Hil­fe für die Ar­men ei­ner rei­chen Stadt

In ei­ner Ge­ne­ral­de­bat­te hat der Ge­mein­de­rat über die So­zi­al­po­li­tik in Stutt­gart dis­ku­tiert. Es feh­len Tau­sen­de Plät­ze in Kin­der­ta­ges­stät­ten und Pfle­ge­hei­men.

Alb Bote (Münsingen) - - STUTTGART UND UMGEBUNG - Von Da­ni­el Grupp

Teil­ha­be, Chan­cen­gleich­heit, ge­sell­schaft­li­cher Zu­sam­men­halt sind nach An­sicht der Stutt­gar­ter Stadt­rä­te Kri­te­ri­en ei­ner so­zia­len Stadt. In der drit­ten Ge­ne­ral­de­bat­te des Ge­mein­de­rats dis­ku­tier­ten die Bür­ger­ver­tre­ter über die An­for­de­run­gen an die So­zi­al­po­li­tik vor dem Hin­ter­grund ei­ner Lan­des­haupt­stadt, die Ober­bür­ger­meis­ter Fritz Kuhn (Grü­ne) un­wi­der­spro­chen als „rei­che, wohl­ha­ben­de Stadt“be­schrie­ben hat. „Den­noch gibt es Men­schen, die we­nig ha­ben, die arm sind.“

Die Fra­ge, wie die Stadt re­agie­ren soll, be­ant­wor­te­te der OB zu­nächst mit ei­ner Ab­sa­ge: „Die neo­li­be­ra­le Ant­wort, dass die Ar­men an ih­rem Zu­stand sel­ber schuld sind, fin­det in Stutt­gart we­nig An­hän­ger.“Die Stadt müs­se ver­su­chen, Chan­cen und Teil­ha­be­ge­rech­tig­keit her­zu­stel­len. Da­zu gibt die Lan­des­haupt­stadt jähr­lich fast 800 Mil­lio­nen Eu­ro aus – et­wa ein Vier­tel des Etats. Nur der An­teil der Per­so­nal­kos­ten am Haus­halt ist hö­her. Der OB hob her­vor, dass die Stadt die­se Leis­tun­gen fi­nan­zie­ren kön­nen, oh­ne da­für Schul­den auf­neh­men zu müs­sen.

Von den 60 000 Stutt­gar­ter Fa­mi­li­en sind 20 Pro­zent Al­lein­er­zie­her. Da­von er­hal­ten mehr als

Die neo­li­be­ra­le Ant­wort fin­det in Stutt­gart we­nig An­klang. Und das ist auch gut so.

Fritz Kuhn

Ober­bür­ger­meis­ter

ein Drit­tel So­zi­al­hil­fe. Mehr als 11 000 Kin­der und Ju­gend­li­che bis 18 er­hal­ten Un­ter­stüt­zung. Mit dem So­zi­al­ti­cket für der Ver­kehrs­ver­bund, der „Bo­nu­s­card + Kul­tur“und der Fa­mi­li­en-Card ver­sucht die Stadt ih­ren är­me­ren Mit­bür­gern die Teil­ha­be am öf­fent­li­chen Le­ben zu er­leich­tern.

Den Man­gel an Be­treu­ungs­plät­zen in Kin­der­ta­ges­stät­ten be­zeich­ne­te Kuhn als we­sent­li­ches so­zia­les Pro­blem. Ziel sei, dass Kin­der un­ab­hän­gig vom Geld­beu­tel ih­rer El­tern Zu­gän­ge zu Bil­dung, Be­we­gung und Frei­zeit er­hal­ten. In Stutt­gart le­ben 110 000 Men­schen, die äl­ter als 65 Jah­re sind. In der Stadt gibt es 5038 Pfle­ge­plät­ze. Be­nö­tigt wür­den wei­te­re 2000 Plät­ze. Dies nann­te er ei­ne „gro­ße Her­aus­for­de­rung“. Kuhn, der sich zum Aus­bau von In­te­gra­ti­on und In­klu­si­on be­kann­te, ist der An­sicht, dass Stutt­gart ein „gu­tes und hoch­pro­fes­sio­nel­les Netz für so­zia­le Di­enst­leis­tun­gen“zu bie­ten hat.

