Vo­no­via dro­hen wei­te­re Kla­gen ge­gen hö­he­re Mie­ten

Miet­recht Der Streit um Mo­der­ni­sie­rungs­ar­bei­ten an zahl­rei­chen Ge­bäu­den be­schäf­tigt bun­des­weit die Ge­rich­te – oh­ne ei­ne kla­re Li­nie. Von Jür­gen Bock

Alb Bote (Muensingen) - - STUTTGART UND UMGEBUNG - Matthias Wul­ff Spre­cher Vo­no­via

Bei Deutsch­lands größ­tem Im­mo­bi­li­en­un­ter­neh­men zeigt man sich sei­ner Sa­che si­cher. „Falsch“sei­en die jüngs­ten Stutt­gar­ter Ge­richts­ur­tei­le, heißt es bei Vo­no­via. Erst das Amts-, dann das Land­ge­richt hat­ten ei­ner Mie­te­rin aus dem Stutt­gar­ter Os­ten Recht ge­ge­ben. Ih­re Woh­nung war wie so vie­le in der Lan­des­haupt­stadt und bun­des­weit um­fas­send mo­der­ni­siert wor­den. Da­nach stieg die Mie­te um sat­te 37,5 Pro­zent. Die Frau ging zum Mie­ter­ver­ein, zog vor Ge­richt – und er­hält jetzt fast 4700 Eu­ro seit der Er­hö­hung zu­viel be­zahl­te Mie­te zu­rück. Zu­letzt schei­ter­te ein wei­te­rer Ver­such Vo­no­vi­as, die Ur­tei­le mit­tels ju­ris­ti­scher Schach­zü­ge noch an­zu­grei­fen.

Das Un­ter­neh­men sieht sich nicht nur in Stuttgart Kla­gen ge­gen die Mo­der­ni­sie­rungs­miet­erhö­hun­gen aus­ge­setzt. Da­bei geht es frei­lich nicht um die Recht­mä­ßig­keit an sich oder den Be­trag, son­dern um die An­kün­di­gungs­schrei­ben. In de­nen, so die Rich­ter, müs­sen Mie­ter nach Ge­wer­ken ge­trennt se­hen kön­nen, wel­che Maß­nah­men ge­plant sind. Nur so las­se sich er­ken­nen, was In­stand­hal­tung sei, die der Ver­mie­ter tra­gen muss, und was wirk­lich Mo­der­ni­sie­rung, die sich auf die Mie­ter um­le­gen lässt. Das sa­hen nicht nur die Stutt­gar­ter Ge­rich­te bei Vo­no­via nicht als er­füllt an.

Wir rech­nen nicht mit ei­ner Flut an Kla­gen.

Für den Stutt­gar­ter Mie­ter­ver­ein sind die Fol­gen klar. Zahl­rei­che Vo­no­via-Mie­ter kön­nen zu­viel be­zahl­te Mie­te zu­rück­for­dern, heißt es dort. „Die meis­ten An­kün­di­gungs­schrei­ben sa­hen und se­hen so aus wie die be­an­stan­de­ten“, sagt der Vor­sit­zen­de Rolf Gaß­mann. Man ha­be be­reits wei­te­re Fäl­le vor­lie­gen, zum Teil aus der­sel­ben Wohn­an­la­ge im Stutt­gar­ter Os­ten. „Es wird neue Kla­gen ge­ben“, kün­digt er an.

Sam­mel­kla­gen sind al­ler­dings kaum denk­bar – da­für bräuch­te man 50 Be­trof­fe­ne aus ei­ner Wohn­an­la­ge. Das lässt sich nor­ma­ler­wei­se nicht ma­chen. Beim Mie­ter­ver­ein är­gert man sich des­halb, dass Vo­no­via nach den Ur­tei­len nicht von al­lein mit An­ge­bo­ten auf be­trof­fe­ne Mie­ter zu­kom­me. Statt­des­sen ver­brei­te das Un­ter­neh­men bei sei­nen Mie­tern Un­wahr­hei­ten und schüch­te­re sie ein, so Gaß­mann. Da wer­de zum Bei­spiel mit Mahn- und Kla­ge­ver­fah­ren ge­droht.

