Tou­ris­ti­ker for­dern mehr Un­ter­stüt­zung vom Land

Tou­ris­mus ist ein Wirt­schafts­fak­tor, muss po­li­ti­scher ge­dacht, vom Land fi­nan­zi­ell stär­ker un­ter­stützt wer­den: So das Fa­zit ei­ner Ta­gung in Münsin­gen. Von Ul­ri­ke Büh­rer-Zö­fel

Alb Bote (Münsingen) - - VORDERSEITE -

Tou­ris­mus ist ein Wirt­schafts­fak­tor, muss po­li­ti­scher ge­dacht und vom Land fi­nan­zi­ell stär­ker un­ter­stützt wer­den: So das Fa­zit ei­ner Fach­ta­gung der SPD-Land­tags­frak­ti­on ges­tern im Münsin­ger Rat­haus.

Die SPD-Land­tags­frak­ti­on hat ges­tern Fach­leu­te und Kom­mu­nal­po­li­ti­ker zu ei­ner Ta­gung übers Tou­ris­mus­land Ba­den-Würt­tem­berg und die Re­gi­on Schwä­bi­sche Alb ein­ge­la­den. Wel­che Her­aus­for­de­run­gen auf die Bran­che zu­kom­men, wo ge­mein­sa­me Po­ten­zia­le lie­gen, wo re­gio­na­le Dif­fe­ren­zie­rung wich­tig ist, das wa­ren die The­men im Münsin­ger Rat­haus.

Sa­bi­ne Wöl­f­le, Tou­ris­mus­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Frak­ti­on, be­ton­te, wie al­le an­de­ren Red­ner auch: „Tou­ris­mus ist ein Wirt­schafts­markt.“Er ge­ne­rie­re jähr­lich im Land Ein­nah­men von rund 7,5 Mil­li­ar­den Eu­ro, über 300 000 Ar­beits­plät­ze sei­en von ihm ab­hän­gig. Die Bran­che, vor al­lem auch Ho­tel­le­rie und Gas­tro­no­mie, stün­den vor gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen. Stich­wor­te sind un­ter an­de­rem: Di­gi­ta­li­sie­rung, de­mo­gra­fi­scher Wan­del, Nach­wuchs­und Fach­kräf­te­man­gel, ver­än­der­te An­sprü­che der Gäs­te, Nach­hal­tig­keit und Bar­rie­re­frei­heit von tou­ris­ti­schen Zie­len.

Das al­les muss sich in der neu­en Tou­ris­mus­kon­zep­ti­on des Lan­des nie­der­schla­gen. Zu­stän­dig da­für ist die Tou­ris­mus Mar­ke­ting Gm­bH Ba­den-Würt­tem­berg (TMBW). De­ren Ge­schäfts­füh­rer Andre­as Braun gab zu­nächst ei­nen Über­blick über die be­ste­hen­de, 2009 er­stell­te, Tou­ris­mus-Leit­li­nie un­ter dem Mar­ken­auf­tritt „Wir sind Sü­den“. Die von Wöl­f­le an­ge­spro­che­nen The­men hat Braun auch auf der Agen­da. Er be­ton­te die Be­deu­tung von di­gi­ta­len Auf­trit­ten und An­ge­bo­ten, er­klär­te, die TMBW sei mit star­ken Part­nern aus der Wirt­schaft schon sehr gut in den So­zia­len Me­di­en un­ter­wegs. Der Fo­kus der Ar­beit im kom­men­den Jahr soll auf „Eis­zeit­kunst, Bau­haus, Kunst und Kul­tur“lie­gen, 2020 wird es der Be­reich Na­tur sein, da wil­der Sü­den und un­ge­wöhn­li­che Na­tur­er­leb­nis­se.

Ei­ne „her­vor­ra­gen­de Rol­le“bei tou­ris­ti­schen An­ge­bo­ten, so Braun, spie­le in­zwi­schen der Ge­nuss. Wein, ein Pro­dukt des Un­ter­lands, hat in der Wer­bung sei­nen Platz. Und weil in­zwi­schen klei­ne Braue­rei­en, auch auf der Alb, vie­le Gäs­te lo­cken, er­klär­te Braun: „An das The­ma BierSü­den wol­len wir uns in­ten­siv dran ma­chen.“

Da­mit in die Fort­schrei­bung auch ein­fließt, was die tou­ris­ti­schen Ak­teu­re wol­len, fin­den Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen

SPD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te

statt. Die für die Schwä­bi­sche Alb ist am 23. Ok­to­ber in Blau­beu­ren.

Für Mi­ke Mün­zing, Bür­ger­meis­ter und Vor­sit­zen­der des Schwä­bi­schen Alb Tou­ris­mus (SAT), ist klar: „Vor der Wert­schöp­fung steht die Wert­schät­zung. Was nicht mit ihr ein­her geht, ist nicht von lan­ger Dau­er.“Um Wirt­schafts­kraft wei­ter zu er­schlie­ßen, Le­bens­qua­li­tät auch für die Ein­hei­mi­schen zu stei­gern, müs­se man er­ken­nen, dass sich aus Land­schaft, Na­tur und Kul­tur et­was schaf­fen las­se. Mün­zing ver­wies da­bei auf die vie­len Pro­duk­te, die in den letz­ten neun Jah­ren, seit es das Bio­sphä­ren­ge­biet gibt, ent­stan­den sind. Um als Tou­ris­mus­de­s­ti­na­ti­on be­ste­hen zu kön­nen, sei es wich­tig, im­mer wei­ter Kon­zep­te zu ent­wi­ckeln, die Mo­dell­re­gi­on zu stär­ken, da­mit sie „ei­ne Strahl­kraft be­kommt und in­ter­na­tio­nal wirkt“.

