Mal was Neu­es in Bre­men

Quer­ein­stei­ger Cars­ten Mey­er-he­der könn­te im Mai der ers­te Cdu-re­gie­rungs­chef in der Ge­schich­te des Stadt­staats wer­den

Aller-Zeitung - - BLICK IN DIE ZEIT - VON MATTHIAS KOCH

BRE­MEN. Die Re­vo­lu­ti­on fand im Saa­le statt, am 26. Mai 2018, in ei­nem Ho­tel am Bre­mer Her­den­tor­stein­weg. Der Rest der Re­pu­blik be­kam da­von nichts mit.

Die De­le­gier­ten der Bre­mer CDU wähl­ten da­mals mit stol­zen 98 Pro­zent ei­nen neu­en Spit­zen­kan­di­da­ten: Cars­ten Mey­er-he­der, 57, It-un­ter­neh­mer.

Cars­ten wer? Bun­des­weit wink­ten vie­le ab: un­in­ter­es­sant. Wer in Bre­men für die CDU an­tritt, hat nor­ma­ler­wei­se schon ver­lo­ren, be­vor es los­geht. Der Stadt­staat ist seit 1946 die fes­tes­te Burg der SPD in Deutsch­land. Henning Scherf und Jens Böhrn­sen re­gier­ten hier zehn Jah­re lang, Hans Ko­schnick brach­te es auf fas­t20jah­re.

En­de letz­ter Wo­che aber ge­schah et­was Un­ge­heu­res. In ei­ner In­fra­test-um­fra­ge für den „We­ser-ku­ri­er“schob sich die CDU knapp vor die SPD. Für macht­ge­wohn­te So­zi­al­de­mo­kra­ten im Bre­mer Se­nat fühl­te sich das selt­sam und ir­re­al an wie ei­ne Son­nen­fins­ter­nis. Die Uni­on hat­te in Bre­men nie ei­ne Chan­ce. Die Ar­bei­ter konn­ten mit den Kon­ser­va­ti­ven nichts an­fan­gen, die Stu­den­ten erst recht nicht. Aber auch die li­be­ra­le Wirt­schafts­sze­ne frem­del­te.

Vor mehr als 20 Jah­ren hat Mey­er-he­der das „Team Neus­ta“ge­grün­det, ei­ne In­ter­net­agen­tur, die heu­te mehr als 1000 Mit­ar­bei­ter be­schäf­tigt. Zu den ers­ten Kun­den zähl­te Tui, dann ka­men VW und Wer­der Bre­men da­zu. Mehr­fach ge­wann die Fir­ma Prei­se, mal für ih­re Ser­vices, mal als fa­mi­li­en­freund­li­cher Ar­beit­ge­ber. Mey­er-he­ders Mit­ar­bei­ter dür­fen ihn du­zen, je­den Neu­ling be­grüßt er bei Bu­let­ten und Bier. Der Zwei-me­termann kommt in Je­ans um die Kur­ve, mit leicht ab­ge­sto­ße­nen halb­ho­hen brau­nen Stie­feln. Schlip­se und An­zü­ge wa­ren nie sein Ding. In der Bre­mer Über­see­stadt be­sie­deln Mey­er-he­ders Mit­ar­bei­ter, Durch­schnitts­al­ter 31, rund 12000 Qua­drat­me­ter. Zum Som­mer­fest kam auch der ge­gen­wär­ti­ge Spd-bür­ger­meis­ter, Cars­ten Sie­ling (60).

„Wir mö­gen uns ja“, sagt Mey­er-he­der über den So­zi­al­de­mo­kra­ten, den er am 26. Mai die­ses Jah­res, nichts für un­gut, aus dem Amt ja­gen will. „Ich hof­fe, dass wir das sau­ber spie­len.“

Zu­frie­den sitzt Mey­er-he­der, schwar­zer Rol­li, bun­ter Schal, in sei­nem Bü­ro an der Kon­sul-smidt-stra­ße. Er streckt die Bei­ne aus, fal­tet die Hän­de hin­ter dem Kopf. Vor vie­len Jah­ren hat er mal ei­ne Krebs­er­kran­kung über­stan­den. Da kann er jetzt man­che Din­ge an­ders se­hen als an­de­re, ir­gend­wie lo­cke­rer, oder nicht? Er könn­te sei­ne Fir­ma ver­kau­fen. Er muss nicht un­be­dingt noch ir­gend­et­was wer­den. Er ver­sucht jetzt nur ein­fach mal was.

