Alb Bote (Muensingen)

Ein fra­gi­ler Kon­ti­nent

In Bo­li­vi­en und Chi­le sol­len die lang­an­hal­ten­den und teils ge­walt­sa­men Pro­tes­te nun mit Wah­len be­frie­det wer­den. Ve­ne­zue­la da­ge­gen ist von ei­ner Lö­sung im Kampf um die Macht noch weit ent­fernt.

- Von To­bi­as Käu­fer Politics · La Paz · Oruro · Bolivia · Venezuela · Chile · Carlos Mesa · Mesa · JOKO - Velamos · Andes · Hamm · Kraftwerk · United States of America · Mexico · Argentina · Auch · Parliament of Singapore · European Union · Nicolás Maduro · United Nations · Michelle Bachelet · Santiago · Evo Morales · Augusto Pinochet

Der St­a­chel­draht ist quer über die Stra­ße ge­spannt, Au­to­rei­fen, Holz­pfäh­le und ein paar St­ei­ne er­le­di­gen den Rest: Es geht nichts mehr zwi­schen La Paz und Oru­ro. Die 233 Ki­lo­me­ter lan­ge Ver­bin­dungs­stra­ße Num­mer 1 ist zum Ziel ei­ner Stra­ßen­blo­cka­de ge­wor­den. Da­hin­ter ste­cken An­hän­ger des ehe­ma­li­gen bo­li­via­ni­schen Prä­si­den­ten Evo Mora­les und des­sen so­zia­lis­ti­scher Par­tei MAS. Mora­les ist – ob­wohl er vor knapp ei­nem Jahr nach Vor­wür­fen der Wahl­ma­ni­pu­la­ti­on ins Aus­land ge­flo­hen ist – im­mer noch ei­ne der ein­fluss­reichs­ten Fi­gu­ren in dem süd­ame­ri­ka­ni­schen Land. Er zieht aus dem ar­gen­ti­ni­schen Exil die Fä­den.

Dies­mal war der Wahl­ter­min Ge­gen­stand des Streits: Die Mora­les-An­hän­ger woll­ten so­fort wäh­len. Doch Bo­li­vi­en lei­det un­ter der Wucht der Co­ro­na-Pan­de­mie, wes­halb der Wahl­rat den Ur­nen­gang auf den 18. Ok­to­ber verschoben hat. Es ist ei­ner der vie­len Macht­kämp­fe, die nicht nur hier, son­dern auch in Ve­ne­zue­la und Chi­le to­ben.

Am kom­men­den Sonn­tag soll zu­min­dest in Bo­li­vi­en ein Jahr vol­ler in­nen­po­li­ti­scher Kon­flik­te und Kri­sen en­den. Im ers­ten Wahl­gang der Prä­si­dent­schafts­wahl geht MAS-Kan­di­dat Lu­is Ar­ce ins Ren­nen. Laut Um­fra­gen kommt er auf 34 Pro­zent, das wür­de al­ler­dings nur für ei­ne Stich­wahl rei­chen, wo der ge­mä­ßigt Kon­ser­va­ti­ve Car­los Me­sa sein Geg­ner wä­re. Und wohl auch der Fa­vo­rit. Denn bün­delt die Op­po­si­ti­on in ei­nem zwei­ten Wahl­gang die Kräf­te, dürf­te Ar­ce chan­cen­los sein, die MAS in der Op­po­si­ti­on und die Ära Mora­les end­gül­tig Ge­schich­te.

