Alb Bote (Muensingen)

Un­si­cher wie sel­ten

- Die­ter Kel­ler zum Herbst­gut­ach­ten der Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tu­te leit­ar­ti­kel@swp.de Coronavirus (COVID-19) · United States of America · Germany · Auch · IG Metall

Oft­mals sind es die klei­nen Mel­dun­gen, die als Seis­mo­graph gro­ßer Ent­wick­lun­gen die­nen. Volks­wa­gen holt ein paar hun­dert Zeit­ar­bei­ter, weil die Wolfs­bur­ger zu vie­le be­fris­te­te Ver­trä­ge nicht ver­län­gert ha­ben und die Nach­fra­ge zu­nimmt. Schön für sie. Gleich­zei­tig schätz­ten Fi­nanz­ex­per­ten die Kon­junk­tur­aus­sich­ten in der jüngs­ten mo­nat­li­chen Um­fra­ge des Zen­trums für Eu­ro­päi­sche Wirt­schafts­for­schung über­ra­schend schlecht ein. Von we­gen Tur­bo-Auf­schwung. Op­ti­mis­ten wie Pes­si­mis­ten fin­den in die­sen Herbst­ta­gen reich­lich Nah­rung, schon weil die Ent­wick­lung der Co­ro­na-Pan­de­mie ein stän­di­ges Auf und Ab be­schert. Mor­gen kann die La­ge schon wie­der ganz an­ders sein.

Wenn am Mitt­woch die gro­ßen Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tu­te ihr Herbst­gut­ach­ten vor­le­gen, be­stä­tigt sich mehr als je zu­vor die al­te Weis­heit: Pro­gno­sen sind schwie­rig, be­son­ders wenn sie die Zu­kunft be­tref­fen. Sel­ten gab es so vie­le Un­si­cher­hei­ten von Co­ro­na über den Br­ex­it bis zur Ent­wick­lung in den USA und im Rest der Welt. Wenn die In­sti­tu­te trotz­dem Wachs­tums­zah­len für die­ses und das nächs­te Jahr nen­nen, dann ist das eher Kaf­fee­satz­le­se­rei. Wich­ti­ger als die schein­bar ex­akt klin­gen­de Zif­fer hin­ter dem Kom­ma sind die Ten­denz und die Schluss­fol­ge­run­gen.

Co­ro­na hat nicht nur Deutsch­land in die größ­te Re­zes­si­on der Nach­kriegs­ge­schich­te ge­stürzt, son­dern al­le Län­der. Die Bun­des­re­pu­blik hat wei­ter­hin gu­te Aus­sich­ten, im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich noch ver­gleichs­wei­se glimpf­lich da­von­zu­kom­men. Zu­dem dürf­te der Ein­bruch in die­sem Jahr nicht ganz so groß aus­fal­len wie im Früh­jahr be­fürch­tet. Gleich­zei­tig zeich­net sich aber auch ab, dass die Er­ho­lung län­ger dau­ert als er­hofft.

Auch bei po­si­ti­ver Ent­wick­lung dürf­te es weit bis ins Jahr 2022 dau­ern, bis das Vor­kri­sen­ni­veau er­reicht ist. Rück­schlä­ge bei Co­ro­na könn­ten dies noch wei­ter hin­aus­zö­gern. Al­so kein Grund für ver­früh­ten Ju­bel.

Er­freu­lich po­si­tiv ent­wi­ckelt sich der Ar­beits­markt. Die Ar­beits­lo­sig­keit steigt, doch mas­si­ve Kurz­ar­beit hat das deut­lich ab­ge­fe­dert. Aber sie ist kei­ne Dau­er­lö­sung, ge­ra­de in Bran­chen wie der Au­to­mo­bil­in­dus­trie, die mit­ten in ei­nem ge­wal­ti­gen Struk­tur­wan­del ste­cken. Sie müs­sen die Zeit für klu­ge Wei­ter­bil­dung nut­zen – und für die Ent­wick­lung neu­er Pro­duk­te und Ge­schäfts­mo­del­le. In der an­lau­fen­den

Un­ter­neh­men müs­sen die Kri­se für klu­ge Wei­ter­bil­dung und In­no­va­tio­nen nut­zen.

Ta­rif­run­de soll­te sich die IG Me­tall zu­rück­hal­ten: Jetzt die Ar­beit zu ver­teu­ern, wä­re Gift für die Be­schäf­ti­gung.

Auch die Po­li­tik darf kei­ne zu­sätz­li­chen Be­las­tun­gen be­schlie­ßen. Im be­gin­nen­den Bun­des­tags­wahl­kampf ist es ver­füh­re­risch, Steu­er­er­hö­hun­gen für Rei­che, neue So­zi­al­leis­tun­gen oder An­sprü­che wie das Ar­bei­ten im Ho­me­of­fice zu for­dern. Vie­le Wäh­ler fin­den das gut. Doch min­des­tens eben­so wich­tig ist, wie das bei den Un­ter­neh­mern an­kommt: Es min­dert ih­re Be­reit­schaft, in Deutsch­land zu in­ves­tie­ren. Ge­nau das ist aber nö­tig, da­mit es den Bür­gern auch in Zu­kunft gut geht. Al­le sind ge­fragt, an ei­nem Strang zu zie­hen. Erst ein­mal, um die Pan­de­mie in den Griff zu be­kom­men. Sonst lei­den al­le.

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