Die­se Ein­schät­zung be­stä­tig­te Bea­te Bul­le-Schmid (CDU). Das Sys­tem sei gut auf­ge­stellt. Aus ih­rer Sicht ist die So­zi­al­po­li­tik grund­le­gend für das Zu­sam­men­le­ben in der Stadt. Ziel sei, al­len die Teil­ha­be zu er­mög­li­chen. Auch sol­len äl­te­re Men­schen lan­ge in ih­rer häus­li­chen Um­ge­bung le­ben kön­nen. Sie nann­te Hil­fe zur Selbst­hil­fe als Leit­bild und for­der­te, die An­ge­bo­te auf ih­re Wirk­sam­keit zu über­prü­fen. „Die bes­te So­zi­al­po­li­tik ist, was Ar­beit schafft“, stell­te Bul­le-Schmid fest.

So­zia­le The­men ste­hen am En­de der Lis­te der Pro­ble­me der Stutt­gar­ter, hat Jo­chen Stop­per (Grü­ne) der Bür­gerum­fra­ge ent­nom­men: „Woh­nungs­not ist die do­mi­nie­ren­de so­zia­le Fra­ge.“Über die­ses The­ma hat­te der Ge­mein­de­rat Mit­te Ju­ni ei­ne ei­ge­ne Ge­ne­ral­de­bat­te ge­führt. Zu­wan­de­rung und Flücht­lings­po­li­tik ste­hen laut Stop­per im Pro­blem­be­wusst­sein der Bür­ger re­la­tiv weit hin­ten. „Mi­gra­ti­on ist nicht die Mut­ter al­ler Pro­ble­me, nicht in Deutsch­land und nicht in Stutt­gart.“Er for­der­te, früh­zei­tig den Kampf für Chan­cen­ge­rech­tig­keit auf­zu­neh­men.

Für ei­ne mensch­li­che Stadt, in der sich Stär­ke­re um Schwä­che­re küm­mern, mach­te sich Mar­tin Kör­ner (SPD) stark. „Die so­zia­le Ge­sell­schaft ist in Ge­fahr, wenn Ex­tre­mis­ten das Sa­gen ha­ben.“Kör­ner plä­dier­te für die Fünf-Mi­nu­ten-Stadt, in der wich­ti­gen Be­lan­ge – von Ki­ta bis Pfle­ge­heim – im Quar­tier der Be­woh­ner er­le­digt wer­den kön­nen. Als Er­folg von Hartz IV wer­te­te er den Rück­gang der Ar­beits­lo­sig­keit. Kör­ner frag­te, wo heu­te, wie im 19. Jahr­hun­dert, die Rei­chen sind, die Woh­nun­gen für Ar­me bau­en.

„Wol­len wir ei­ne Stadt wer­den, in der nur Rei­che im Pent­house woh­nen?“, frag­te Lau­ra Hal­ding-Hop­pen­heit (SÖS-Lin­kePlus). Es fehl­ten Heb­am­men, Er­zie­he­rin­nen und Ki­ta-Plät­ze. Der Ver­kehr müs­se ge­zü­gelt wer­den.

Für die Auf­wer­tung der Stadt­tei­le mach­te sich Ro­se von St­ein (Freie Wäh­ler) stark. „Die Men­schen sol­len sich in ih­ren Be­zir­ken wohl­füh­len. Sie for­dert den Bau von Pfle­ge­hei­men.

Stadt­tei­le stär­ken

„Li­be­ra­lis­mus nimmt Par­tei für die Men­schen­wür­de“, sag­te Si­bel Yük­sel (FDP). Sie wünscht sich öf­fent­li­che Or­te der Be­geg­nung. Von Al­ters­ar­mut sei­en vor al­lem Frau­en be­trof­fen, mahn­te sie. Von ei­ner Schau­fens­ter­de­bat­te sprach Hein­rich Fiecht­ner (BZS 23). Sei­ner An­sicht nach be­dient So­zi­al­po­li­tik vor al­lem be­stimm­te Kli­en­tel­grup­pen.

„Die So­zia­le Stadt lebt von der Nach­bar­schaft“, sag­te Ein­zel­stadt­rat Ralph Schert­len (Stad­t­is­ten). Wohn­be­zir­ke, in de­nen vie­le Be­nach­tei­lig­te leb­ten, müss­ten ge­stärkt wer­den. Mehr Woh­nun­gen, we­ni­ger Bau­vor­schrif­ten for­der­te Eber­hard Brett (AfD). Er möch­te ei­nen 24. Stadt­teil für Stutt­gart für 30 000 Men­schen bau­en. Mehr Woh­nun­gen möch­te auch Wal­ter Schu­peck (LKR).

Fo­to: Fer­di­nan­do Ian­no­ne

Je­den vier­ten Eu­ro ih­res Etats setzt die Lan­des­haupt­stadt für so­zia­le Auf­ga­ben ein. Die Stadt­rä­te wol­len da­mit den Zu­sam­men­halt in der Kom­mu­ne stär­ken.

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