„Die Men­schen je­den Tag ent­las­ten“

SPD-VI­ZE Ma­nue­la Schwe­sig über Fa­mi­li­en­ar­beits­zeit und die Be­deu­tung von De­bat­ten­camps

Aller-Zeitung - - TAGESTHEMEN -

Frau Schwe­sig, die SPD will bei ei­nem De­bat­ten­camp am Wo­chen­en­de neue The­men und Ide­en ent­wi­ckeln. Ist es da­für nicht in­zwi­schen fast zu spät?

Für neue Ide­en ist es nie zu spät. Rich­tig ist, dass wir uns in der Ver­gan­gen­heit häu­fi­ger die­se Räu­me des Nach­den­kens und Dis­ku­tie­rens hät­ten schaf­fen sol­len. Ich bin froh, dass An­drea Nah­les und Lars Kling­beil das nun er­mög­li­chen. Das De­bat­ten­camp ver­schafft uns die Mög­lich­keit, mit ganz un­ter­schied­li­chen Men­schen aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven über die The­men der Zu­kunft zu dis­ku­tie­ren.

Kri­ti­ker ver­spot­ten sol­che For­ma­te ger­ne als „Kork­wand-ver­an­stal­tung“– viel Ge­re­de und we­nig Zähl­ba­res...

Kon­tro­ver­se De­bat­ten be­le­ben im­mer den po­li­ti­schen Pro­zess und be­ein­flus­sen ihn. Ich selbst wer­de zum Bei­spiel mit der Schrift­stel­le­rin Ja­na Hen­sel, Jo­han­nes Hil­je, Ste­fan Kr­ab­bes und Bir­git Loh­mey­er ei­ne De­bat­te dar­über füh­ren, wie es im Os­ten wei­ter­ge­hen soll. Das The­ma be­schäf­tigt mich als Mi­nis­ter­prä­si­den­tin von Meck­len­burg-vor­pom­mern je­den Tag. Wenn wir bei dem De­bat­ten­camp neue Vor­schlä­ge ent­wi­ckeln, flie­ßen

„Für neue Ide­en ist es nie zu spät“: Ma­nue­la Schwe­sig, Mi­nis­ter­prä­si­den­tin von Meck­len­burg-vor­pom­mern, hofft auf neue in­halt­li­che Im­pul­se.

die­se selbst­ver­ständ­lich in un­se­re täg­li­che po­li­ti­sche Ar­beit ein.

Wie wol­len Sie das in der Pra­xis ge­währ­leis­ten?

Wir wer­den die Er­geb­nis­se do­ku­men­tie­ren und in den Er­neue­rungs­pro­zess der SPD ein­spei­sen. Nor­ma­ler­wei­se sind wir Po­li­ti­ker ja die­je­ni­gen, die De­bat­ten vor­an­trei­ben und Din­ge er­klä­ren müs­sen. Des­halb freue ich mich sehr dar­auf, dass ich mal neue Vor­schlä­ge und Ide­en zu hö­ren be­kom­me. Das ge­schieht viel zu sel­ten.

Im Vor­feld des De­bat­ten­camps hat Spd-ge­ne­ral­se­kre­tär Lars Kling­beil ein „Grund­ein­kom­mens­jahr“mit ei­nem staat­li­chen Ein­kom­men von mo­nat­lich 1000 Eu­ro ge­for­dert, das Ar­beit­neh­mer nach zwölf Jah­ren zu­ste­hen soll.

Lars Kling­beil hat ei­ne neue Idee in die Dis­kus­si­on um das be­din­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men ein­ge­bracht. Ge­nau dar­um geht es doch bei dem De­bat­ten­camp. Wir wol­len ei­ne of­fe­ne Dis­kus­si­on über ver­schie­de­ne Vor­schlä­ge er­mög­li­chen. Lars Kling­beils Vor­schlag un­ter­schei­det sich von dem be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men, das die meis­ten in mei­ner Par­tei ab­leh­nen. Ein Grund­ein­kom­mens­jahr ist an Ar­beit ge­bun­den und wür­de den Men­schen in ei­ner im­mer dich­ter und schnel­ler wer­den­den Ar­beits­welt Frei­räu­me ver­schaf­fen, was ich gut fin­de. Mein An­satz wä­re aber trotz­dem ein an­de­rer.

Und zwar?

Sinn­vol­ler fän­de ich es, nicht al­le zwölf Jah­re ei­nen gro­ßen Freiraum zu schaf­fen, son­dern je­den Tag ei­nen klei­ne­ren. Des­halb fa­vo­ri­sie­re ich die Idee der Fa­mi­li­en­ar­beits­zeit. Wer sich in­ten­siv um Kin­der oder pfle­ge­be­dürf­ti­ge El­tern küm­mert, soll­te sei­ne Wo­chen­ar­beits­zeit re­du­zie­ren dür­fen – und gleich­zei­tig ei­nen staat­li­chen Zu­schuss für den Ver­dienst­aus­fall be­kom­men. Das wür­de vie­le Men­schen im All­tag sehr stark ent­las­ten. Die SPD muss wie­der an der Spit­ze der De­bat­te um solch vi­sio­nä­re Ar­beits­zeit­mo­del­le ste­hen, die an den All­tag der Men­schen an­knüp­fen.

Der­zeit gibt es in Ih­rer Par­tei je­de Men­ge Un­ru­he. So sorgt zum Bei­spiel der im­mer noch nicht ge­lös­te Streit mit der Uni­on um die Ab­schaf­fung des Ab­trei­bungs­pa­ra­gra­fen 219a für Är­ger.

Klar ist, dass der Pa­ra­graf 219a ge­stri­chen wer­den muss. Es ist nicht ak­zep­ta­bel, dass Ärz­tin­nen und Ärz­te kri­mi­na­li­siert wer­den, nur weil auf ih­rer Web­site die blo­ße In­for­ma­ti­on steht, dass sie über Schwan­ger­schafts­ab­brü­che auf­klä­ren und die­se auch vor­neh­men. Gera­de Gy­nä­ko­lo­gen ge­nie­ßen viel Ver­trau­en und tun in der Re­gel al­les da­für, dass un­ge­bo­re­nes Le­ben ge­sund zur Welt kommt – und sind die rich­ti­gen An­sprech­part­ner im Fal­le ei­nes mög­li­chen Schwan­ger­schafts­ab­bru­ches. Ih­nen des­halb Wer­bung für Ab­brü­che zu un­ter­stel­len ist ab­surd. Ich hof­fe des­halb sehr, dass wir mit der Uni­on zu ei­ner kon­struk­ti­ven Lö­sung kom­men.

FO­TO: JENS BÜTT­NER/DPA

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