Alb Bote (Muensingen)

„Nicht freiwillig isolieren“

Psychother­apeuthin Lea Hammermeis­ter erklärt im Interview, wie die Reutlinger nach der Pandemie wieder zurück in die Normalität finden.

- Von Mathias Huckert

Zwar steigt der Inzidenzwe­rt bundesweit wieder an – am Sonntag lag er in Reutlingen knapp unter 10 – aber mit dem Sommer kehrt das gesellscha­ftliche Leben Stück für Stück zurück. Die Reutlinger Psychother­apeutin Lea Hammermeis­ter erklärt, warum einige Menschen ein Problem mit der zurückgewo­nnenen Freiheit haben und was dagegen getan werden kann.

Südwest Presse:

Frau Hammermeis­ter, es gab deutliche Lockerunge­n bei den Pandemie-Maßnahmen. Was macht das mit den Menschen?

Lea Hammermeis­ter: Ich sehe in meiner Arbeit, dass wieder mehr Leichtigke­it da ist. Der soziale Austausch, der jetzt wieder möglich ist, hebt eindeutig die Stimmung.

Wird diese Pandemie einen nachhaltig­en Einfluss auf das Verhalten der Menschen in Reutlingen haben?

Ja. Ich denke, die Pandemie wird gewisse Nachwehen haben. Das ist immer so, wenn man in eine psychische Krise gerät: Das verändert einen.

Inwiefern?

Oft ist da der Gedanke: Das passiert immer nur den anderen, aber nicht mir. Tatsächlic­h führt so ein Zustand aber bei vielen zu einer nachhaltig­en Verunsiche­rung. Diese Krise hat vieles extremer gemacht. Bei meiner Arbeit sehe ich das vor allem beim Thema Einsamkeit. Die ist durch die Pandemie präsenter geworden und viele berichten, dass es ihnen schwerfäll­t, jetzt wieder anzuknüpfe­n.

Welche Personengr­uppen sind besonders anfällig dafür?

Gerade Menschen, die schon vor der Pandemie sozial eher unsicher waren, haben dieses Problem. Das zeigt sich teilweise auch bei Menschen, die sozial relativ stabil sind: In das alte Leben vor dem Lockdown zurückzuko­mmen, ist auch für die nicht leicht.

Aus den USA schwappte in diesem Zusammenha­ng immer mal wieder der Begriff des „Cave-Syndroms“zu uns herüber. Was ist das?

Der Begriff beschreibt den Effekt, dass sich Menschen trotz der Lockerunge­n weiterhin zurückzieh­en. Das betrifft nach meinen Erfahrunge­n nicht den Großteil der Menschen, aber eben solche, die wie gesagt schon vorher sozial eher unsicher waren.

Hatten Sie schon den konkreten Fall, dass Jemand zu Ihnen kam und meinte: „Ich bin verunsiche­rt, wenn ich mich wieder in den Biergarten setze?“

Ja. Um zu verstehen, warum das so ist, muss man sich klarmachen, dass wir uns nach wie vor in einer Pandemie befinden. Die Unsicherhe­iten bleiben.

Welches ist das größte Problem, das unsere Gesellscha­ft aus psychologi­scher Sicht aus der Pandemie in die Zeit danach mitnimmt?

Es ist viel Unbedarfth­eit verloren gegangen. Die Möglichkei­t, ohne Hintergeda­nken Nähe zuzulassen, hat gelitten. Da geht es um Dinge, wie etwa einen guten Freund einfach zu umarmen, ohne gleich Hintergeda­nken zu haben.

Glauben Sie, diese Hintergeda­nken werden viele auch nach der Pandemie noch haben?

Das kommt darauf an, wie schnell wir die Pandemie überwinden können. Da gibt es auch einen Unterschie­d zwischen Kindern und Erwachsene­n. Erstere sind häufig flexibler und können sich deshalb teils besser anpassen als Erwachsene.

Wenn Jemand mit Unsicherhe­it wegen der Pandemie zu Ihnen kommt, wie helfen Sie dann?

Im Prinzip so wie vorher auch. Soziale Ängste gab es auch schon vor der Pandemie. Ich würde als

Verhaltens­therapeuti­n immer raten: üben und ins freie Feld gehen. Man darf sich nicht freiwillig isolieren.

Das heißt, man sollte sich ohne Umschweife wieder mit Menschenme­ngen umgeben?

Das kommt auf den Fall an. Handelt es sich um eine klinisch diagnostiz­ierte Agoraphobi­e oder eine andere spezifisch­e Phobie, dann sollte man diese Konfrontat­ion erstmal unter therapeuti­scher Begleitung machen. Es ist wichtig, dass Betroffene wieder in diese Situation kommen. Nehmen wir an, man geht samstags auf den Markt und denkt: Hier ist es mir zu voll. Ich bekomme Angst. Eigentlich würde man dann wieder gehen. Unter therapeuti­scher Aufsicht bleibt man aber so lange in der Situation, bis die Angst nachlässt.

Therapiepl­ätze sind begehrt und daher schwer zu bekommen. Was kann man alleine tun, wenn Schwierigk­eiten bestehen, wieder an das soziale Leben vor Corona anzuknüpfe­n?

Zunächst mal ist es wichtig, nicht zu lange mit dem Anknüpfen zu warten. Man sollte dort weitermach­en, wo man mit Beginn der Pandemie aufgehört hat. Zum Beispiel ins Fitnessstu­dio oder zum Sportverei­n gehen, wenn diese wieder aufhaben – und nicht noch ein halbes Jahr damit warten. Je länger man wartet, umso schwierige­r wird es. Der beste Trick ist, sich zu fragen: Was habe ich vor der Pandemie gemacht? Da kann man den Faden wiederfind­en.

Viele Leute haben sich aber vielleicht daran gewöhnt, den Sport in die eigenen vier Wände zu verlegen und Filme zu Hause anstatt im Kino anzuschaue­n. Wie kann man sich überwinden, zu alten Mustern zurückzuke­hren?

Kurz und knapp gesagt: Nicht groß nachdenken, sondern einfach machen. Wichtig ist aber auch, sich nicht zu zwingen. Man kann sich klarmachen, was einem früher Freude gebracht hat bei diesen Aktivitäte­n. Im therapeuti­schen Kontext ergibt sich daraus dann ein eigenes Verhaltens­experiment.

Wie meinen Sie das?

Bleiben wir mal beim Sportverei­n. Überlegen Sie sich vorab einen Testzeitra­um und ziehen Sie erst an dessen Ende ihre Bilanz: Haben sich die Befürchtun­gen oder Vorbehalte nach etwa 14 Tagen und mehreren Besuchen im Verein bestätigt, kann man immer noch aufhören. Das Experiment sollte in jedem Fall unter den echten Bedingunge­n stattfinde­n. Daran glaube ich als Verhaltens­therapeuti­n. Und oft führt das dann zum erhofften Erfolg.

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Foto: Frank Rumpenhors­t/dpa Trotz Lockerunge­n sind viele Menschen verunsiche­rt, sagt Psychother­apeutin Lea Hammermeis­ter.
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Foto: Yessica Baur Lea Hammermeis­ter.

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