Un­ru­hen nach Wahl­ma­ni­pu­la­ti­on

Die An­den-Na­ti­on er­leb­te nach der Prä­si­dent­schafts­wahl am 20. Ok­to­ber ver­gan­ge­nen Jah­res hef­ti­ge Un­ru­hen. Schon die er­neu­te Kan­di­da­tur von Evo Mora­les war – nach ei­nem ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Re­fe­ren­dum über ei­ne da­zu not­wen­di­ge Ver­fas­sungs­än­de­rung – hoch um­strit­ten und nicht ver­fas­sungs­kon­form. Mora­les hat­te da­mals sein Wort ge­ge­ben, ei­ne Nie­der­la­ge zu ak­zep­tie­ren und nicht mehr an­zu­tre­ten. Doch er setz­te sei­ne vom bo­li­via­ni­schen Wahl­volk ab­ge­lehn­te Kan­di­da­tur auf ju­ris­ti­schem We­ge durch, was der Be­ginn der Kri­se war, die das Land bis heu­te ins Mark er­schüt­tert. Das sei ein Feh­ler ge­we­sen, räu­men Mora­les und sei­ne Nach­fol­ger in der MAS in­zwi­schen ein. „Wir ha­ben ge­lernt, dass das Er­geb­nis ei­nes Re­fe­ren­dums zu ak­zep­tie­ren ist“, sagt Ar­ce.

Bei den Prä­si­dent­schafts-Wah­len im Ok­to­ber 2019 es­ka­lier­te die Si­tua­ti­on, weil sich die Er­geb­nis­se nach ei­nem Aus­zäh­lungs­stopp plötz­lich zu­guns­ten von Mora­les än­der­ten. Die Op­po­si­ti­on warf dem seit 2006 re­gie­ren­den Prä­si­den­ten Wahl­be­trug vor, Mora­les be­stand zu­nächst auf ei­nem Sieg. Ei­ne Kom­mis­si­on der Or­ga­ni­sa­ti­on Ame­ri­ka­ni­scher Staa­ten (OAS) aber be­stä­tig­te die Ein­schät­zung der Mora­les-Geg­ner, sprach von Hin­wei­sen auf schwer­wie­gen­de Ma­ni­pu­la­ti­ons­ver­su­che und emp­fahl da­her Neu­wah­len. Mora­les trat dar­auf­hin zu­rück, ging erst nach Me­xi­ko und spä­ter nach Ar­gen­ti­ni­en ins Exil.

In­zwi­schen weist er die Vor­wür­fe zu­rück und spricht von ei­nem Putsch­ver­such ge­gen ihn. Es ist ei­ne un­rühm­li­che Schlus­s­epi­so­de ei­ner im Prin­zip er­folg­rei­chen Ära, in der er die Rech­te der in­di­ge­nen Völ­ker stärk­te, das Land wirt­schaft­lich vor­an­brach­te, sich am En­de aber für un­er­setz­lich hielt und dar­an schei­ter­te. Hät­te er das Vo­tum sei­ner Lands­leu­te beim Ver­fas­sungs­re­fe­ren­dum ak­zep­tiert, wä­re er wohl als ei­ner der er­folg­reichs­ten Prä­si­den­ten in die Ge­schich­te des süd­ame­ri­ka­ni­schen Lan­des ein­ge­gan­gen.

Po­li­ti­scher Über­va­ter ist un­er­wünscht

Nach Mora­les schei­ter­te die rech­te Über­gangs­prä­si­den­tin Jea­ni­ne Anez mit dem Ver­such, ihr In­te­rim­s­amt da­zu zu nut­zen, sich selbst als Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin zu in­sze­nie­ren. Vor we­ni­gen Wo­chen zog sie an­ge­sichts ih­rer Chan­cen­lo­sig­keit ih­re Kan­di­da­tur zu­rück. Ge­gen Mora­les wie­der­um gibt es in­zwi­schen Vor­wür­fe, er ha­be die Be­wun­de­rung min­der­jäh­ri­ger An­hän­ge­rin­nen se­xu­ell aus­ge­nutzt. Jetzt ge­hen auch sei­ne ehe­ma­li­gen Mit­strei­ter auf Dis­tanz zu ihm. Die Vor­wür­fe müss­ten auf­ge­klärt wer­den, sag­te Ex-Au­ßen­mi­nis­ter Da­vid Cho­que­huan­ca. Zu­gleich stell­te der Kan­di­dat für das Vi­ze­prä­si­den­ten­amt der Mora­les-Par­tei klar, dass die Mehr­heit der Ba­sis kei­ne Rück­kehr des Ex-Prä­si­den­ten in die Po­li­tik wün­sche. Bei den So­zia­lis­ten be­ginnt nun die Wei­chen­stel­lung für die Zeit nach dem po­li­ti­schen Über­va­ter.

