Alb Bote (Muensingen)

Vom Win­de ver­weht

Stoß­lüf­ten und Fil­ter­an­la­gen sol­len hel­fen, über Herbst und Win­ter zu kom­men – denn in ge­schlos­se­nen Räu­men lau­ert die Co­ro­na-Ge­fahr. Auch über län­ge­re Weih­nachts­fe­ri­en wird dis­ku­tiert.

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Auch wenn vor al­lem über Be­her­bungs­ver­bo­te ge­strit­ten wird: Ei­ne gro­ße Co­ro­na-Ge­fahr stel­len jetzt ge­schlos­se­ne Räu­me dar, in de­nen sich das Vi­rus rasch neue Op­fer su­chen kann. Des­halb wird Stoß­lüf­ten emp­foh­len, auch Lüf­tungs­tech­nik kann hel­fen. Zu­dem wird dis­ku­tiert, die Weih­nachts­fe­ri­en zu ver­län­gern, um Kin­der, Leh­rer, El­tern zu schüt­zen.

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War­um wird das Lüf­ten wich­tig? Der Grund da­für sind die Ae­ro­so­le. Erst im Lau­fe der Pan­de­mie hat­te sich ja her­aus­ge­stellt, dass die An­ste­ckung nicht al­lein durch gro­ße Tröpf­chen, die der Mensch beim At­men, Spre­chen oder Nie­sen aus­stößt, er­folgt. Die Ae­ro­so­le, be­son­ders klei­ne Tröpf­chen, sind eben­falls ge­fähr­lich. Und sie kön­nen sich viel län­ger in der Luft hal­ten und ei­ne weit­aus län­ge­re Dis­tanz über­win­den als 1,5 Me­ter. Ei­ne Stu­die aus Ja­pan hat­te ge­zeigt, dass es 19 Mal wahr­schein­li­cher ist, sich in ge­schlos­se­nen Räu­men als im Frei­en zu in­fi­zie­ren. Das Mit­tel ge­gen Ae­ro­so­le heißt denn auch fri­sche Luft. Wenn sich die Ae­ro­so­le aus der Atem­luft schnell ver­dün­nen, ist die An­ste­ckungs­ge­fahr ge­ring. 2

Wie soll man lüf­ten? Ge­ne­rell wird das so­ge­nann­te Stoß­lüf­ten emp­foh­len: „Öff­nen Sie die Fens­ter ganz und mög­lichst noch ei­ne Tür. Erst wenn rich­ti­ger Durch­zug ent­steht, ist der Luf­taus­tausch op­ti­mal“, schreibt et­wa „Öko-Test“. Die bes­te Va­ri­an­te ist das Qu­er­lüf­ten, al­so ei­ne Lüf­tung über ge­gen­über­lie­gen­de Fens­ter, die weit ge­öff­net sind. Ist das bau­lich nicht ge­ge­ben, so die Kom­mis­si­on In­nen­raum­luft­hy­gie­ne (IRK) am Um­welt­bun­des­amt, soll­ten meh­re­re Fens­ter im Raum für ei­ni­ge Mi­nu­ten ge­öff­net wer­den. Das An­kip­pen von Fens­tern da­ge­gen nützt we­nig.

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Wie häu­fig soll man lüf­ten? Die Kom­mis­si­on emp­fiehlt den Schu­len, in je­der Un­ter­richts­pau­se in­ten­siv zu lüf­ten, bei län­ge­ren Un­ter­richts­ein­hei­ten von mehr als 45 Mi­nu­ten auch noch wäh­rend des Un­ter­richts. Und in den Co­ro­na-Ar­beits­schutz­re­geln der Bun­des­an­stalt für Ar­beits­schutz und Ar­beits­me­di­zin ist von ei­nem Lüf­ten von Bü­ro­räu­men nach 60 Mi­nu­ten und von Be­spre­chungs­räu­men nach 20 Mi­nu­ten die Re­de, – ver­se­hen aber auch hier mit dem Hin­weis, die­se Fre­quenz „in der Zeit der Epi­de­mie mög­lichst zu er­hö­hen“. Der SPD-Ge­sund­heits­po­li­ti­ker Karl Lau­ter­bach, selbst Arzt und Epi­de­mio­lo­ge, plä­diert so­gar da­für, dass „im Ab­stand von 30 Mi­nu­ten in Klas­sen und Bü­ros für zehn Mi­nu­ten ge­lüf­tet wird“. Um ei­ne An­ste­ckung zu ver­mei­den, soll­te laut Um­welt­bun­des­amt zu­dem nach je­dem Nie­sen oder Hus­ten so­fort stoß­ge­lüf­tet wer­den. Für Sport­räu­me emp­fiehlt die IRK, die ver­brauch­te Luft grund­sätz­lich je­de St­un­de fünf­mal durch Frisch­luft zu er­set­zen. 4

