So­zi­al­staat mit gro­ßen Pols­tern

Ei­ne Sen­kung der Bei­trä­ge ist durch­aus ver­ant­wort­bar

Aller-Zeitung - - TAGESTHEMEN - VON RASMUS BUCHSTEINER

▶ Deutsch­lands So­zi­al­kas­sen schwimmen im Geld. Die Rück­la­gen der Kran­ken­ver­si­che­run­gen, des Ge­sund­heits­fonds, der Ren­ten­kas­se, der Pfle­ge­ver­si­che­rung und der Bun­des­agen­tur für Ar­beit sum­mie­ren sich mitt­ler­wei­le auf weit mehr als 80 Mil­li­ar­den Eu­ro – Ten­denz wei­ter stei­gend. Es ist des­halb rich­tig, dass der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter nied­ri­ge­re Zu­satz­bei­trä­ge für Kran­ken­ver­si­cher­te ein­for­dert. Die Kas­sen sind nicht da­zu da, Geld zu hor­ten. In die­sem Punkt ist Jens Spahn nicht zu wi­der­spre­chen.

Was für den Ge­sund­heits­be­reich gilt, trifft auch für die Ren­ten- und die Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung zu. Es geht hier um das Geld der Bei­trags­zah­ler. In um­la­ge­fi­nan­zier­ten So­zi­al­sys­te­men ist es da­zu ge­dacht, lau­fen­de Aus­ga­ben zu stem­men und im Fall ei­nes Kon­junk­tur­ein­bruchs Hand­lungs­spiel­räu­me zu ha­ben.

Al­le So­zi­al­kas­sen ver­fü­gen in­zwi­schen über Pols­ter, die über das un­mit­tel­bar Not­wen­di­ge hin­aus­ge­hen. Bald wer­den die Über­schüs­se der Bun­des­agen­tur für Ar­beit die 20-Mil­li­ar­den-eu­ro-mar­ke über­schrei­ten. Und auch die Ren­ten­kas­se dürf­te die­ses Jahr wie­der ein re­spek­ta­bles Plus er­wirt­schaf­ten. Ei­ne der­ar­tig po­si­ti­ve La­ge kann zu fa­ta­len Feh­lern ver­lei­ten – zu un­vor­sich­ti­ger Ver­tei­lungs­po­li­tik.

Die Gro­ko steht kurz da­vor, ren­ten­po­li­ti­sche Ent- schei­dun­gen zu tref­fen, die in wirt­schaft­lich schlech­te­ren Zei­ten und an­ge­sichts der de­mo­gra­fi­schen Ve­rän­de­rung zu ei­ner schwe­ren Be­las­tung für das Sys­tem wer­den kön­nen. Und in der Ge­sund­heits­po­li­tik wird die Um­set­zung der Ko­ali­ti­ons­plä­ne eben­falls für stei­gen­de Aus­ga­ben sor­gen.

Mehr Arzt­ter­mi­ne, län­ge­re Sprech­zei­ten in den Pra­xen, mehr Me­di­zi­ner auf dem Land, mehr Pfle­ge­per­so­nal und der Er­halt von Kran­ken­häu­sern sind eben nicht zum Null­ta­rif zu ha­ben.

Nicht je­de neue Leis­tung ist schon des­halb rich­tig, nur weil sie jetzt ge­ra­de fi­nan­zier­bar wä­re. Spahns Ap­pell für nied­ri­ge­re Zu­satz­bei­trä­ge lässt sich auch als Ruf nach Maß und Mit­te in der so­zi­al­po­li­ti­schen De­bat­te ver­ste­hen. Denn mit den vor­han­de- nen Rück­la­gen wach­sen auch die Be­gehr­lich­kei­ten. Dar­über, was wirk­lich er­for­der­lich ist und was nur ein wün­schens­wer­ter, aber un­nö­ti­ger Zu­satz wä­re, ist zu­letzt an­ge­sichts vol­ler Kas­sen je­doch lei­der kaum noch dis­ku­tiert wor­den.

Ein star­ker So­zi­al­staat ver­spricht den Men­schen nicht das Blaue vom Him­mel. Er über­schätzt und über­dehnt sich nicht, son­dern be­währt sich mit Ver­läss­lich­keit. Da­zu ge­hört, dass er de­nen, die ihn mit ih­ren Bei­trä­gen fi­nan­zie­ren, ab und an auch mal wie­der et­was zu­rück­gibt.

Die Gro­ße Ko­ali­ti­on tut gut dar­an, nicht nur die Kran­ken­kas­sen in die Pflicht zu neh­men, son­dern auch sich selbst. Ei­ne ra­sche Sen­kung der So­zi­al­bei­trä­ge ist not­wen­dig und ab­so­lut ver­ant­wort­bar.

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