen­der Zin­sen ir­gend­wann nicht mehr in der La­ge, ih­re Hy­po­the­ken zu be­die­nen. Das ge­fähr­li­che Ma­te­ri­al wur­de in­des längst welt­weit von Bank zu Bank wei­ter­ge­reicht.

In Mün­chen ar­bei­ten Ex­per­ten heu­te noch dar­an, den HREFi­nanz-Spreng­satz zu ent­schär­fen. Die Auf­ga­be der Trup­pe be­steht da- rin, die Hin­ter­las­sen­schaf­ten der HRE so zu be­han­deln, dass sich der Scha­den für Steu­er­zah­ler in Gren­zen hält. Das In­sti­tut soll sich ir­gend­wann selbst ab­schaf­fen. Die Mis­si­on des Hau­ses lässt sich nicht aus dem of­fi­zi­el­len Na­men FMS Wert­ma­nage­ment ab­le­sen. So könn­te auch ein Hed­ge­fonds hei­ßen.

Die Münch­ner ha­ben aber nur Gu­tes im Sinn, selbst wenn sie als „Bad Bank“be­zeich­net wer­den. Da­bei ist die bun­des­ei­ge­ne Ab­wick­lungs­an­stalt ei­gent­lich ei­ne „Good Bank“, schließ­lich kommt sie bes­tens da­mit vor­an, die einst über­nom­me­nen 175,7 Mil­li­ar­den Eu­ro an Ri­si­ko­po­si­tio­nen zu ver­wer­ten. Zu­letzt wa­ren 76,8 Mil­li­ar­den Eu­ro des HRE-Er­bes üb­rig.

Was aus Steu­er­zah­ler-Sicht er­freu­lich ist: Stan­den am An­fang noch Mil­li­ar­den­ver­lus­te bei der FMS zu Bu­che, ma­chen die Ab­wick­ler seit Jah­ren ver­läss­lich Ge­win­ne. Das könn­te lang­fris­tig schwie­ri­ger wer­den, sind doch ei­ni­ge Sor­gen­kin­der zu­rück­ge­blie­ben. In den steu­er­zah­ler­freund­lich-kar­gen FMS-Bü­ros herrscht aber Zu­ver­sicht, ir­gend­wann der Sa­che Herr zu wer­den, auch wenn sich vie­le der Po­si­tio­nen in Län­dern wie Ita­li­en und Groß­bri­tan­ni­en bal­len. Da­bei geht es zum Teil um schwer ver­käuf­li­che Im­mo­bi­li­en-Pro­jek­te.

Am En­de, glau­ben Ex­per­ten, wird al­lein das HRE-De­sas­ter die Steu­er­zah­ler trotz gu­ter Ab­wick­ler Mil­li­ar­den kos­ten. Das är­gert den 63-jäh­ri­gen Ener­gie­be­ra­ter Ro­land Süß als Un­ter­stüt­zer der fi­nanz­markt­kri­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­on Attac. Er steht in Frank­furt im Ban­ken­zen­trum auf dem Platz mit der rie­si­gen Eu­ro-Skulp­tur. Hier ha­ben einst Oc­cu­py-Ak­ti­vis­ten mit ei­nem Zelt­la­ger ge­gen die Aus­wüch­se der Ban­ken­bran­che mo­na­te­lang deEs mons­triert. Süß ist ein klei­ner, drah­ti­ger Mann. Ihm ist es schon mit Mit­strei­tern ge­lun­gen, ein Pla­kat in der Frank­fur­ter Bör­se ne­ben der Dax-An­zei­ge­ta­fel auf­zu­hän­gen. Auf ihm stand: „Fi­nanz­märk­te ent­waff­nen“. Süß will mit star­ken Bil­dern De­bat­ten an­sto­ßen. Wie das im­mer so ist mit Idea­len: Ir­gend­wann, wenn es zu vie­le Rei­bungs­punk­te mit der kal­ten Macht der flau­sen­lo­sen Rea­li­tät gibt, ver­fliegt der Elan et­was. Das war bei den Oc­cu­p­y­Leu­ten nicht an­ders. Den Leh­manJah­res­tag be­ge­hen vie­le Kri­ti­ker der Fi­nanz­in­dus­trie in Frank­furt je­doch wie­der mit ei­ner De­mons­tra­ti­on. Die Pro­test­ler wol­len da­bei die Bör­se als „Tat­ort“mar­kie­ren. Ren­di­teJä­ger sol­len mit den Op­fern des „un­er­bitt­li­chen Pro­fit­stre­bens“kon­fron­tiert wer­den.

