Die Schät­ze auf den Streu­obst­wie­sen

En­de des Jah­res läuft die För­de­rung des Lan­des für das ge­mein­sa­me Sor­ten­er­hal­tungs­pro­jekt von Land­rats­amt und Obst­bau­ver­band Reut­lin­gen aus. Was in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren ge­fun­den wur­de und nun als ge­si­chert gel­ten darf,nw­dird in der Sor­ten­aus­stel­lun

Alb Bote (Münsingen) - - VORDERSEITE - Von Micha­el Koch

Ei­ne Sor­ten­aus­stel­lung im Glem­ser Obst­bau­mu­se­um zeigt, was in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren im Rah­men ei­nes vom Land ge­för­der­ten Sor­ten­er­hal­tungs­pro­jekts in der Re­gi­on al­les an Obst­sor­ten ge­fun­den wur­de.

Es ist wie Brief­mar­ken sam­meln an der fri­schen Luft, mit nach­hal­ti­gem Hin­ter­grund, zum Woh­le al­ler – seit drei Jah­ren wer­den im Land­kreis Reut­lin­gen in ei­nem vom Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um ge­för­der­ten Pro­jekt al­te Obst­sor­ten ge­sam­melt. Am nächs­ten Wo­chen­en­de wer­den im Glem­ser Obst­bau­mu­se­um die Fun­de prä­sen­tiert.

In den 1860er und 70er Jah­ren führ­te der Po­mo­lo­ge Edu­ard Lu­cas mehr als 700 Ap­fel­sor­ten auf, die er hier in der Re­gi­on ge­fun­den hat­te. Die­ser Be­stand war über die Jahr­zehn­te dra­ma­tisch zu­rück­ge­gan­gen, mit je­dem Rück­zug ei­nes al­ten Obst­bau­ern ging auch des­sen Wis­sen um al­te Bäu­me ver­lo­ren. Neu an­ge­baut wur­den Sor­ten, die sich ver­meint­lich gut ver­mark­ten las­sen. Äp­fel, die man heu­te als Mas­sen­wa­re im Su­per­markt kau­fen kann, las­sen sich im We­sent­li­chen auf Kreu­zun­gen zwi­schen nur drei Sor­ten zu­rück­füh­ren, al­le an­de­re gel­ten am Markt als Exo­ten. Und um de­ren Be­stand hat sich in der Ver­gan­gen­heit eben nie­mand ge­küm­mert.

Bis das Land­rats­amt Reut­lin­gen mit sei­ner Grün­flä­chen­be­ra­tungs­stel­le vor drei Jah­ren das Sor­ten­er­hal­tungs­pro­jekt ins Le­ben rief. Seit­her ha­ben Ul­rich Schro­efel und Thi­lo Tscher­sich mit Un­ter­stüt­zung des Kreis­obst- und Gar­ten­bau­ver­ban­des un­ent­wegt auf­ge­ru­fen, al­te Bäu­me an sie zu mel­den. In­zwi­schen geht dies auch übers In­ter­net oder über App, die Bäu­me kön­nen dann bis auf we­ni­ge Me­ter ge­nau lo­ka­li­siert wer­den.

Vie­le Er­fol­ge kön­nen sich die Prot­ago­nis­ten ans Re­vers hef­ten, am Kom­pe­tenz­zen­trum Obst­bau in Ba­ven­dorf am Bo­den­see ge­hen rei­hen­wei­se Sen­dun­gen aus dem Kreis ein, de­ren Ana­ly­se oft­mals längst ver­ges­se­ne Sor­ten wie­der ans Ta­ges­licht bringt. Sor­ten wie der Chris­ti­ans­ap­fel, das Schmied­bas­te­le oder der Bron­nap­fel und vie­le an­de­re gel­ten in­zwi­schen wie­der als ge­si­chert. Nicht nur, weil sie nach­ge­wie­sen wur­den, teils ist nur noch ein ein­zel­ner Baum be­kannt, son­dern weil sie eben in ei­ner Baum­schu­le in­zwi­schen auch ver­mehrt wur­den.

Wo­zu braucht man über­haupt ein paar hun­dert ver­schie­de­ne Ap­fel­sor­ten? In je­dem Ap­fel ist ein an­de­rer Gen­pool ent­hal­ten. So weist je­der Ap­fel an­de­re Qua­li­tä­ten auf, die, wenn nicht ak­tu­ell, zu ei­nem spä­te­ren Zeit­punkt mal wie­der ge­fragt sein könn­ten. Bei­spiel 2017: Ein spä­ter Frost hat­te in der Re­gi­on bei­na­he den ge­sam­ten Blü­ten­be­stand ver­nich­tet, enor­me Ern­te­aus­fäl­le wa­ren die Fol­ge. Nur ganz ver­ein­zelt glänz­ten Bäu­me mit ei­nem Vol­l­er­trag, weil ih­re Blü­ten zum Frost­zeit­punkt noch gar nicht weit ge­nug ent­wi­ckelt wa­ren. Seit­her hat die Spe­zi­es des Spät­blü­hers, wie der Chris­ti­ans­ap­fel, Hoch­kon­junk­tur. Schon aus dem ak­tu­el­len Sor­ten­pro­jekt her­aus lau­fen der­zeit ers­te Kreu­zungs­ver­su­che, um das Spät­blü­her­tum des ei­nen Ap­fels bei­spiels­wei­se mit der Grö­ße oder dem gu­ten Ge­schmack ei­nes an­de­ren Ap­fels zu ver­ei­nen. Schor­fre­sis­tenz, an­ti­all­er­gisch, Halt­bar­keit – es gibt sehr vie­le ge­wünsch­te Ei­gen­schaf­ten, die sich in ei­ne Ap­fel­sor­te hin­ein­kreu­zen las­sen.