Aber es feh­le an Un­ter­stüt­zung aus der Lan­des­po­li­tik, mo­nier­te er. „Im All­gäu läuft das bes­ser.“ Dort stün­den vier Land­krei­sen 4,6 Mil­lio­nen Eu­ro und 30 Mit­ar­bei­ter für die Ent­wick­lung ei­ner Land­mar­ke zur Ver­fü­gung. „Bei uns im Bio­sphä­ren­ge­biet sind es nicht mal 200 000 Eu­ro und sie­ben Mit­ar­bei­ter“.

Das ver­deut­lich­te auch Lou­is Schu­mann, Ge­schäfts­füh­rer des SAT. Zehn Land-, ein Stadt­kreis und rund 160 Kom­mu­nen sind im SAT zu­sam­men­ge­schlos­sen. „Da muss viel Lob­by­ar­beit ge­leis­tet wer­den, um al­le Ak­teu­re auf kom­mu­na­ler Ebe­ne zu er­rei­chen, sie für ge­mein­sa­me Zie­le zu ge­win­nen.“Und auch mit ge­setz­li­chen Hür­den hat Schu­mann bei Pro­jek­ten zu kämp­fen, zum Bei­spiel beim An­ge­bo­ten für Moun­tain­bi­ker. Nir­gends sei­en die Re­geln so streng wie in Ba­den-Würt­tem­berg, näm­lich dass die Bi­ker nur We­ge, die brei­ter als zwei Me­ter sind, nut­zen dür­fen. Moun­tain­bi­ken sei aber in­zwi­schen ein Volks­sport ge­wor­den. Der Kon­flikt Wan­der-Bi­ker, das ha­be ei­ne Um­fra­ge er­ge­ben, be­ste­he kaum mehr, zu­mal vie­le Gäs­te ger­ne so­wohl zu Fuß als auch mit dem Rad un­ter­wegs wä­ren.

Für ein ganz kon­kre­tes Pro­jekt braucht der SAT För­der­mit­tel und hat da­für na­tür­lich das Land im Blick: Für die Re­gi­on soll es ab 2020 ei­ne Gäs­te­kar­te ge­ben, über die Ur­lau­ber kos­ten­los di­ver­se Ein­rich­tun­gen wie Mu­sen, Höh­len, Schlös­ser be­su­chen, öf­fent­li­che Ver­kehrs­mit­tel nut­zen kön­nen. Für die Um­set­zung braucht es ei­ne An­schub­fi­nan­zie­rung, „per­spek­ti­visch trägt sie sich dann selbst“, meint Schu­mann. Kommt nichts vom Land, „müs­sen wir ei­nen Kre­dit über 500 000 Eu­ro auf­neh­men“, er­klär­te Mün­zing.

Oh­ne sie geht es gar nicht, sie ma­chen es erst mög­lich, dass Gäs­te auf die Alb kom­men und blei­ben – Gas­tro­no­men und Ho­te­liers. Fritz En­gel­hardt, Vor­sit­zen­der des Deut­schen Ho­tel- und Gast­stät­ten­ver­ban­des (DEHOGA) in Ba­den-Würt­tem­berg, for­der­te ges­tern auch po­li­ti­sche Un­ter­stüt­zung für sei­ne Bran­che. Sie müs­se wert­ge­schätzt wer­den

Ver­net­zung im Tou­ris­mus ist ganz ex­trem wich­tig. Sa­bi­ne Wöl­f­le

Wir müs­sen un­se­re Stär­ken an­ders aus­spie­len. Fritz En­gel­hardt

DEHOGA-Lan­des­vor­sit­zen­der

Wir müs­sen die Alb mit­ein­an­der in Wert set­zen.

Mi­ke Mün­zing

Bür­ger­meis­ter

und „wir müs­sen un­se­re Stär­ken ganz an­ders aus­spie­len“. Sein Cre­do: „Leis­tung kommt vor Wer­bung, An­ge­bot vor Ver­mark­tung.“

Vor al­lem die Klein­be­trie­be, und das sei­en nun mal die meis­ten, hät­ten zu kämp­fen mit chro­ni­schem Per­so­nal­man­gel, zu ho­hen Löh­nen und un­fle­xi­blen Ar­beits­zeit­re­ge­lun­gen. Die Kon­se­quenz: Vie­le Dorf­gast­stät­ten schlie­ßen oder schrän­ken ihr An­ge­bot ein, an vie­len Rad- und Wan­der­we­gen gibt es kei­ne Ein­kehr­mög­lich­keit mehr. Mit ei­nem qua­li­fi­zier­ten Zu­wan­de­rungs­kon­zept aus Nicht-EU-Staa­ten, steu­er­li­chen Ver­bes­se­run­gen und an­de­ren Re­ge­lun­gen bei Min­dest­lohn und Ar­beits­zeit, könn­te die Po­li­tik bes­se­re Vor­aus­set­zun­gen für die Be­trie­be schaf­fen.

Doch auch Po­si­ti­ves hat­te En­gel­hardt zu be­rich­ten. Durch Ver­bes­se­rung der Aus­bil­dungs­qua­li­tät und über ver­stärk­te Wer­be­ak­tio­nen sei es ge­lun­gen, den frei­en Fall auf dem Aus­bil­dungs­markt zu stop­pen.

Fo­to: Ul­ri­ke Büh­rer-Zö­fel

Andre­as Braun (r.) er­läu­ter­te bei der Fach­ta­gung der SPD-Land­tags­frak­ti­on, wie das neue Tou­ris­mus­kon­zept aus­se­hen soll: Ra­ma­zan Sel­cuk, Pe­ter Ho­fe­lich, Sa­bi­ne Wöl­f­le, Mi­ke Mün­zing und Lou­is Schu­mann (v.r.).

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