„Al­tern ist ei­ne Krank­heit“

Vie­le Be­schwer­den und Lei­den schla­gen vor al­lem im hö­he­ren Le­bens­al­ter zu. Das müss­te nicht sein, mei­nen die Buch-Au­to­ren Do­mi­nik Du­scher und Ni­na Ru­ge.

Alb Bote (Muensingen) - - RATGEBER GESUNDHEIT - Tom Ne­be

Wie­so al­tern wir? Und was pas­siert da­bei in un­se­rem Kör­per? Die­se Fra­gen be­schäf­ti­gen die Men­schen seit je­her – und die me­di­zi­ni­sche For­schung lie­fert im­mer prä­zi­se­re Ant­wor­ten. Der Me­di­zi­ner Do­mi­nik Du­scher und die Jour­na­lis­tin Ni­na Ru­ge ha­ben ein Buch dar­über ge­schrie­ben, wel­chen Ein­fluss be­stimm­te Pro­zes­se in den Zel­len dar­auf ha­ben. Ih­re The­se lau­tet: Al­tern ist ei­ne Krank­heit und kann the­ra­piert wer­den.

Sie ha­ben Ih­rem Buch den pro­vo­kan­ten Ti­tel „Al­tern wird heil­bar“ge­ge­ben. Ist das Al­tern denn ei­ne Krank­heit?

Do­mi­nik Du­scher: Vor­ne­weg, ich fin­de den Ti­tel sehr scharf ge­trof­fen. Er bil­det die Haupt­aus­sa­ge des Tex­tes ab – al­so, dass Al­tern ei­ne Krank­heit ist und da­mit Ziel ei­ner po­ten­zi­el­len The­ra­pie. Der Ti­tel bringt uns aber nicht nur Lob ein. Na­tür­lich brüs­kiert es man­che Leu­te, wenn man Al­tern als „Krank­heit“be­zeich­net. War­um?

Du­scher: Bei uns ist das bio­lo­gi­sche Al­tern ge­meint, al­so Al­tern im Sin­ne des Ver­lus­tes von Zell­funk­ti­on. Vie­le se­hen das Al­ter aber im Kon­text ei­ner ge­wis­sen spi­ri­tu­el­len Weis­heit, ei­ner Ent­wick­lung des Men­schen, al­so ei­nes Sta­tus, der po­si­tiv be­haf­tet ist: der al­te Mensch als Rat­ge­ber und wich­ti­ger Teil der ge­sell­schaft­li­chen Py­ra­mi­de. Das ist aber mit dem Ti­tel nicht ge­meint.

Ni­na Ru­ge: Es gibt Men­schen, die mei­nen, wir wür­den das Alt­wer­den dis­kri­mi­nie­ren, in­dem wir es als krank dis­kre­di­tie­ren. Das ist nicht der Fall. Wir be­schrei­ben, wie das Schwin­den der Zell­kom­pe­ten­zen

dar­auf Ein­fluss nimmt. Zwei Be­grif­fe hel­fen viel­leicht da­bei, das zu ver­ste­hen: das pri­mä­re und das se­kun­dä­re Al­tern.

Er­klä­ren Sie das bit­te ge­nau­er.

Ru­ge: Das pri­mä­re Al­tern ist der Ver­lust der Zell­kom­pe­ten­zen und des Zu­sam­men­spiels un­se­res Zell­stoff­wech­sels im Lau­fe denr Jah­re. Und das be­ginnt mit 25. Die­se ste­tig fort­schrei­ten­den Pro­zes­se, der Ver­lust der Sys­tem­funk­tio­nen, füh­ren zum se­kun­dä­ren Al­tern. Dann wer­den den so ge­nann­ten Al­ters­krank­hei­ten wie Herz­in­farkt, Schlag­an­fall oder De­menz Tür und Tor ge­öff­net. Wir be­schäf­ti­gen uns mit dem pri­mä­ren Al­tern und wol­len deut­lich ma­chen, dass man schon sehr früh tä­tig wer­den kann, um die Zell­funk­ti­on so zu stär­ken, dass das se­kun­dä­re Al­tern sehr viel spä­ter ein­tritt und uns die Al­ters­krank­hei­ten spä­ter er­wi­schen.