Häu­fig kann man gar nicht rich­tig lüf­ten. Was tun? In vie­len Schu­len gibt es nur Kipp­fens­ter, in Bü­ro­tür­men ge­schlos­se­ne Glas­fron­ten. Hier sol­le vor­han­de­ne Be­lüf­tungs­an­la­gen so er­tüch­tigt wer­den, dass sie die Vi­ren fast ganz raus­fil­tern. Auch kön­nen mo­bi­le Fil­ter­an­la­gen an­ge­schafft wer­den. Die Goe­the-Uni­ver­si­tät Frank­furt/Main hat ei­ne Wo­che lang Luf­t­rei­ni­ger in ei­ner Klas­se mit Leh­rern und 27 Schü­lern ge­tes­tet. Er­geb­nis: 30 Mi­nu­ten nach dem An­schal­ten wa­ren 90 Pro­zent der Ae­ro­so­le ent­fernt. Wich­tig: Nur An­la­gen mit ei­nem Hoch­leis­tungs­schweb­stoff­fil­ter (He­pa) hel­fen. Laut Pro­fes­sor Joa­chim Cur­ti­us re­du­ziert ein Luf­t­rei­ni­ger „die Men­ge Ae­ro­so­len so stark, dass in ei­nem ge­schlos­se­nen Raum auch die An­ste­ckungs­ge­fahr durch ei­ne hoch in­fek­tiö­se Per­son, ei­nen Su­per­spre­a­der, sehr deut­lich re­du­ziert wür­de“. Des­halb emp­feh­le man den Ein­satz.

Das In­sti­tut für Strö­mungs­me­cha­nik und Ae­ro­dy­na­mik der Bun­des­wehr­uni­ver­si­tät Mün­chen zieht die Tech­nik dem Lüf­ten so­gar vor. Die Mög­lich­keit, „die Vi­ren­last im Raum durch das re­gel­mä­ßi­ge freie Lüf­ten zu re­du­zie­ren, wird über­schätzt“. Fil­ter­an­la­gen sei­en bes­ser. Das Pro­blem: Nur hoch­wer­ti­ge und da­mit teu­re Ge­rä­te sei­en sinn­voll. Die be­annd­we­gen sich leicht im vier­stel­li­gen Eu­ro-Be­reich, an­ge­sichts der Fi­nanz­aus­stat­tung der Schu­len scheint ei­ne Mas­sen­be­schaf­fung un­rea­lis­tisch. Auch wenn Karl Lau­ter­bach es ei­ne „ex­trem wert­vol­le In­ves­ti­ti­on“fän­de. 5 Wer gut lüf­tet, friert aber. In der kal­ten Jah­res­zeit kann Lüf­ten schnell zu un­ge­müt­lich küh­len Räu­men füh­ren. Hier hel­fen laut „Öko-Test“nur ein zwei­ter Pull­over, Müt­ze, Schal und viel­leicht ei­ne Wärm­fla­sche auf dem Schoß. Der Phi­lo­lo­gen­ver­band emp­fiehlt den Schü­lern, sich nach dem Zwie­bel­prin­zip zu klei­den: meh­re­re Schich­ten über­ein­an­der. Da­durch ent­ste­hen zwi­schen den Schich­ten nicht nur Luft­pols­ter, die vor Wär­me schüt­zen. Wem zu warm wird, kann schnell ei­ne Schicht aus­zie­hen. Wer leicht schwitzt, soll­te auf Baum­wol­le di­rekt am Kör­per ver­zich­ten, da die­se die Feuch­tig­keit nicht so schnell wie­der ab­gibt, so­dass der Kör­per aus­kühlt. Üb­ri­gens: Käl­te al­lein führt nicht zu ei­ner Er­käl­tung. Käl­te kann laut „Öko-Test“al­ler­dings ei­nen In­fekt be­güns­ti­gen, wenn der Kör­per be­reits ge­gen Krank­heits­er­re­ger an­kämpft und die Käl­te das Im­mun­sys­tem zu­sätz­lich be­las­tet.