Was Süß in sei­nem En­ga­ge­ment nicht zö­gern lässt, ist die Er­kennt­nis: „Wäh­rend Ban­ken vom Staat ge­ret­tet wer­den, zah­len die nor­ma­len Bür­ger die Ze­che.“Dem Attac-Mann geht es um ei­nen aus sei­ner Sicht so­zia­len Miss­stand. Denn nach der Fi­nanz­markt- kam die Eu­ro­kri­se. Wie­der muss­ten Po­li­ti­ker als Ret­ter ran. Süß treibt das Schick­sal von Län­dern wie Grie­chen­land um: „Die Re­gie­run­gen muss­ten bru­ta­le Kür­zun­gen vor­neh­men, ins­be­son­de­re bei den So­zi­al­aus­ga­ben.“Mil­lio­nen Men­schen in Eu­ro­pa hät­ten nun ih­re Ar­beits­plät­ze und Woh­nun­gen ver­lo­ren. Der Ak­ti­vist zeigt noch mal weh­mü­tig auf den Platz, der in Frank­furt einst be­setzt wur­de: „Heu­te sieht man nichts mehr vom Wi­der­stand.“Die gro­ße Eu­ro-Skulp­tur dient Tou­ris­ten als Sel­fie-Hin­ter­grund. Ein in­di­sches Pär­chen lä­chelt ins Smart­pho­ne.

Aber wie soll es wei­ter­ge­hen? Kann es so wei­ter­ge­hen? Bert­hold Hu­ber ge­hör­te ab 2008 zu dem rund 20-köp­fi­gen Kri­sen­team um Mer­kel. Die Kanz­le­rin lern­te den aus Ulm stam­men­den Ge­werk­schaf­ter schät­zen. Der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter war im No­vem­ber 2007 Chef der IG-Me­tall ge­wor­den – ein Amt, das er bis En­de 2013 aus­üb­te. Hu­ber sah sich als Len­ker der Ge­werk­schaft der enor­men Wucht der Fi­nanz­kri­se aus­ge­setzt. Weil gera­de die hei­mi­schen Ex­port-Glanz­bran­chen – die Au­to­in­dus­trie und der Ma­schi­nen­bau – be­son­ders un­ter den Fol­gen des Be­bens lit­ten, war der IGMe­tall-Mann ge­for­dert. Denn Be­schäf­tig­te bei­der Bran­chen sind in der Ge­werk­schaft or­ga­ni­siert. Die Kanz­le­rin such­te bald den Rat des Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ters.

Heu­te er­in­nert sich der 68-Jäh­ri­ge im Ge­spräch mit un­se­rer Zei­tung an die auf­wüh­len­den Mo­na­te: „Das war ei­ne glo­ba­le Kri­se. Wir ha­ben den Ab­grund ge­se­hen, ja wir sind auf die Ka­ta­stro­phe zu­ge­lau­fen.“Der da­ma­li­ge IG-Me­tall-Chef ver­stand es, die Po­li­ti­ker da­von zu über­zeu­gen, dass dro­hen­de Mas­sen­ent­las­sun­gen nur durch be­herz­te so­zia­le Maß­nah­men zu ver­hin­dern sei­en. Es wur­de ei­ne groß­zü­gi­ge Kurz­ar­beits­re­ge­lung be­schlos­sen. Be­schäf­tig­te konn­ten al­so auch dank staat­li­cher Un­ter­stüt­zung im Be­trieb ge­hal­ten wer­den. Durch ei­ne Ab­wrack­prä­mie von 2500 Eu­ro für al­te Au­tos wur­de die wich­ti­ge Bran­che sta­bi­li­siert. Von Kon­junk­turPro­gram­men pro­fi­tier­ten auch Hand­werks­be­trie­be.

