Zum Ju­bi­lä­um Bei­fall und ein Zwi­schen­ru­fer

Ein Bünd­nis fei­ert im Land­tag 100 Jah­re Frau­en­wahl­recht in Würt­tem­berg und for­dert wei­te­re An­stren­gun­gen zur Gleich­stel­lung der Ge­schlech­ter.

Alb Bote (Münsingen) - - SÜDWESTUMSCHAU - Von Axel Ha­ber­mehl

Aus­schließ­lich Red­ne­rin­nen auf dem Po­di­um und im Pu­bli­kum ei­ne Frau­en­quo­te von deut­lich über 90 Pro­zent: Der Land­tag war am Sams­tag fest in weib­li­chen Hän­den.

An­lass war ein Ju­bi­lä­um: Am 12. Ja­nu­ar 1919 hat­ten zum ers­ten Mal Frau­en im da­ma­li­gen Volks­staat Würt­tem­berg ihr frisch er­run­ge­nes ak­ti­ves und pas­si­ves Wahl­recht wahr­ge­nom­men. Ba­den war sie­ben Ta­ge frü­her dran. 100 Jah­re spä­ter ver­sam­mel­ten sich am Sams­tag, auf Ein­la­dung des Lan­des­frau­en­ra­tes und des Ver­eins Frau­en und Ge­schich­te, rund 500 Gäs­te im Par­la­ments­ge­bäu­de in Stutt­gart, um „ei­nen Blick auf Ver­gan­ge­nes, Ge­gen­wär­ti­ges und Künf­ti­ges zu wer­fen“, wie es in der An­kün­di­gung hieß.

Die­ser Blick war ei­ner­seits von Stolz und Zuf­rie­den­heit ge­prägt. Die Ge­schich­te der zu­neh­men­den De­mo­kra­ti­sie­rung Deutsch­lands auch durch das Aus­wei­ten der Rech­te von Frau­en und ih­re zu­neh­men­de Re­prä­sen­tanz in Ge­sell­schaft und Po­li­tik sind schließ­lich er­kämpf­te Pf­rün­de der Frau­en­be­we­gung. „Die Er­fol­ge blü­hen sicht­bar“, wie es in ih­rer Be­grü­ßungs­an­spra­che Muh­te­rem Aras aus­drück­te, seit 2016 ers­te Land­tags­prä­si­den­tin im Süd­wes­ten. Nicht nur, so die Grü­ne stolz, kön­ne heu­te ei­ne Frau dem Lan­des­par­la­ment vor­sit­zen, Deutsch­land wer­de auch von ei­ner Bun­des­kanz­le­rin re­giert

Auch Char­lot­te Schnei­de­wind-Hart­na­gel, Vor­sit­zen­de des Lan­des­frau­en­ra­tes, er­klär­te, das Ju­bi­lä­um sei „An­lass zum Fei­ern“, be­ton­te aber ein­dring­lich die Not­wen­dig­keit hart­nä­ckig fort­ge­setz­ten Ein­sat­zes: „Der Weg der Gleich­be­rech­ti­gung ist ein wei­ter und bis heu­te noch nicht zu En­de ge­gan­gen.“Oh­ne Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit blei­be die De­mo­kra­tie un­voll­endet, be­ton­te die frü­he­re Grü­nen-Ab­ge­ord­ne­te.

Ein Bei­spiel für die Not­wen­dig­keit wei­te­rer An­stren­gun­gen hin zur Ge­schlech­ter-Gleich­stel­lung lag schon ört­lich be­son­ders nah, wur­de in den Re­den ent­spre­chend aus­gie­big her­an­ge­zo­gen und spä­ter auch in ei­ner von Stu­die­ren­den or­ga­ni­sier­ten Per­for­mance im Plenar­saal the­ma­ti­siert: Knapp 25 Pro­zent al­ler Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten sind in der lau­fen­den Le­gis­la­tur­pe­ri­ode weib­lich – und das bei ei­nem weib­li­chen Be­völ­ke­rungs­an­teil von zu­letzt knapp über 50 Pro­zent.

Noch ge­rin­ger ist die po­li­ti­sche Re­prä­sen­tanz im kom­mu­na­len Be­reich, wie die His­to­ri­ke­rin Syl­via Schraut von der Bun­des­wehr-Uni­ver­si­tät Mün­chen an­pran­ger­te. Der An­teil weib­li­cher Ge­mein­de­rä­te im Süd­wes­ten lie­ge lan­des­weit bei nur 23,2 Pro­zent, fast je­de drit­te Ge­mein­de (30,6 Pro­zent) ha­be ein Orts­par­la­ment, in dem höchs­tens zwei Frau­en mit­be­stim­men. „Es ist al­so of­fen­sicht­lich mit dem rei­nen Frau­en­wahl­recht nicht ge­tan“, fol­ge­re Schraut.

Und nun? In Ba­den-Würt­tem­berg hat­te sich ja die am­tie­ren­de grün-schwar­ze Re­gie­rung in ih­rem Ko­ali­ti­ons­ver­trag fest vor­ge­nom­men, die Frau­en­quo­te durch Re­form des Land­tags­wahl­rechts zu er­hö­hen, durch Ein­füh­rung ei­nes Mo­dells, bei dem ein Teil der Man­da­te über ge­schlech­ter­pa­ri­tä­tisch be­setz­te Par­tei­lis­ten be­setzt wür­de. Die­se Ver­ab­re­dung aber bleibt we­gen Wi­der­stands der CDU-Frak­ti­on un­er­füllt. Auch in an­de­ren Be­rei­chen sto­cke die Ent­wick­lung Rich­tung Gleich­stel­lung, be­fand Do­ris Kö­nig, Rich­te­rin am Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt: „Nicht nur geht es zu lang­sam vor­an. Es dro­hen auch Rück­schlä­ge.“

Nicht nur geht es zu lang­sam vor­an. Es dro­hen auch Rück­schlä­ge.

Do­ris Kö­nig

Rich­te­rin am Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt

Die Karls­ru­her His­to­ri­ke­rin Su­san­ne Asche stell­te fest: „Die Ge­schich­te lehrt, dass Rech­te und Hand­lungs­spiel­räu­me im­mer wie­der neu er­kämpft wer­den müs­sen.“Den Be­leg die­ses Sat­zes lie­fer­te der über die AfD in den Land­tag ein­ge­zo­ge­ne Ab­ge­ord­ne­te Hein­rich Fiecht­ner, der es of­fen­sicht­lich für not­wen­dig hielt, sich fort­lau­fend mit Zwi­schen­ru­fen in die Fest­ver­an­stal­tung hin­ein­zu­rü­peln und die Vor­trä­ge stö­rend zu un­ter­bre­chen. Zwar sorg­te er da­mit für un­über­seh­ba­re Scham un­ter sei­nen ver­ein­zel­ten Ge­schlechts­ge­nos­sen und un­über­hör­ba­re Ver­är­ge­rung des Pu­bli­kums. Die Red­ne­rin­nen aber nah­men es aus­nahms­los mit Ge­las­sen­heit. „Es gibt eben Män­ner“, stell­te et­wa mit ver­schmitz­tem Lä­cheln die un­ter­bro­che­ne Ver­fas­sungs­rich­te­rin Kö­nig fest, „die kön­nen Frau­en nicht ei­ne hal­be St­un­de zu­hö­ren, oh­ne sie zu un­ter­bre­chen“.

Fo­to: Tho­mas Kiehl

Er­fol­ge sicht­bar: Land­tags­prä­si­den­tin Muh­te­rem Aras.

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