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Wer­den die Weih­nachts­fe­ri­en ver­län­gert, da­mit die Schü­ler nicht im Win­ter in der Zug­luft sit­zen? Das for­dern zu­min­dest zwei Uni­ons-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te. Chris­toph Ploß, Lan­des­vor­sit­zen­der der Ham­bur­ger CDU, hält ei­ne Ver­län­ge­rung der Fe­ri­en um zwei bis drei Wo­chen für an­ge­bracht. Da­für kön­ne man die Som­mer­fe­ri­en dann kür­zen. Ste­phan Pil­sin­ger (CSU) kann sich so­gar bis zu vier Wo­chen län­ge­re Fe­ri­en im Win­ter vor­stel­len. Ganz neu ist die Idee nicht. Die Vi­ro­lo­gen Chris­ti­an Dros­ten und Jonas Schmidt-Cha­na­sit brach­ten ei­ne Ver­län­ge­rung der Weih­nachts­fe­ri­en schon im Au­gust ins Ge­spräch. Rea­lis­tisch scheint ei­ne Um­set­zung der­zeit nicht. So ha­ben sich am Di­ens­tag die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Mar­kus Sö­der (CSU) und Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) da­ge­gen aus­ge­spro­chen. Auch die Che­fin der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz der Län­der, die rhein­land-pfäl­zi­schen Bil­dungs­mi­nis­te­rin Ste­fa­nie Hu­big (SPD), lehnt den Vor­schlag ab, will bei den Be­ra­tun­gen mit ih­ren Kol­le­gen am Frei­tag das The­ma aber zu­min­dest dis­ku­tie­ren.

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Wer be­stimmt, wie am Ar­beits­platz ge­lüf­tet wird? Auch oh­ne Co­ro­na gibt es Vor­ga­ben für das Lüf­ten. Zu fin­den sind sie in den Tech­ni­schen Re­geln für Ar­beits­stät­ten. Dem­nach muss in Bü­ros „ge­sund­heit­lich zu­träg­li­che Atem­luft in aus­rei­chen­der Men­ge vor­han­den sein“, was in der Re­gel der Au­ßen­luft­qua­li­tät ent­spricht. Gibt es kei­ne Lüf­tungs­an­la­ge, gilt das Prin­zip „frei­es Lüf­ten“. Al­ler­dings se­hen die Re­geln auch vor, dass „kei­ne un­zu­mut­ba­re Zug­luft“auf­tre­ten darf. Für die Raum­tem­pe­ra­tur gibt es eben­falls Re­geln, so sind bei sit­zen­den, leich­ten Tä­tig­kei­ten min­des­tens 20 Grad Cel­si­us die Norm. Die Bun­des­an­stalt für Ar­beits­schutz und Ar­beits­me­di­zin weist dar­auf hin, dass Zug­luft vor al­lem im Schul­ter-Na­cken-Be­reich, an den Fuß­ge­len­ken so­wie am Rü­cken zu Mus­kel­ver­span­nun­gen oder Er­käl­tun­gen füh­ren kann. Trotz die­ser Nach­tei­le heißt es aber auch: „Auf ei­ne aus­rei­chen­de Lüf­tung der Räu­me kann und soll­te nicht ver­zich­tet wer­den.“

 ?? Fo­to: ©Yut­ta­na Jao­wat­ta­na/Shut­ter­stock.com ?? Luft­fil­ter kön­nen nach­weis­lich ei­nen sehr gro­ßen Teil der Ae­ro­so­le aus der Atem­luft in ei­nem Klas­sen­raum ho­len.
Fo­to: ©Yut­ta­na Jao­wat­ta­na/Shut­ter­stock.com Luft­fil­ter kön­nen nach­weis­lich ei­nen sehr gro­ßen Teil der Ae­ro­so­le aus der Atem­luft in ei­nem Klas­sen­raum ho­len.

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