Be­denkt man nun, dass die­se Mög­lich­kei­ten nicht nur beim Ap­fel, son­dern auch bei Bir­ne, Kir­sche, Zwetsch­ge, Mi­ra­bel­le und al­len an­de­ren Obst­sor­ten be­steht, dann wird klar, dass es sich hier um ei­ne ei­ge­ne Wis­sen­schaft han­delt.

Ei­nen klei­nen Ein­blick in die­se Wis­sen­schaft, zu­min­dest in das hier ge­fun­de­ne Obst­po­ten­zi­al, ver­mit­telt die Sor­ten­aus­stel­lung ab dem 20. Ok­to­ber im Obst­bau­mu­se­um in Glems. Rund 250 ver­schie­de­ne Äp­fel und 90 ver­schie­de­ne Bir­nen wer­den dort zu se­hen sein. Dar­un­ter be­fin­den sich ei­ni­ge Schät­ze, die der­zeit im Kühl­raum der Fa­mi­lie Gön­nin­ger in Glems, ak­ti­ven Un­ter­stüt­zern der Sor­ten­su­che, ge­la­gert wer­den. Da­zu gibt es na­tür­lich un­zäh­li­ge Ver­ar­bei­tungs­bei­spie­le von ech­ten Ex­per­ten zu pro­bie­ren, die aus dem Obst wah­re Spe­zia­li­tä­ten ma­chen.

Ne­ben der ei­gent­li­chen Aus­stel­lung be­steht für al­le Güt­les­be­sit­zer die Mög­lich­keit, ih­re ei­ge­nen Früch­te be­stim­men zu las­sen. Da­für wird an bei­den Ta­gen der Po­mo­lo­ge Hans-Tho­mas Bosch vor Ort sein. Pro Per­son soll­ten höchs­tens drei Sor­ten zur Un­ter­su­chung mit­ge­bracht wer­den, pro Sor­te be­nö­tigt der Po­mo­lo­ge vier bis sechs Früch­te.

Von die­ser vor­erst letz­ten Etap­pe des Sor­ten­pro­jekts ver­spre­chen sich Ul­rich Schro­efel und Thi­lo Tscher­sich noch­mals ei­nen Schub. „Täg­lich geht Wis­sen ver­lo­ren über Sor­ten und de­ren Ver­wen­dungs­mög­lich­kei­ten. Wir ha­ben ei­nen Wis­sens­sprung ge­macht, mit dem wir wu­chern kön­nen, trotz­dem sind wir noch lan­ge nicht am En­de“, sagt Tscher­sich. Von den 220 000 Obst­bäu­men im Land­kreis Reut­lin­gen sind erst et­wa zwei Pro­zent er­fasst. „Wir möch­ten aber ei­nen Über­blick über den ge­sam­ten Be­stand“, er­gänzt Schro­efel. Bei der Mel­dung müs­se auch nie­mand Angst um sei­nen Be­sitz oder Da­ten­schutz ha­ben. „Das Schlimms­te, was pas­sie­ren kann ist, dass wir um ei­nen Ast an­fra­gen, um da­mit die Sor­te zu ver­meh­ren“, so Tscher­sich.

In­fo Al­le Obst­bäu­me kön­nen un­ter www.sor­ten­er­halt.de re­gis­triert wer­den. Aus­drück­lich wer­den nicht nur al­te Sor­ten ge­sucht, son­dern al­le Bäu­me sind glei­cher­ma­ßen in­ter­es­sant.

Wir ha­ben mit dem Pro­jekt mehr als 20 Sor­ten ge­fun­den, die in Baum­schu­len oder Er­hal­tungs­gär­ten nicht mehr vor­han­den wa­ren.

Fo­tos: Tho­mas Kiehl/Micha­el Koch

Erich und An­ne Gön­nin­ger sto­ßen mit Ul­rich Schro­efel und Thi­lo Tscher­sich auf den Er­folg des Sor­ten­er­hal­tungs­pro­jek­tes an. Sie wer­den wei­ter auf der Su­che nach al­ten Schät­zen im Streu­obst­pa­ra­dies sein.

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