Le­bens­ge­schich­te ei­ner Frei­heits­kämp­fe­rin in Ver­sen

An­ne We­ber er­hält die Aus­zeich­nung für „An­net­te, ein Hel­din­nen­epos“.

Alb Bote (Muensingen) - - FEUILLETON - Sa­bi­ne Glau­bitz

Frank­furt/Main. An­ne We­bers ori­gi­nel­ler Um­gang mit Wör­tern ist be­kannt. Ihr jüngs­tes Werk ist ein li­te­ra­ri­sches Ex­pe­ri­ment über das Le­ben ei­ner 96-jäh­ri­gen Fran­zö­sin: „An­net­te, ein Hel­din­nen­epos“. Da­mit hat die Au­to­rin am Mon­tag­abend den mit 25 000 Eu­ro do­tier­ten Deut­schen Buchpreis für den bes­ten Ro­man des Jah­res ge­won­nen.

Mit 16 Jah­ren tritt An­ne Beau­ma­noir in die Ré­sis­tan­ce ein, ret­tet jü­di­sche Kin­der und wird Kom­mu­nis­tin. Spä­ter wird sie Me­di­zi­ne­rin und geht im Kampf für ein un­ab­hän­gi­ges Al­ge­ri­en in den Ma­ghreb und da­für ins Ge­fäng­nis. Dann kom­men Flucht und die Tren­nung von Fa­mi­lie und Kin­dern. Heu­te lebt die 96-Jäh­ri­ge im Sü­den Frank­reichs.

„An­ne Beau­ma­noir ist ei­ner ih­rer Na­men. Es gibt sie, ja, es gibt sie auch wo­an­ders als auf die­sen Sei­ten, und zwar in Dieu­le­fit, auf Deutsch Gott-hats-ge­macht, im Sü­den Frank­reichs. Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie. Falls es ihn gibt, so hat er sie ge­macht.“Mit die­sen Sät­zen be­ginnt das Buch, für des­sen li­te­ra­ri­sche Form die 55-jäh­ri­ge Au­to­rin das Epos ge­wählt hat: Ein an­ti­ker

Re­fe­renz­rah­men, in dem es tra­di­tio­nell um Göt­ter und Hel­den geht, den An­ne We­ber auf ih­re Wei­se ge­lun­gen äs­the­ti­siert.

Der Stil ist rhyth­misch, die Struk­tur der Ver­se er­kenn­bar und die Sprach­ar­beit von un­ge­wöhn­li­cher Ori­gi­na­li­tät. Wie auch in „Ah­nen. Ein Zei­t­rei­se­ta­ge­buch“, in dem sie sich auf die Su­che nach den Spu­ren ih­res Groß­va­ters macht. We­bers Tex­te zeich­nen sich durch sprach­li­che Be­weg­lich­keit aus. We­ber nimmt die ent­sub­jek­ti­vier­te Po­si­ti­on der Prot­ago­nis­tin ein, die ihr Le­ben dem Kampf für Ge­rech­tig­keit, Gleich­heit, Frei­heit und Brü­der­lich­keit ge­wid­met hat. Sie er­zählt de­ren Bio­gra­fie, die ge­prägt ist von Wi­der­stand, Ge­walt, Ge­fäng­nis, Flucht und Exil.

Für Frank­reich wird An­net­te als FLN-Mit­glied zur Ter­ro­ris­tin

und zu 10 Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Sie flieht nach Tu­ne­si­en, wo sie als Ärz­tin kran­ken Men­schen hilft. Als Frank­reich die ehe­ma­li­ge Ko­lo­nie in die Selbst­stän­dig­keit ent­lässt, baut An­net­te in Al­ge­ri­en das Ge­sund­heits­we­sen auf. Nach dem Mi­li­tär­putsch im Jahr 1965 flieht sie nach Genf, wo sie ih­re Am­nes­tie in Frank­reich ab­war­tet. Ei­ne un­ge­wöhn­li­che Ge­schich­te auf rund 200 Sei­ten.

Au­to­rin über­setzt selbst

An­ne We­ber wur­de 1964 in Of­fen­bach am Main ge­bo­ren, lebt seit 1983 je­doch in Frank­reich, wo sie an der Pa­ri­ser Sor­bon­ne fran­zö­si­sche Li­te­ra­tur und Ver­glei­chen­de Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft stu­dier­te. Sie selbst über­setzt ih­re Bü­cher, so­bald sie ge­schrie­ben sind. An­fäng­lich schrieb sie auf Fran­zö­sisch und über­setz­te ins Deut­sche.

In­zwi­schen ver­fasst sie ih­re Tex­te in deut­scher Spra­che, um sie da­nach ins Fran­zö­si­sche zu über­tra­gen.

„Die Kraft von An­ne We­bers Er­zäh­lung kann sich mit der Kraft ih­rer Hel­din mes­sen“, ur­teilt die Ju­ry. „Es ist atem­be­rau­bend, wie frisch hier die al­te Form des Epos klingt und mit wel­cher Leich­tig­keit We­ber die Le­bens­ge­schich­te der fran­zö­si­schen Wi­der­stands­kämp­fe­rin zu ei­nem Ro­man über Mut, Wi­der­stands­kraft und den Kampf um Frei­heit ver­dich­tet.

Die Au­to­rin An­ne We­ber.

An­ne We­ber:

An­net­te, ein Hel­din­nen­epos, Ver­lag Mat­thes und Seitz, 208 Sei­ten, 22 Eu­ro.

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