Alb Bote (Muensingen)

Die Un­ter­welt vor Au­gen

Er­leb­nis mit Bril­le und ein paar Ma­cken: Das Staats­thea­ter Augs­burg schickt die Zu­schau­er der Gluck-Oper „Or­feo ed Eu­ri­di­ce“in di­gi­ta­le Sphä­ren.

- Von Mar­cus Gol­ling Tech Trends · Tech · Virtual Reality · Technology Industry · Kulturní dům města Soběslavi · Ingolstadt · Caravaggio · Caravaggio · Marina Abramović · Natalya Neidhart · Rome · Berlin · Grad, Grad

Das Ely­si­um ist ei­ne an­ti­ke und fri­vo­le Well­nes­s­oa­se.

Die Pre­mie­re von Wil­li­bald Glucks Oper „Or­feo ed Eu­ri­di­ce“am Staats­thea­ter Augs­burg hat noch nicht ein­mal an­ge­fan­gen, da ist die Be­glei­tung weg und rund um den ei­ge­nen Platz sind al­le Stüh­le leer. Nur rechts hockt ei­ne La­dy im Fla­min­go­kleid, die ei­nen mit ge­spitz­tem Mund an­flir­tet – bis man die VR-Bril­le nach dem Test­lauf ab­nimmt und zu­rück­kehrt in die ech­te Welt, in der trotz Co­ro­na-Auf­la­gen et­was mehr Stüh­le be­setzt sind. Da­für mit we­ni­ger schril­len Fi­gu­ren.

Die Ein­füh­rung, für die das Staats­thea­ter Schau­spie­le­rin Marie Ul­bricht als Gui­de en­ga­giert hat, ist nö­tig, denn für den ty­pi­schen Opern­be­su­cher ist der Um­gang mit Vir­tu­al Rea­li­ty (VR) Neu­land. Die Augs­bur­ger sind nach ei­ge­nen An­ga­ben das ers­te Thea­ter über­haupt, dass die Tech­no­lo­gie so um­fas­send im Rah­men ei­ner Opern­in­sze­nie­rung ein­setzt. Dass mehr als 500 VR-Bril­len (in Ko­ope­ra­ti­on mit dem Stadt­thea­ter In­gol­stadt an­ge­schafft) über ein WLAN-Netz­werk ge­steu­ert wer­den kön­nen, sei so­gar ei­ne Welt­neu­heit.

Dass die Wahl von In­ten­dant und Re­gis­seur An­dré Bü­cker auf die spät­ba­ro­cke Re­form­oper „Or­feo ed Eu­ri­di­ci“fiel, liegt am Stoff, der den Wech­sel zwi­schen Re­al­welt/Büh­nen­ge­sche­hen und Un­ter­welt/VR-Er­fah­rung lo­gisch er­schei­nen lässt. Für die Pro­duk­ti­on er­stell­te die Agen­tur Heim­spiel mit Com­pu­ter­spiel- und 3D-Soft­ware 25 Mi­nu­ten VR-Se­quen­zen, für de­ren Ren­de­ring lie­fen die Com­pu­ter fünf Mo­na­te. Das Er­geb­nis ist be­acht­lich, er­reicht aber in Sa­chen Ani­ma­ti­on nicht die Qua­li­tät ak­tu­el­ler Block­bus­ter-Vi­deo­spie­le, die Mil­lio­nen­bud­gets ver­brau­chen.

Im ech­ten Thea­ter (Büh­ne: Jan Stei­gert) se­hen die Zu­schau­er ein Museum, in dem Meis­ter­wer­ke des Hell-Dun­kel-Vir­tuo­sen Ca­ra­vag­gio aus­ge­stellt wer­den, um­schwärmt vom Opern­chor als

Tou­ris­ten­pö­bel, Geist­lich­keit und Kunst­pro­mi­nenz (Jo­na­than Mee­se und Ma­ri­na Abra­mo­vic). Ganz ver­sun­ken in die Ge­mäl­de ist aber Or­feo (ein­fühl­sam und ge­schmei­dig: Pre­mie­ren­be­set­zung Na­ta­lya Boeva, Mez­zo­so­pran), zwar in Ho­sen, aber nicht als Mann ver­klei­det (Ko­s­tü­me: Li­li Wan­ner).

Or­feo trau­ert um sei­ne Ge­lieb­te Eu­ri­di­ce (emo­tio­nal auf­rüt­telnd: Ji­hyun Ce­ci­lia Lee, So­pran). Die hockt in der Ecke der Ga­le­rie auf ei­nem Sitz­sack, durch ei­ne VR-Bril­le vor dem Ge­sicht ab­ge­mel­det aus dem Le­ben. Lie­bes­gott Amo­re (spie­le­risch stark: Ole­na Sloia, So­pran), Ty­pus auf­ge­dreh­te ita­lie­ni­sche Nacht­club-Wir­tin, weiß ein Mit­tel ge­gen die Trau­rig­keit: Or­feo darf sei­ne Liebs­te aus der Un­ter­welt be­frei­en, mit den be­kann­ten Auf­la­gen.

