Zu viel Ges­tern, zu we­nig Mor­gen

Der So­zi­al­staat muss sich neu­en Her­aus­for­de­run­gen stel­len

Aller-Zeitung - - TAGESTHEMEN - VON TO­BI­AS PETER

▶ Ich hal­te den So­zi­al­staat, wie wir ihn in Deutsch­land und an­de­ren Staa­ten ken­nen, für die größ­te Kul­tur­leis­tung, die die Eu­ro­pä­er im Lauf die­ses schreck­li­chen 20. Jahr­hun­derts zu­stan­de ge­bracht ha­ben.“So hat es ein Ham­bur­ger mal aus­ge­drückt: Alt­bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt.

Die SPD will die­sen So­zi­al­staat er­neu­ern, mal wie­der. Vor mehr als 15 Jah­ren war es der So­zi­al­de­mo­krat Ger­hard Schrö­der, der den Men­schen Kür­zun­gen zu­mu­te­te. Heu­te will die SPD Schrö­ders Re­for­men ei­ni­ge ih­rer Här­ten neh­men. Der Spiel­raum ist da. An­ders als zu Schrö­ders Zei­ten ist der Ar­beits­markt ro­bust, die Wirtschaft kämpft mit dem Fach­kräf­te­man­gel.

Die SPD tut mit ih­rem Kon­zept „So­zi­al­staat 2025“ sich selbst et­was Gu­tes und der Ge­sell­schaft nichts Schlech­tes. Doch un­ter­neh­menu­ni­o­nun­dspd­ge­nug, um den So­zi­al­staat zu­kunfts­fä­hig zu ma­chen?

Die Ant­wort lau­tet: Nein. Die Volks­par­tei­en im Schrump­fungs­pro­zess scheu­en es, not­wen­di­ge grund­le­gen­de Um­bau­ten an­zu­ge­hen. Jen­seits des Streits über ei­ne Min­dest­ren­te müss­te die Ko­ali­ti­on ei­ne ech­te Ren­ten­re­form in die Spur brin­gen. Statt­des­sen hat die Bun­des­re­gie­rung nur ei­ne Kom­mis­si­on ein­ge­setzt. Uni­on und Spd­spie­len­aufzeit.

Da­bei sind die Schwie­rig­kei­ten wie auch die Lö­sungs- we­ge lan­ge be­kannt. Den Ru­he­ständ­lern ste­hen we­ni­ger Bei­trags­zah­ler ge­gen­über. Per­spek­ti­visch wer­den al­le län­ger ar­bei­ten müs­sen, es braucht mehr Steu­er­zu­schüs­se­und­hö­he­rebei­trä­ge. Da­mit kei­nes die­ser Mit­tel über­be­an­sprucht wer­den muss, ist ein Maß­nah­men­mix zwin­gend. Die not­wen­di­gen Schrit­te dür­fen nicht ver­schleppt wer­den.

Fahr­läs­sig ist auch, dass die gro­ße Ko­ali­ti­on das The­ma Wei­ter­bil­dung im Zeit­al­ter der Di­gi­ta­li­sie­rung nicht mu­ti­ger an­geht. CDU und CSU wir­ken, als hoff­ten sie, das meis­te wer­de sich schon von selbst re­geln. Deutsch­land könn­te wei­ter sein, wenn die SPD dem The­ma in den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen die­sel­be Prio­ri­tät ein­ge­räumt hät­te wie je­ner For­de­rung, dass sie ne­ben dem Fi- nanz­mi­nis­te­ri­um un­be­dingt auch das Au­ßen­mi­nis­te­ri­um be­kommt. Ein Auf­bruch in der Bil­dungs­po­li­tik für Er­wach­se­ne wie für Kin­der? Da­von ist nichts zu spü­ren.

Ein „Recht auf Ar­beit“, wie die SPD es jetzt for­dert, ist nicht mehr als ein Slo­gan. Wie lässt es sich or­ga­ni­sie­ren, dass Men­schen, de­ren Jobs weg­fal­len wer­den, früh­zei­tig für Auf­ga­ben in an­de­ren Un­ter­neh­men qua­li­fi­ziert wer­den? Di­gi­ta­li­sie­rung und tech­no­lo­gi­scher Wan­del wer­den Ar­beits­plät­ze ver­nich­ten und neue schaf­fen. Al­te Qua­li­fi­ka­tio­nen wer­den oft nicht mehr pas­sen. Dar­auf muss der So­zi­al­staat des 21. Jahr­hun­derts re­agie­ren. Struk­tur­brü­che las­sen sich nicht ver­mei­den. Die Auf­ga­be von Politik ist es zu ver­hin­dern, dass sie zu Brü­chen im Le­ben von Men­schen wer­den.

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