Hu­ber er­in­nert sich: „All die­se Maß­nah­men ha­ben die Mas­sen­ent­las­sun­gen ver­hin­dert. Im Üb­ri­gen wä­re die deut­sche Wirt­schaft sonst nicht En­de 2010 mit Voll­dampf aus der Kri­se her­aus­ge­kom­men.“Mer­kel muss dem IG-Me­tall-Mann dank­bar für sei­nen Rat ge­we­sen sein, sonst hät­te sie ihn nicht zu des­sen 60. Ge­burts­tag ins Kanz­ler­amt ein­ge­la­den. In der Rück­schau merkt der Ge­werk­schaf­ter be­sorgt an: „Der Ka­pi­ta­lis­mus hat sich lei­der we­nig ver­än­dert. Im­mer noch wird nach den Prin­zi­pi­en des Share­hol­der Va­lue ge­wirt­schaf­tet, al­so die

Stei­ge­rung des Ak­ti­en­wer­tes ei­nes Un­ter­neh­mens um je­den Preis.“

Nach wie vor herr­sche der Geist vor, mög­lichst schnell mög­lichst viel Ren­di­te zu er­zie­len. Hu­ber er­kennt na­tür­lich an, dass Ban­ken stär­ker re­gu­liert wur­den und mehr Ei­gen­ka­pi­tal vor­hal­ten müs­sen: „Aber die Ein­füh­rung ei­ner Fi­nanz­markt-Trans­ak­ti­ons­steu­er blieb bei uns bis heu­te aus.“Bei ei­ner sol­chen Ab­ga­be fällt auf je­des Ge­schäft an den Ka­pi­tal­märk­ten ein nied­ri­ger Steu­er­satz an. Da­mit, so die Idee, wür­den die Spie­ler an den Märk­ten an den Kos­ten der durch sie aus­ge­lös­ten Kri­sen be­tei­ligt. Ne­ben dem päd­ago­gi­schen In­stru­ment wünscht sich der Ge­werk­schaf­ter ei­ne Än­de­rung des Ak­ti­en­ge­set­zes, „so­dass der Vor­stand ei­ner Ge­sell­schaft nicht nur den An­teils­eig­nern, son­dern auch Be­schäf­tig­ten und Ge­sell­schaft ver­ant­wort­lich ist“.

Weil aber all das aus­bleibt, zeigt sich Hu­ber skep­tisch: „Es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass es wie­der zu so ei­ner Kri­se wie 2008 kommt. Denn die tie­fe­ren Ur­sa­chen für die Ri­si­ken sind nicht be­ho­ben wor­den.“Im Üb­ri­gen warnt er: „Die nächs­te Kri­se kommt be­stimmt. Wenn wir Glück ha­ben, nicht zu früh, aber ir­gend­wann kommt sie.“

Den IG-Me­tall-Mann be­un­ru­higt am meis­ten, dass die un­zu­rei­chend auf­ge­ar­bei­te­te Fi­nanz­markt­kri­se letzt­lich den Po­pu­lis­mus, auch von rechts, welt­weit för­dert: „Bei vie­len Bür­gern hat sich lei­der der Ein­druck fest­ge­setzt: Den Ban­ken hilft man, uns aber nicht.“So zeich­net der Ge­werk­schaf­ter „ei­ne be­sorg­nis­er­re­gen­de Ver­bin­dungs­li­nie von den Fol­gen der Leh­man-Plei­te hin zu Trump und zum Br­ex­it“.

Vor zehn Jah­ren ging im Zu­ge der Fi­nanz­markt­kri­se das ame­ri­ka­ni­sche Geld­haus Leh­man plei­te. Die Schock­wel­len brei­te­ten sich rund um den Glo­bus aus und ver­an­lass­ten et­wa Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel und ih­re

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