Ent­spannt­heit, Selbst­be­wusst­sein: Sol­che Ei­gen­schaf­ten wa­ren der Bre­mer CDU bis­lang fremd. Um­wölkt von der Ge­wiss­heit ih­res Schei­terns schli­chen Bre­mens Unio­nis­ten seit Jahr­zehn­ten von ei­ner Nie- der­la­ge zur nächs­ten. Dass sie selbst es oft wa­ren, die ei­ne kul­tu­rel­le Mau­er zwi­schen sich und der Groß­stadt­ge­sell­schaft ge­zo­gen hat­ten, ging ih­nen nicht auf.

Nun aber be­kom­men Bre­mens Christ­de­mo­kra­ten Nach­hil­fe in Li­be­ra­li­tät, vom ei­ge­nen Spit­zen­kan­di­da­ten. Man­che müs­sen noch im­mer lei­se schlu­cken. Et­wa wenn der zum drit­ten Mal ver­hei­ra­te­te Mey­er-he­der über sei­ne Patch­work­fa­mi­lie mit drei Kin­dern spricht, in die sei­ne neue Frau noch ei­ne 21 Jah­re al­te Stief­toch­ter mit­ge­bracht hat. Wenn er sei­ne Kir­chen­fer­ne be­schreibt. Wenn er fal­len lässt, dass Grü­nen-chef Ro­bert Ha­beck für ihn ein Vor­bild ist. Oder wenn er be­rich­tet, wie we­nig er einst fürs Stu­di­um ge­tan hat. Lie­ber muck­te er näch­tens in sei­ner Band: „Wir ha­ben Sal­sa ge­spielt, aber auch Funk und Rock.“Mey­er-he­der gab Schlag­zeug­un­ter­richt, leb­te mit­ten in der al­ter­na­ti­ven Sze­ne. Sein Va­ter, FDP-MANN, war Be­stat­ter.

In die Bre­mer CDU trat Mey­er-he­der erst vor Kur­zem ein, aus ge­ge­be­nem An­lass: die Bür­ger­meis­ter­kan­di­da­tur. Nur im Flüs­ter­ton spre­chen Bre­mens Christ­de­mo­kra­ten der­zeit über mög­li­che Ri­si­ken. Kann das al­les am En­de noch ir­gend­wie schief­ge­hen? Hat der Mann nicht in Wahr­heit viel zu we­nig po­li­ti­sche Er­fah­rung?

Mey­er-he­der ist kein gro­ßer Red­ner. Manch­mal bricht er ei­nen Satz ab, fängt mit ei­nem neu­en Ge­dan­ken an. Mit­un­ter hat er ein De­tail nicht auf der Pfan­ne. Bei ei­nem abend­li­chen Auf­tritt kratz­te er sich am Kopf: „War jetzt ei­gent­lich schon der of­fi­zi­el­le ers­te Spa­ten­stich für den neu­en We­ser­tun­nel oder nicht? Ich ha­be das ir­gend­wie ver­passt.“Ant­wort aus dem Pu­bli­kum: War schon. Mey­erhe­der: „Na ja, ok, aber wirk­lich ge­tan hat sich da ja so­wie­so noch nichts, oder?“Ge­läch­ter und Ap­plaus.

Der Kan­di­dat ist wirk­lich Neu­ling, er tut nicht nur so. Aber er macht, was ihm an Schu­lung fehlt, durch Per­sön­lich­keit wett und durch Le­bens­er­fah­rung. Schu­le, Bil­dung, In­klu­si­on? Mey­er-he­ders jüngs­te Toch­ter hat das Down­syn­drom. Wenn er dar­über spricht, sind die Leute still. Die Mut­ter und er ha­ben di­ver­se Schu­len aus­pro­biert. Sei­ne Schluss­fol­ge­rung: Man sol­le da nichts er­zwin­gen, son­dern im­mer den Ein­zel­fall be­trach­ten.

Bloß kei­ne Ideo­lo­gie – die­ser Grund­satz ist der ein­zi­ge, an dem Mey­er-he­der ei­sern fest­hält. Und: Kon­kre­tes schlägt Abs­trak­tes.

