Zah­len für den Job­ver­lust

Sei­nen Ar­beits­platz kün­di­gen? In Ja­pan muss man da­für ei­ne Fir­ma en­ga­gie­ren

Aller-Zeitung - - ERSTE SEITE - VON ALEX­AN­DER DAHL

HAN­NO­VER. Letzt­lich ist es so wie mit der Fa­mi­lie: Man wird sie nie los. So ge­se­hen hat der Ja­pa­ner zwei Fa­mi­li­en – sei­ne ei­ge­ne und den Ar­beit­ge­ber. Selbst wenn man ge­mobbt wird oder ei­ne end­lo­se Zahl von Über­stun­den leis­ten muss: Ei­ne Kün­di­gung bei sei­nem Boss ein­zu­rei­chen ist ein Sa­kri­leg.

Man ver­liert sein Ge­sicht, in Ja­pan et­was Exis­tenz­ver­nich­ten­des, zu­dem leh­nen Vor­ge­setz­te die Kün­di­gung ei­nes Mit­ar­bei­ters in der Re­gel ab. Und so ist das neue Star­t­up-un­ter­neh­men von Yuichi­ro Okaz­aki und To­shiyu­ki Nii­no wohl nur in Ja­pan vor­stell­bar.

Für um­ge­rech­net 400 Eu­ro über­neh­men die 28-jäh­ri­gen Ju­gend­freun­de den un­an­ge­neh­men Part und kün­di­gen für ei­nen frus­trier­ten An­ge­stell­ten den Job. Exit heißt ih­re Fir­ma, und für 400 Eu­ro tun sie mehr, als ein paar Leer­for­meln auf ei­nem Blatt Pa­pier un­ter­zu­brin­gen. Mü­he­voll, so er­klä­ren sie, müss­ten sie die Fir­men über­zeu­gen, war­um der An­ge­stell­te tat­säch­lich bes­ser ge­hen soll­te. „Wer weg will, der ist kei­ne gu­te Ar­beits­kraft“, sagt das Duo oft. Das Pro­blem: Ein Chef, der ei­nen Mit­ar­bei­ter ver­liert, gilt als Ver­sa­ger.

Den­noch: Seit ei­nem Jahr bie­tet Exit sei­ne Di­ens­te an und hat schon rund 800 Kli­en- ten zum er­sehn­ten Job­ver­lust ver­hol­fen – Nach­fra­ge stei­gend. Was die Kün­di­gen­den spä­ter ma­chen, ist nicht be­kannt. Ei­nen ech­ten Ar­beits­markt gibt es in Ja­pan kaum.

Fir­men stel­len fast nur Uni­ver­si­täts­ab­sol­ven­ten ein und for­men sie dann nach ih­rem Wil­len – et­wa zum „To­yo­ta-men­schen“. Da­für gibt es ei­ne le­bens­lan­ge Ar­beits­platz­ga­ran­tie, al­ler­dings ent­schei­det die Fir­ma, welche Auf­ga­be in wel­cher Stadt je­mand aus­führt. Exit soll hel­fen, das Sys­tem auf­zu­bre­chen. An­ders­wo dürf­te man ziem­lich un­gläu­big nach Ja­pan schau­en: Über­all dort, wo das la­xe Heu­ern und Feu­ern zum All­tag ge­hört.

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