Da kom­men die un­ter den Stüh­len ver­stau­ten Bril­len zum Ein­satz, auf Kom­man­do von VR­Gui­de Ul­bricht. Und hin­ab geht es im Sink­flug in ei­ne asia­ti­sche Cy­ber­punk-Me­ga­ci­ty mit pa­pier­nen Schat­ten­we­sen und tan­zen­den Fu­ri­en mit Me­du­sa-Mas­ken als End­geg­nern vor dem Tor zum Ely­si­um. Letz­te­res sieht spä­ter so aus, als hät­te ein Bor­dell-In­nen­ar­chi­tekt

das al­te Rom zum fri­vo­len Well­ness-Pa­ra­dies (in­klu­si­ve pis­sen­der Göt­tin­nen-Sta­tue) um­ge­stal­tet. Ver­ständ­lich, dass Eu­ri­di­ce ge­ret­tet wer­den will. Ori­gi­nell auch die letz­te VR-Pas­sa­ge, in der Amors Hand die klei­ne Woh­nung für das wie­der­ver­ein­te

ein­rich­tet: mit Be­woh­nern, die kei­ne In­di­vi­du­en, nur mehr Avat­are sind, auch da­nach auf der ech­ten Büh­ne. Bei Gluck fin­det das Paar ein Hap­py End, bei Bü­cker fühlt es sich ko­misch an.

Für die Zu­schau­er, de­nen es un­ter der VR-Bril­le nicht schwind­lig wird, ist „Or­feo ed Eu­ri­di­ce“in Augs­burg ei­ne neue Thea­ter­er­fah­rung. Doch legt der Abend eben auch die Pro­ble­me der Tech­no­lo­gie of­fen: Mit dem Ge­rät auf dem Kopf ver­liert man sich leicht in den Bild­wel­ten und nimmt die Mu­sik nur noch als Hin­ter­grund­ge­räusch wahr. Dass die um Gast­mu­si­ker an Zin­ken, Lau­te und Cem­ba­lo auf­ge­rüs­te­ten Augs­bur­ger Phil­har­mo­ni­ker un­ter der Lei­tung von Wolf­gang Katsch­ner (Laut­ten Com­pa­gney Ber­lin) co­ro­nabe­dingt nur vom Pro­ben­raum aus zu­ge­schal­tet sind, macht es nicht bes­ser: Op­tisch ist die Oper ein 360-Grad-Er­leb­nis, akus­tisch klingt sie nach Ste­reo­an­la­ge da­heim.

Nur ein ers­ter Schritt

Bei al­ler Fas­zi­na­ti­on, die VR im Thea­ter aus­lö­sen kann: Es kann in die­ser Form nur ei­ne Über­gangs­lö­sung sein. Wie auf­re­gend wä­re es, mit Aug­men­ted Rea­li­ty die Gren­zen zwi­schen Büh­nen­ge­sche­hen und di­gi­ta­len Wel­ten zu ver­wi­schen? Wie be­rei­chernd wä­re es, könn­te man als Zu­schau­er die vir­tu­el­len Bil­der nicht wie aus dem Flug­zeug be­trach­ten, son­dern ei­ge­ne We­ge ge­hen, die Um­ge­bung ma­ni­pu­lie­ren? Das Staats­thea­ter Augs­burg geht ei­nen ers­ten Schritt – und träumt von mehr. Zum Thea­ter­team ge­hört in­zwi­schen ei­ne Pro­jekt­lei­te­rin für di­gi­ta­le Ent­wick­lung. Es ge­he nicht dar­um, das ana­lo­ge Thea­ter zu er­set­zen, be­tont In­ten­dant Bü­cker. Es wä­re auch scha­de um ei­ne ge­lun­ge­ne Ins­ze­nie­rung wie „Or­feo ed Eu­ri­di­ce“.

In­fo Wie­der am 17. und 18. Ok­to­ber in der Spiel­stät­te im Mar­ti­ni-Park, wei­te­re Ter­mi­ne bis Weih­nach­ten.

 ?? Fo­to: Heim­spiel Gm­bH/Chris­ti­an Schläf­fer ?? Die tan­zen­den Fu­ri­en sind ein Hö­he­punkt der Vir­tu­al-Rea­li­ty-Pas­sa­gen in „Or­feo ed Eu­ri­di­ce“.
Fo­to: Heim­spiel Gm­bH/Chris­ti­an Schläf­fer Die tan­zen­den Fu­ri­en sind ein Hö­he­punkt der Vir­tu­al-Rea­li­ty-Pas­sa­gen in „Or­feo ed Eu­ri­di­ce“.
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Ji­hyun Ce­ci­lia Lee hat als Eu­ri­di­ce eben­falls die Bril­le auf.

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