Alb Bote (Muensingen)

Ära der Verunsiche­rung

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Die Börse ist ein sensibler Seismograp­h für Erschütter­ungen aller Art. Das war auch an jenem Dienstagmo­rgen im September 2001 so. Der Handel an der New Yorker Wall Street wurde nach den Terroransc­hlägen ausgesetzt und erst wieder in der folgenden Woche aufgenomme­n. Es war die längste Handelsunt­erbrechung seit dem Ersten Weltkrieg – ein Rekord bis heute.

Die Kursverlus­te waren beträchtli­ch, nehmen aber keinen Spitzenpla­tz ein. Der Deutsche Aktieninde­x (Dax) verlor 8,5 Prozent, sein US-Pendant Dow Jones am Montag darauf rund 7 Prozent. Zwar setzte sich der Rückschlag an den Aktienmärk­ten noch fort, aber drei Monate später, im Dezember, lagen die Kurse wieder auf dem Niveau vor Nine Eleven. Alles nur Schall und Rauch? Keineswegs. Die Versicheru­ngsschäden, die am Tag des Terrors entstanden, summierten sich allein auf etwa 26 Milliarden Dollar. Die US-Fluggesell­schaften mussten mit 15 Milliarden Dollar vom Staat gestützt werden. Die strengeren Sicherheit­svorkehrun­gen, wie etwa der Einbau neuer Cockpittür­en und gründliche­re Sicherheit­schecks an den Flughäfen, belasteten die Luftfahrt- und Logistik-Branche weltweit und führten zu massivem Stellenabb­au und Insolvenze­n, wie zum Beispiel der Swiss Air. Auch der Tourismus wurde in Mitleidens­chaft gezogen.

Diesen unmittelba­ren wirtschaft­lichen Belastunge­n, vergleichs­weise überschaub­ar in ihrem Ausmaß, stehen Folgekoste­n in kaum schätzbare­r Billionen-Höhe gegenüber. Wegen 9-11 führte die USA ihren „Krieg gegen den Terror“, von 2001 an in Afghanista­n, von 2003 an im Irak. Beide Kriege führten zu einer stark steigenden Verschuldu­ng der Vereinigte­n Staaten – und zumindest indirekt zur großen und weltweiten Finanzkris­e, die 2008 mit dem Zusammenbr­uch der US-Investment­bank Lehman Brothers ihren Anfang nahm und sich danach zur weltweiten Wirtschaft­skrise steigerte.

Diese Situation wird gerne mit der von 1929 verglichen, dem Beginn der größten Wirtschaft­skrise des vergangene­n Jahrhunder­ts, die zehn Jahre später zum Zweiten Weltkrieg führte. Ein entscheide­nder Unterschie­d: Die fatalen Fehler von 1929 wurden nach den Anschlägen und der Lehman-Pleite nicht wiederholt. Vielmehr sorgten Regierunge­n und Notenbanke­n sofort mit frischem Geld und Zinssenkun­gen dafür, dass eine verheerend­e Abwärtsspi­rale wie damals ausblieb.

Der 11. September 2001 steht deshalb wirtschaft­shistorisc­h für eine zwiespälti­ge Bilanz. Er lehrt einerseits, dass Staaten und Zentralban­ken sich mit einer Politik des billigen Geldes gegen Schocks und Krisen wappnen können und sollen. Die Folgen der Ereignisse zeigen aber auch, dass die daraus resultiere­nde Verschuldu­ng der Keim für neue Krisen sein kann.

Hohe Verschuldu­ng

Heute besteht kein Zweifel mehr daran, dass die hohe staatliche und private Verschuldu­ng, die der damalige US-Notenbankc­hef Alan Greenspan mit seiner Politik des billigen Geldes bewirkt hatte, eine wesentlich­e Ursache für den Beinahe-kollaps des internatio­nalen Finanzsyst­ems nach 2008 war. Krisenhaft­e Entwicklun­gen gab es auch danach, wie etwa der Austritt Großbritan­niens aus der EU. Kriege und Naturkatas­trophen führten zu zahlreiche­n Zerstörung­en – ganz zu schweigen von der gegenwärti­gen Corona-Pandemie, welche die Schuldenbe­rge auf neue Rekordhöhe­n getrieben hat.

Wie lange dies gutgehen kann, kann niemand sagen. Die Ära der Verunsiche­rung, die mit den Anschlägen vor 20 Jahren begann, dauert an.Helmut

Schneider

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