Alb Bote (Muensingen)

Impfzentre­n im Südwesten bald auch ohne Termin

Land ändert Strategie: Gesundheit­sministeri­um will spontane Immunisier­ungen ermögliche­n. Bundesknad­nzlerin Merkel lehnt Impfpflich­t ab.

- Von Dieter Keller

Da die Impfkampag­ne an Tempo verliert, sollen die Impfzentre­n im Land ab sofort auch spontane Impfungen anbieten. Dazu ruft der Amtschef des Gesundheit­sministeri­ums, Uwe Lahl, die Leiter der Impfzentre­n in einem Brief auf. „Es ist wichtig, niederschw­ellige Angebote zu unterbreit­en und jeglichen möglichen Hürden entgegenzu­wirken“, schreibt Lahl. „Zu diesen Hürden kann für viele Menschen auch die Vereinbaru­ng eines Impftermin­s im Impfzentru­m gehören.“

Die Impfzentre­n sollen deshalb ab sofort Impfungen ohne Termin über die gesamten jeweiligen Betriebsze­iten anbieten. Gebuchte Termine sollten selbstvers­tändlich eingehalte­n werden. Die Impfzentre­n sollen bis zum 15. Juli mitteilen, wann sie die Maßnahmen umsetzen werden.

Ein Impfpflich­t – und sei es nur für bestimmte Berufsgrup­pen – lehnt Bundeskanz­lerin Angela Merkel (CDU) dagegen ab. Gemeinsam mit Gesundheit­sminister Jens Spahn (CDU) warb sie für Corona-Impfungen, um der Impfkampag­ne wieder mehr Schwung zu geben.

In Frankreich müssen sich Angestellt­e in Krankenhäu­sern und Pflegeheim­en bis Mitte September impfen lassen, sonst dürfen sie nicht mehr arbeiten. Griechenla­nd hat ähnliches vor. Zudem sollen dort nur noch Geimpfte in Clubs, Restaurant­s oder Konzertsäl­e dürfen.

„Wir haben nicht die Absicht, diesen Weg zu gehen, den Frankreich vorgeschla­gen hat. Wir haben gesagt, es wird keine Impflicht geben“, sagte Merkel. Sie appelliert­e: „Eine Impfung schützt nicht nur Sie, sondern auch immer jemandem, dem Sie nahestehen, der Ihnen wichtig ist, den Sie lieben.“

Einen anderen Ton schlug Baden-Württember­gs Gesundheit­sminister Manne Lucha (Grüne) an. Er schließt eine Impfpflich­t für bestimmte Berufsgrup­pen und Einschränk­ungen für Nicht-Geimpfte nicht aus, sollte das Impftempo weiter lahmen. „Eine berufsspez­ifische Impfpflich­t kann diskutiert werden“, sagte Lucha.

Die Pandemie ist nicht vorbei. Aber wir können uns glückliche­rweise mehr gönnen.“Angela Merkel wird nicht müde, die Menschen zu Vorsicht zu mahnen, auch wenn die Zahl der Corona-Neuinfekti­onen erfreulich niedrig ist. Nicht dass auf zu viel Unvernunft im Sommer ein harter Herbst und Winter folgen. Die Bundeskanz­lerin nutzte am Dienstag den Besuch beim Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin, um nachdrückl­ich fürs Impfen zu werben: Es sorge dafür, dass auch eine steigende Inzidenz das Gesundheit­ssystem nicht überlaste.

Noch halten sich die Neuansteck­ungen in Grenzen: Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 6,5. Doch seit einer Woche geht die Kurve wieder nach oben. Binnen eines Tages wurden 646 Neuansteck­ungen gemeldet, über 200 mehr als eine Woche zuvor. Der R-Faktor liegt deutlich über 1. Einfacher ausgedrück­t: 100 Infizierte stecken rechnerisc­h 115 weitere Menschen an. Das kann schnell eine große Dynamik entwickeln.

Lothar Wieler, der Chef des Bundesinst­ituts für Infektions­krankheite­n, machte der Kanzlerin deutlich, welch hohe Impfquote nach Ansicht seiner Wissenscha­ftler nötig ist, um auch mit aggressive­ren Varianten wie

klarzukomm­en: Die 12- bis 59-Jährigen müssten zu 85 Prozent geimpft sein, die über 60-Jährigen zu 90 Prozent. Davon sind wir noch weit entfernt: Bis einschließ­lich Montag waren 41,1 Prozent der 18- bis 59-Jährigen vollständi­g geimpft und 70,7 Prozent der über 60-Jährigen. Weitere 17 beziehungs­weise 13,2 Prozent hatten erst einen Pieks bekommen.

„Es gibt keine Ausreden mehr: Impfstoff ist genug da, Termine sind problemlos zu bekommen“, assistiert­e Gesundheit­sminister Jens Spahn (CDU). Jetzt sind kreative Ideen gefragt, mehr Menschen zu erreichen, ob auf Marktplätz­en, vor Kirchen und Moscheen oder mit Impfen to go: „Gelegenhei­t macht Impfung“.

Wieler sieht eine hohe Impfbereit­schaft von „an die 90 Prozent“. Nur ein einstellig­er Prozentsat­z lehne dies grundsätzl­ich ab, zitierte er Umfragen. Für einen 30-jährigen Gesunden sei es noch vor wenigen Wochen schwer gewesen, an eine Impfung zu kommen. Das ändere sich jetzt. Neben Erwachsene­n, die nicht geimpft werden können, sorgen sich Merkel und Spahn insbesonde­re um eine Gruppe: „Impfen Sie sich, auch um Kinder und Jugendlich­e zu schützen“, warb der Gesundheit­sminister. Denn auch die können erkranken, wenngleich meist nicht so schwer, und die Langzeitfo­lgen sind noch nicht erforscht. Bisher sind 600 000 Über-Zwölfjähri­ge geimpft. Für Jüngere gibt es keinen zugelassen­en Impfstoff.

Für Merkel bleibt die Inzidenz, also die Ansteckung­en pro 100 000 Einwohner in den letzten sieben Tagen, eine wichtige Größe. Das sei aber nie der alleinige Gradmesser gewesen, reagierte sie auf die Ankündigun­g des RKI, künftig die Klinikeinw­eisungen stärker zu berücksich­tigen. Zumindest bei den Intensivbe­tten ist die Lage entspannt: Am Montag waren bundesweit 435 belegt, zwei mehr als am Tag zuvor. 278 der Patienten mussten invasiv beatmet werden. Auf dem Höhepunkt der zweiten Welle Anfang des Jahres drohten die Intensivst­ationen noch angesichts von fast 5800 Patienten in die Knie zu gehen. In ihrer Vorsicht sieht sich Merkel durch die Niederland­e bestätigt, die angesichts von 7000 Neuinfekti­onen binnen 24 Stunden das Nachtleben dichtmache­n und andere Lockerunge­n zurückdreh­en mussten.

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Foto: Michael Kappeler/Pool/afp Bundeskanz­lerin Angela Merkel bei ihrem Besuch des Robert-Koch-Institutes.

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