„Fan­nä­he ist ganz wich­tig“

Se­bas­ti­an Ru­dy wur­de trotz der Pro­ble­me auf Schal­ke fürs DFB-TEAM no­mi­niert. Ein Ge­spräch über das Spiel ge­gen die Nie­der­lan­de, Kö­nigs­blau und Vor­bil­der

Aller-Zeitung - - SPORT - VON HEI­KO OS­TEN­DORP UND RO­BERT HIER­SE­MANN

Herr Ru­dy, vor dem Du­ell ge­gen die Nie­der­län­der: Wie vie­le Hol­land-wit­ze ken­nen Sie?

Ehr­li­cher­wei­se gar nicht so vie­le. Aber na­tür­lich kennt man die Spaß­bil­der aus dem In­ter­net, wo an der Au­to­bahn Schil­der ste­hen, wo es ge­ra­de­aus zur WM geht und die Hol­län­der rechts ab­bie­gen. (lacht)

Die Elf­tal hat die letz­ten bei­den Tur­nie­re, die EM und die WM, ver­passt. Ist die Par­tie heu­te in der Na­ti­ons Le­ague trotz­dem noch der gro­ße Klas­si­ker, der sie mal war?

Ich glau­be, dass es für die Fans im­mer noch et­was Be­son­de­res ist, wenn Deutsch­land ge­gen Hol­land spielt. Ein Match, auf das sich al­le freu­en. Auch wir Spie­ler.

1988 wur­de Hol­land in Deutsch­land Eu­ro­pa­meis­ter. Da­mals putz­te sich der heu­ti­ge Bonds­coach Ro­nald Koeman mit dem Deutsch­land-tri­kot den Hin­tern ab. Wor­an den­ken Sie beim Blick auf die­ses Tur­nier?

Ich war da­mals ja noch nicht mal ge­bo­ren (lacht). Im Kopf ha­be ich et­wa das le­gen­dä­re Tor von van Bas­ten im Fi­na­le. Oder das Spiel bei der WM 1990, als Ru­di Völ­ler von Frank Ri­j­ka­ard an­ge­spuckt wur­de. Das wa­ren schon hei­ße Du­el­le.

Was oder wer fällt Ih­nen bei der ak­tu­el­len Mann­schaft ein?

Ryan Ba­bel ken­ne ich noch aus Hof­fen­heim, er ist zwar nicht mehr der Jüngs­te, aber ein tol­ler Dribb­ler, sehr ab­schluss­stark. Und Mem­phis De­pay na­tür­lich, der enorm schnell ist. Auch in der De­fen­si­ve ha­ben die Hol­län­der ein paar Gra­na­ten.

Ha­ben Sie die WM ab­ge­hakt?

Wir wol­len nach vor­ne schau­en, ganz klar. Wir ha­ben jetzt ein paar Din­ge ge­än­dert und hof­fen, dass wir schnell wie­der zu al­ter Stär­ke fin­den.

Kön­nen Sie uns ein paar Bei­spie­le nen­nen?

Wir wol­len die Fans noch stär­ker mit ins Boot neh­men, zu ei­ner Ein­heit werden. Das wur­de in den letz­ten Jah­ren viel­leicht et­was ver­nach­läs- sigt. Des­we­gen ha­ben wir jetzt ei­nen ers­ten Schritt ge­macht, ha­ben ein of­fe­nes Trai­ning ab­sol­viert. Die­sen Weg möch­ten wir fort­set­zen. Die Fan­nä­he ist ganz wich­tig, da­mit es bei je­dem Spiel wie­der rich­tig kracht.

Und sport­lich?

Wir wol­len vor al­lem wie­der sta­bi­ler ste­hen. Bei der WM sind wir in vie­le Kon­ter ge­lau­fen, hat­ten teil­wei­se zu we­nig Ord­nung. Beim 0:0 ge­gen Frank­reich ha­ben wir es schon ganz gut ge­macht, ha­ben we­nig zu­ge­las­sen. Die de­fen­si­ve Sta­bi­li­tät ist ganz wich­tig, sie ist­die­ba­sis.

Ha­ben Sie das Ge­fühl, dass die Mann­schaft nach der WM erst wie­der zu­sam­men­wach­sen muss?

Es war ja mein ers­tes gro­ßes Tur­nier, des­halb kann ich nicht be­ur­tei­len, wie es vor­her war. Aber ich fand nicht, dass es bei uns in Russ­land ei­nen La­ger­kol­ler oder Ähn­li­ches gab. Wir ha­ben auch dort viel zu­sam­men­ge­ses­sen, Kar­ten ge­spielt oder Din­ge un­ter­nom­men. Wir re­den viel mit­ein­an­der, le­gen auch mal das Han­dy weg und hän­gen nicht nur auf dem Zim­mer her­um – das soll­te aber ei­gent­lich selbst­ver­ständ­lich sein.

