Alb Bote (Muensingen)

Ro­man

Fa­bio An­di­na: Ta­ge mit Fe­li­ce (Fol­ge 4)

- Stein, St. Gallen · Swiss Armed Forces · Erlauf

Eschen mit sicht­ba­ren Nar­ben auf der Hö­he der Mäu­ler von Hir­schen, die in ver­gan­ge­nen Win­tern aus Hun­ger die Rin­de an­ge­nagt ha­ben. Wir ver­mei­den die von den Trak­to­ren hin­ter­las­se­nen schlam­mi­gen Fur­chen. Un­se­re Fuß­ab­drü­cke von vor ei­ner knap­pen St­un­de sind zum Teil noch sicht­bar und zum Teil vom Schlamm auf­ge­so­gen. Rings­her­um vom Re­gen ge­wa­sche­ne Vieh­wei­den und ein fri­scher Ge­ruch in der Luft. Ehe er den Stall be­tritt, spuckt Fe­li­ce ei­nen grü­nen Brei aus. Die Lat­sche. Mitt­ler­wei­le melkt die Melk­ma­schi­ne auf vol­len Tou­ren, und Sos­to steht da und kon­trol­liert die Hö­he der Milch in ei­ner Kan­ne.

Flei­ßig, flei­ßig, ruft Fe­li­ce ihm zu, wor­auf der Bau­er mit Jo ant­wor­tet, den Blick fest auf die Li­ter­zah­len ge­rich­tet.

Sos­to, be­grü­ße auch ich ihn. Er dreht sich um und ta­xiert mich mit sei­nen Äug­lein. Ich will ihm sa­gen, dass es die Gum­pe wirk­lich gibt, dass sie oben hin­ter dem Sel­vac­cia-Wald liegt, im Gu­run­din, aber Fe­li­ce wirft mir ei­nen stren­gen Sei­ten­blick zu. Bòn, sagt er. Auf. Ciao, dann. Ciao, Sos­to. Al­so ciao. Drau­ßen vor dem Stall steht sein Haf­lin­ger-Ge­län­de­wa­gen mit dem klei­nen An­hän­ger für den Trans­port der Milch­kan­nen. Oh­ne Kenn­zei­chen, vor Jahr­zehn­ten von sei­nem se­li­gen Va­ter An­sel­mo bei ei­ner Auk­ti­on der Schwei­zer Ar­mee in Thun er­stan­den. Wir ge­hen im Marsch­schritt hin­un­ter ins Dorf. Ich stamp­fe mit den Schu­hen auf, um den Schlamm ab­zu­schla­gen. Fe­li­ces Fü­ße wa­schen sich von al­lein im nas­sen Gras am Stra­ßen­rand.

Flo­ro, scheint es, schläft im­mer noch, nichts regt sich, nicht mal im Schorn­stein. In­zwi­schen ist sei­ne Hüt­te, der not­dürf­tig aus­ge­bes­ser­te Stall, gut sicht­bar. Hin­ge­spuckt zwi­schen vier Fe­ri­en­cha­lets mit ge­schlos­se­nen Fens­ter­lä­den, Pa­ra­bol­an­ten­nen auf den neu­en Dä­chern aus gleich­mä­ßig zu­ge­schnit­te­nen Na­tur­stein­plat­ten, Lat­ten­zäu­nen aus Kas­ta­ni­en­holz und Schutz­dä­chern für die Au­tos. Wie­der ein­mal den­ke ich, dass Flo­ros Be­hau­sung wirk­lich das schwar­ze Schaf von Leon­ti­ca ist.

Das in der bei­ßend kal­ten Luft damp­fen­de Mu­li kommt er­neut auf uns zu, um sich strei­cheln zu las­sen. Wir tun ihm den Ge­fal­len. Aus sei­ner Na­se schnaubt es übel rie­chen­de Was­ser­trop­fen.

Im Dorf an­ge­kom­men, ver­schwin­det er in sei­nen Schup­pen, um Holz zu ho­len, und ich ge­he auf ei­nen Sprung zu mir, um et­was Tro­cke­nes an­zu­zie­hen, dann bin ich wie­der bei ihm. Er sitzt auf ei­nem Stuhl, die Bei­ne über­ein­an­der­ge­schla­gen und den Blick auf ei­nen Riss in der kalk­ver­putz­ten Wand ge­hef­tet. Ich sa­ge nichts, rü­cke ei­nen Stuhl an den klei­nen Tisch oh­ne Tisch­de­cke und set­ze mich. Der Spar­herd ist an­ge­feu­ert. Das Holz knis­tert, und es ist an­ge­nehm warm.

Als das Was­ser in ei­nem Töpf­chen über­kocht, steht er auf. Er nimmt ei­ne Hand­voll ge­trock­ne­te Kräu­ter aus ei­ner Papp­schach­tel und wirft sie hin­ein. Öff­net dann ei­ne Schub­la­de des Kü­chen­schranks und holt ei­nen Scho­ko­rie­gel her­aus. Aus der an­de­ren Schub­la­de nimmt er ein in Zei­tungs­pa­pier ein­ge­wi­ckel­tes Stück Brot, packt es aus und legt das Pa­pier mit­ten auf den Tisch, um ge­rös­te­te Mar­ro­ni aus ei­ner wei­te­ren Papp­schach­tel dar­auf zu ver­tei­len. Er macht ein Fens­ter auf, nimmt ei­nen Jo­ghurt im Glas von der Fens­ter­bank und stellt ihn vor mich hin. Gießt den damp­fen­den Auf­guss in ei­ne Tas­se, sagt bòn, dreht den Stuhl um und setzt sich mir ge­gen­über. Im Nu hat er mir Früh­stück ge­macht. Kräu­ter­tee, Nuss­jo­ghurt, dunk­le Scho­ko­la­de, Brot und ein paar Mar­ro­ni, kalt und hart wie St­ein. Der Tee ist bit­ter, wärmt aber im­mer­hin und ver­treibt so­fort das in­ne­re Frös­teln, das ich noch im Kör­per hat­te. Wäh­rend ich mir ei­ne zwei­te

Tas­se ein­schen­ke, legt er ein Scheit in den Herd, re­gelt mit dem He­bel den Rauch­ab­zug und geht hin­aus, lässt die Tür of­fen.

Der Him­mel hat sich jetzt völ­lig auf­ge­klart, der Wind sich ge­legt. Die mil­de Son­ne steht ei­ne Hand­breit über dem Si­ma­no. Ich schie­be mei­ne Pull­over­är­mel hoch und ma­che es mir auf der Gra­nit­bank rechts der Haus­tür be­quem. So sit­zen wir da, still und stumm wie zwei Ei­dech­sen. Die Rü­cken an die un­ver­putz­te St­ein­wand ge­lehnt.

Ein Ne­bel­streif un­ten im Tal ver­birgt die Dör­fer Don­gio, Ac­qua­ros­sa und Lot­ti­gna. Hin­ter uns bellt der Hund der Leh­re­rin Sa­bi­na, wei­ter ent­fernt ant­wor­tet ihm ein an­de­rer.

Fort­set­zung folgt

© Edi­ti­on Blau im Rot­punkt­ver­lag

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