Bei Vo­no­via schätzt man die La­ge völ­lig an­ders ein als beim Mie­ter­ver­ein. „Wir rech­nen nicht mit ei­ner Flut an Kla­gen“, sagt Un­ter­neh­mens­spre­cher Matthias Wul­ff. Ei­ne All­ge­mein­gül­tig­keit des Stutt­gar­ter Ur­teils oder ähn­li­cher Ent­schei­dun­gen in Ham­burg und Bre­men kön­ne man nicht er­ken­nen. „Es han­delt sich im­mer um in­di­vi­du­el­le Vor­gän­ge, denn je­de Mo­der­ni­sie­rung und ih­re An­kün­di­gung ist an­ders“, so Wul­ff. Höchs­tens in­ner­halb ei­ner Sied­lung könn­ten die Fäl­le ähn­lich ge­la­gert sein – weil es sich um die­sel­be Bau­maß­nah­me hand­le.

Und noch et­was bringt man in der Bochu­mer Zen­tra­le vor: „Es gibt bun­des­weit lei­der kei­ne kla­re Recht­spre­chung“, be­tont Wul­ff. Denn es fie­len nicht al­le Ur­tei­le ge­gen Vo­no­via aus. Er ver­weist da­bei auf Ent­schei­dun­gen in Aa­chen, Ko­blenz oder Köln. Ein Fli­cken­tep­pich an Ur­tei­len. „Wir wür­den ger­ne wis­sen, wie wir es denn nun ma­chen sol­len. Schließ­lich wol­len wir den Mie­tern we­der zu vie­le noch zu we­ni­ge In­for­ma­tio­nen über die Bau­maß­nah­men lie­fern“, so der Spre­cher. Be­reits heu­te um­fas­sen die An­kün­di­gungs­schrei­ben häu­fig über 40 Sei­ten. Um end­lich ei­nen Knopf an das lei­di­ge The­ma zu be­kom­men, wol­le man ei­ne höchst­rich­ter­li­che Klä­rung beim Bun­des­ge­richts­hof. Die lie­ßen die Ge­rich­te bis­her nicht zu, kri­ti­siert man in Bochum. Das Stutt­gar­ter Land­ge­richt et­wa hat­te kei­ne Re­vi­si­on zu­ge­las­sen. Da­ge­gen hat Vo­no­via nun Be­schwer­de ein­ge­legt.

Ein ums an­de­re Mal be­tont man bei Vo­no­via, dass es nicht um die Mo­der­ni­sie­rung an sich oder die Mie­ter­er­hö­hung ge­he. „Wir set­zen kor­rek­te Maß­nah­men, et­wa zur en­er­ge­ti­schen Mo­der­ni­sie­rung, um“, sagt auch Wul­ff. Der Streit­punkt lie­ge le­dig­lich im Auf­bau so­wie in der For­mu­lie­rung der Er­hö­hungs­schrei­ben.

Die al­ler­dings, so ist auch von Mie­ter­sei­te zu hö­ren, än­dern sich in­zwi­schen. Bei Vo­no­via ver­sucht man of­fen­bar, die Schrei­ben so zu ge­stal­ten, dass man sich mehr Rechts­si­cher­heit schafft. Und auch die Mie­ter, die er­folg­reich vor Ge­richt ge­zo­gen sind, blei­ben wohl nicht un­be­hel­ligt: Sie be­kom­men zwar die zu­viel ge­zahl­te Mie­te zu­rück – er­hal­ten dann aber ein neu­es, ver­än­der­tes Er­hö­hungs­schrei­ben. Hält das den Kri­te­ri­en stand, müs­sen sie eben spä­ter mehr Mie­te be­zah­len als ur­sprüng­lich vor­ge­se­hen.

Beim Stutt­gar­ter Mie­ter­ver­ein hält man den Gang durch die In­stan­zen und die For­de­rung nach höchst­rich­ter­li­cher Klä­rung in­des „für Ne­bel­ker­zen“. Vo­no­via wol­le Mie­tern, die sich ei­ne Kla­ge über­le­gen, da­mit si­gna­li­sie­ren, sie sei­en trotz des Land­ge­richts­ur­teils recht­lich nicht auf si­che­rer Sei­te. So soll­ten wei­te­re Pro­zes­se ver­hin­dert wer­den. Und der Kon­zern ver­schaf­fe sich Zeit, um die Pro­ble­me mög­lichst ab­zu­stel­len. Mie­ter in der Fried­hof­stra­ße et­wa ha­ben in­zwi­schen neue Er­hö­hungs­schrei­ben er­hal­ten. „Dar­in sind vie­le Feh­ler kor­ri­giert“, sagt Gaß­mann. Ganz so si­cher, dass die Stutt­gar­ter Ge­richts­ur­tei­le falsch sind, ist man sich of­fen­bar in Bochum doch nicht.

Foto: Licht­gut/Max Ko­va­len­ko

Mo­der­ni­sie­run­gen be­deu­ten Lärm, Dreck – und hö­he­re Mie­ten.

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