Kon­kret nen­nen Sie drei Kern­punk­te. Es geht um Er­neue­rung, Ener­gie­er­zeu­gung und Ent­gif­tung in den Zel­len. Und al­les baut ab 25 ab. Müss­te man wirk­lich dann schon an­set­zen, um das pri­mä­re Al­tern zu ver­lang­sa­men?

Du­scher: Wenn man schon mal ster­ben muss, soll das Al­ter nicht der Grund sein. Das ist ein al­ter Spruch, den ich im­mer ger­ne brin­ge. Wenn wir ster­ben müs­sen, dann nicht an den ty­pi­schen Krank­hei­ten, die Ni­na ge­ra­de ge­nannt hat und die al­le al­ters­be­dingt sind. Uns geht es pri­mär um das ge­sun­de Äl­ter­wer­den. Äl­ter müs­sen wir al­le wer­den, aber nicht je­der muss sich alt füh­len.

Pla­ka­tiv ge­sagt, soll­te man ver­hält­nis­mä­ßig ge­sund und sich wohl­füh­lend ster­ben. Wä­re das ihr Ide­al­bild?

Du­scher: Ab­so­lut rich­tig. Es geht nicht nur um die Le­bens­span­ne. Das ma­xi­ma­le Al­ter zu er­rei­chen, ist ja nicht das Ziel – son­dern, mög­lichst lan­ge ge­sund zu sein.

Ru­ge: Und weil wir auf das Al­ter von 25 an­spie­len: Das ist tat­säch­lich der Gip­fel der Ge­sund­heit und der Fit­ness der Zel­len. Da­nach geht es bei den ver­schie­de­nen Zell­ty­pen und ih­ren Kom­pe­ten­zen mit un­ter­schied­li­cher Ge­schwin­dig­keit berg­ab. Spä­tes­tens ab 25 soll­te man tä­tig wer­den und ge­gen­steu­ern.

Was kann man denn kon­kret tun?

Du­scher: Die Ba­sis ist ein ge­sun­der Le­bens­stil, al­so Be­we­gung und Er­näh­rung. Das ist nichts Neu­es. Doch jetzt ver­steht man es im­mer bes­ser, war­um es so wich­tig ist. Wenn wir zum Bei­spiel Fas­ten­pe­ri­oden ein­hal­ten, stär­ken wir die Ener­gie­er­zeu­gung in den Zel­len.

Ru­ge: Es geht auch um das Weg­las­sen: von Zu­cker, von tie­ri­schen Fet­ten, von Sal­zen und in­dus­tri­el­len Fer­tig­pro­duk­ten. Man soll­te auf Ge­mü­se set­zen, mög­lichst 25 ver­schie­de­ne Sor­ten pro Wo­che und 400 Gramm am Tag. Da­zu be­stimm­te Nüs­se und Öle.

Du­scher: Die Ba­sis der Zell­ver­jün­gung ist ganz klar, was wir auf­neh­men an Nah­rung und Ge­trän­ken. Manch­mal kommt man hier aber noch in ei­ne Sack­gas­se. Und dann könn­ten Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel hel­fen.

Wenn man schon mal ster­ben muss, soll das Al­ter nicht der Grund sein.

Auch wenn man best­mög­lich vor­ge­sorgt hat, stirbt man ir­gend­wann. Was pas­siert dann im Kör­per – ist das et­was, was man „Al­ters­schwä­che“nen­nen könn­te?

Du­scher: Bei Al­ters­schwä­che, wenn man al­so so­zu­sa­gen im Schlaf stirbt, steckt meist ein Herz­pro­blem da­hin­ter. Ir­gend­wann sind un­se­re Zel­len auch im bes­ten Fall, sa­lopp ge­sagt, aus­ge­brannt. Dann wür­de – hof­fent­lich nach sehr kur­zer Krank­heit und Ver­lust un­se­rer all­täg­li­chen Fä­hig­kei­ten – der Tod ein­tre­ten.

Fo­to: Kay Blasch­ke/dpa

Die Jour­na­lis­tin Ni­na Ru­ge und der Plas­ti­sche Chir­urg und Zell­for­scher Do­mi­nik Du­scher.

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