Mit Me­sut Özil und Sa­mi Khe­di­ra sind zwei er­fah­re­ne Spie­ler nicht mehr bei der Na­tio­nal­mann­schaft – ver­mis­sen Sie die­se bei­den?

Ich ha­be im­mer zu den bei­den auf­ge­schaut, weil es ein­fach tol­le Spie­ler sind und ich mit bei­den cha­rak­ter­lich gut klar­kam. Gera­de von Sa­mi ha­be ich mir ei­ni­ges ab­ge­guckt, weil er auf mei­ner Po­si­ti­on ge­spielt hat.

Wol­len Sie der neue Khe­di­ra werden?

Nein, wir sind zwei un­ter­schied­li­che Spie­ler­ty­pen, ich in­ter­pre­tie­re mei­ne Rol­le si­cher et­was an­ders. Ich den­ke, dass ich ein ganz gu­tes Pass­spiel ha­be, ei­ne gu­te Über­sicht. Ich will un­se­ren Of­fen­siv­leu­ten den Rü­cken frei­hal­ten, mich aber auch im­mer wie­der selbst ein­schal­ten.

Der FC Bay­ern hat zu­letzt vier Spie­le nicht ge­won­nen, steckt in der Kri­se. Ha­ben Sie ih­ren Exklub zum rich­ti­gen Zeit­punkt ver­las­sen?

Klar ha­ben die Bay­ern ei­ne klei­ne Schwä­che­pha­se, aber ehr­li­cher­wei­se glau­be ich nicht, dass die­se noch all­zu lan­ge an­dau­ern wird.

Kön­nen Sie ei­gent­lich ver­ste­hen, dass es Kri­tik gab, weil der Bun­des­trai­ner Sie und Ih­ren Schal­ker Kol­le­gen Mark Uth no­mi­niert hat, ob­wohl es bei ih­nen noch nicht so läuft?

Kri­tik gibt es im­mer. Aber ich den­ke, dass Jo­gi Löw weiß, was er an uns hat und auch mal ei­ne schwä­che­re Pha­se zu­ge­steht. Mark hat ei­nen lin­ken Fuß, der ist ei­ne ech­te Waf­fe – wenn er den rich­tig ein­ge­stellt hat, puh. Er hat letz­te Sai­son schon be­wie­sen, dass er ein Top­stür­mer ist, auch wenn er ak­tu­ell noch nicht ge­trof­fen hat. Wir ha­ben bei­de den Ver­ein ge­wech­selt, da dau­ert es manch­mal halt et­was län­ger.

Bei Schal­ke sa­ßen Sie zu­letzt nur auf der Bank. Sind Sie dort schon zu 100 Pro­zent an­ge­kom­men?

Die Um­stel­lung von Bay­ern auf Schal­ke ist schon groß, da tut es gut, kei­nen zu­sätz­li­chen Druck von Trai­ner oder Klub zu spü­ren. Aber ich glau­be, dass ich schon ei­nen or­dent­li­chen Schritt nach vor­ne ge­macht ha­be und es nicht mehr all­zu lan­ge dau­ern wird. In den nächs­ten zwei, drei Spie­len wer­de ich zu 100 Pro­zent da sein.

Ist das Sai­son­ziel, die Qua­li­fi­ka­ti­on für die Cham­pi­ons Le­ague, nach fünf Plei­ten zum Auf­takt schon ab­ge­hakt?

Na­tür­lich macht man sich Ge­dan­ken, wenn man die ers­ten fünf Spie­le ver­liert. Aber wir ha­ben die rich­ti­ge Ant­wort ge­ge­ben und die letz­ten drei Par­ti­en ge­won­nen. Wir wol­len die­se Se­rie wei­ter fort­set­zen und ha­ben die Cham­pi­ons Le­ague noch nicht ab­ge­hakt.

Letz­te Fra­ge: Ha­ben Sie ei­gent­lich Angst vor dem Ab­stieg in der Na­ti­ons Le­ague?

Nein, da­mit be­fas­se ich mich über­haupt nicht. Wir wol­len in Hol­land ge­win­nen und dann in Frank­reich nach­le­gen – das ist un­ser An­spruch.

FO­TO: JENS BÜTT­NER/DPA

„Wir wol­len wie­der sta­bi­ler ste­hen“: Se­bas­ti­an Ru­dy trifft heu­te Abend mit der Na­tio­nal­elf in Ams­ter­dam auf die Nie­der­lan­de.

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