Kei­ne Klar­heit ist da­ge­gen in Ve­ne­zue­la in Sicht. Dort rei­ßen die Pro­tes­te nicht ab. Tau­sen­de Men­schen de­mons­trie­ren im gan­zen Land ge­gen die ka­ta­stro­pha­le Trink­was­ser­ver­sor­gung und den Ben­zin­man­gel. Die un­ab­hän­gi­ge „Ve­ne­zo­la­ni­sche Be­ob­ach­tungs­stel­le für so­zia­le Kon­flik­te“(OVCS) hat al­lein im Au­gust 748 Pro­tes­te ge­gen die Ver­sor­gungs­si­tua­ti­on im Land ge­zählt.

Auch hier steht in Kür­ze ein Ur­nen­gang an. Am 6. De­zem­ber wird ein neues Par­la­ment ge­wählt. Doch von ei­ner Lö­sung der po­li­ti­schen Kri­se, die fünf Mil­lio­nen Men­schen zur Mi­gra­ti­on trieb, ist das Land mei­len­weit ent­fernt. Tei­le der zer­strit­te­nen Op­po­si­ti­on boy­kot­tie­ren die Wah­len, weil sie Ma­ni­pu­la­tio­nen be­fürch­ten. Die Eu­ro­päi­sche Uni­on stün­de als Wahl­be­ob­ach­ter be­reit, stellt aber Be­din­gun­gen, die die re­gie­ren­den So­zia­lis­ten um Prä­si­dent Ni­co­las Ma­du­ro ab­leh­nen.

Fol­ter und Hin­rich­tun­gen

Doch Ma­du­ro ge­rät im­mer mehr un­ter Druck, seit die UN-Men­schen­rechts­kom­mis­sa­rin Mi­chel­le Ba­che­let ei­nen Be­richt ver­öf­fent­licht hat, der Ve­ne­zue­la schwers­te Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen wie Fol­ter und au­ßer­ge­richt­li­che Hin­rich­tun­gen vor­wirft. Seit­her dis­tan­zie­ren sich auch mehr und mehr lin­ke Un­ter­stüt­zer vom Ma­du­ro-Re­gime.

In Chi­le wird En­de Ok­to­ber eben­falls ge­wählt. Dort geht es nicht um ei­ne neue Re­gie­rung, son­dern gleich um ei­ne neue Ver­fas­sung. Denn die ak­tu­el­le stammt noch aus der Zeit der bru­ta­len Mi­li­tär­dik­ta­tur von Ge­ne­ral Au­gus­to Pi­no­chet (1973 bis 1990). Sie wur­de und wird bis heu­te von den Si­cher­heits­kräf­ten un­ter an­de­rem da­für ver­wen­det, hart ge­gen de­mons­trie­ren­de Ur­ein­woh­ner, die Ma­pu­che, aber auch ge­gen Re­gie­rungs­geg­ner vor­zu­ge­hen. Es gilt als si­cher, dass sich ei­ne Mehr­zahl der Chi­le­nen für die Aus­ar­bei­tung ei­ner neu­en Ver­fas­sung aus­spre­chen wird. Die ei­gent­li­che Ar­beit be­ginnt dann erst.

Auch in Chi­le gin­gen Hun­dert­tau­sen­de auf die Stra­ße, um end­lich den Schat­ten der Ver­gan­gen­heit los­zu­wer­den, der sich bis heu­te in bru­ta­ler Po­li­zei­ge­walt wi­der­spie­gelt. Und auch hier muss­te der Wahl­ter­min we­gen der Pan­de­mie verschoben und da­mit der Schwe­be­zu­stand ver­län­gert wer­den. Erst vor ei­ner Wo­che war­fen die Si­cher­heits­kräf­te ei­nen de­mons­trie­ren­den Te­enager von ei­ner Brü­cke und ver­ur­sach­ten da­mit ei­ne neue Wut­wel­le in­ner­halb des Lan­des.

Doch es geht um viel mehr als nur um neue Re­geln für die Po­li­zei. In Chi­le ent­schei­det sich auch ei­ne an­de­re Fra­ge, die auf die Re­gi­on aus­strah­len wird: Wel­che Rech­te ha­ben die Ur­ein­woh­ner und wie wer­den die­se in ei­ner neu­en Ver­fas­sung ver­an­kert? In Chi­le wie auch in Ar­gen­ti­ni­en sind die Ma­pu­che nicht mehr be­reit, sich vom Staat mit Ver­spre­chun­gen hin­hal­ten zu las­sen und agie­ren zu­neh­mend of­fen­si­ver mit Land­be­set­zun­gen

Wir ha­ben ge­lernt, dass das Er­geb­nis ei­nes Re­fe­ren­dums zu ak­zep­tie­ren ist.

Lu­is Ar­ce

Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat in Bo­li­vi­en

und bis­wei­len auch ge­walt­tä­ti­gem Wi­der­stand wie dem Nie­der­bren­nen von Last­wa­gen.

Schät­zun­gen zu­fol­ge gibt es noch rund 600 000 Ma­pu­che im Sü­den Chi­les. Wei­te­re Hun­dert­tau­sen­de le­ben größ­ten­teils kul­tu­rell ent­wur­zelt in der Haupt­stadt San­tia­go. Nur noch 10 bis 15 Pro­zent der Ma­pu­che spre­chen ak­tiv ih­re Spra­che, das Ma­pu­dun­gun. Im All­tag sind die Ur­ein­woh­ner Dis­kri­mi­nie­rung und Vor­ur­tei­len aus­ge­setzt. Die Pi­no­chet-Dik­ta­tur leug­ne­te die Exis­tenz ei­ner eth­ni­schen Min­der­heit.

Die Ma­pu­che (über­setzt „Men­schen der Er­de“) le­ben tra­di­tio­nell nicht hier­ar­chisch und in Ein­klang mit der Na­tur. Da­zu im Kon­trast ste­hen in­dus­tri­el­le For­men der Land­wirt­schaft und der Aus­beu­tung na­tür­li­cher Res­sour­cen, die ih­ren Le­bens­raum be­dro­hen. Au­ßer­dem füh­ren die wach­sen­de Um­welt­be­las­tung, zahl­rei­che Men­schen­rechts­ver­stö­ße und gro­ße In­fra­struk­tur­pro­jek­te zu schwe­ren Kon­flik­ten. The­men, die ak­tu­el­ler nicht sein könn­ten und ei­nen span­nen­den Ver­fas­sungs­bil­dungs­pro­zess an­kün­di­gen. Mit Vor­bild­cha­rak­ter für die gan­ze Re­gi­on.

 ?? Fo­to Ro­nal­do Sche­midt/afp ?? An­hän­ger des ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten Evo Mora­les de­mons­trie­ren in der bo­li­via­ni­schen Stadt Cochabam­ba.
Fo­to Ro­nal­do Sche­midt/afp An­hän­ger des ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten Evo Mora­les de­mons­trie­ren in der bo­li­via­ni­schen Stadt Cochabam­ba.
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De­mons­tran­ten zün­den in San­tia­go de Chi­le ei­ne Stra­ßen­sper­re an.
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In Bo­li­vi­en wird am Sonn­tag ein Nach­fol­ger von Ex-Prä­si­dent Evo Mora­les (links) ge­wählt. Über­gangs­prä­si­den­tin Jea­ni­ne Anez (un­ten) zog ih­re Kan­di­da­tur zu­rück. In Ve­ne­zue­la ist wei­ter der um­strit­te­ne Prä­si­dent Ni­co­las Ma­du­ro an der Macht.
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