Aus­län­der? Für die, die ar­bei­ten und sich an Re­geln hal­ten, for­dert er li­be­ra­le­re Ge­set­ze als bis­her, er kennt ja ge­nug Bei­spie­le aus sei­ner Fir­ma. Je­ne aber, „die hier her­kom­men, um Dro­gen zu ver­kau­fen“, sol­le man här­ter an­fas­sen. Mit sei­ner Li­nie ha­be er jüngst bei ei­ner Ver­an­stal­tung vier Afd-wäh­ler zur Uni­on zu­rück­ho­len kön­nen. „Okay, vier, das klingt jetzt nicht nach viel“, sagt er. „Aber wir fan­gen ja auch erst an.“

Was noch fehlt, ist Mey­erhe­ders gro­ßer Wurf, ei­ne neue Idee für Bre­men. Wenn der 57Jäh­ri­ge da­nach ge­fragt wird, bleibt er vor­sich­tig, eben­falls aus Er­fah­rung. Oft hat er im Be­rufs­le­ben Fir­men­chefs schei­tern se­hen, die mit all­zu gro­ßer Ges­te ei­nen all­zu gro­ßen Um­bau ver­kün­det hat­ten. „Ge­hen wir doch erst mal ein über­sicht­li­ches ers­tes Pro­jekt an“, sagt er. „Da­nach be­wer­ten wir ge­mein­sam die Ve­rän­de­rung – und dann kommt der nächs­te Schritt.“

Er will jetzt erst mal die Di­gi­ta­li­sie­rung Bre­mens vor­an­trei­ben, nicht ir­gend­wie, son­dern mit dem kla­ren Ziel, den Stadt­staat zu dem am bes­ten di­gi­ta­li­sier­ten deut­schen Bun­des­land zu ma­chen. Bür­ger, Fir­men, Be­am­te, al­le könn­ten pro­fi­tie­ren. Und am En­de ent­ste­he ein völ­lig neu­es Image: Bre­men mal nicht als Schluss­licht in ei­ner Ta­bel­le der Bun­des­län­der, son­dern ganz vorn.

Mey­er-he­der setzt auf ein Ja­mai­ka-bünd­nis mit Grü­nen und Li­be­ra­len. Die jet­zi­gen Um­fra­gen las­sen das rech­ne­risch mög­lich er­schei­nen – doch Mey­er-he­der weiß, dass er kämp­fen muss. Denn auch Rot-rot-grün könn­te am En­de ei­ne Op­ti­on sein.

Die­ser Tage zog er mit der neu­en Cdu-bun­des­vor­sit­zen­den An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er durch Bre­men. Mit der Saar­län­de­rin hat Mey­er-he­der sich mensch­lich be­reits gut ver­bun­den. Bei­den liegt ge­ne­rell das Wohl­er­ge­hen klei­ner Bun­des­län­der am Her­zen. Hin­zu kommt bei AKK ein sehr spe­zi­el­les In­ter­es­se an ei­nem Sieg der CDU im Mai in Bre­men. Es ist ih­re ers­te Land­tags­wahl als Bun­des­vor­sit­zen­de, ein Tri­umph in Bre­men bräch­te ihr auch Schub im Bund.

In der Bre­mer CDU er­in­nert man sich noch an ei­ne Frau mit dunk­ler Kurz­haar­fri­sur, die im Mai 2018 ei­gens aus Berlin an­ge­reist war, dem frisch ge­wähl­ten Spit­zen­kan­di­da­ten bei Ver­kün­dung des Wah­l­er­geb­nis­ses spon­tan zu­ju­bel­te und ihm Blu­men über­reich­te: Kramp-kar­ren­bau­er, da­mals noch Cduge­ne­ral­se­kre­tä­rin. An der lei­sen Re­vo­lu­ti­on in Bre­mens CDU war die Frau aus dem Saar­land von An­fang an be­tei­ligt.

Wir ha­ben Sal­sa ge­spielt, aber auch Funk und Rock.

Cars­ten Mey­er-he­der über sei­ne Stu­den­ten­zeit im Bre­mer „Vier­tel“.

FOTO: BJÖRN HAKE/IMAGO

Cars­ten Mey­er-he­der (Cdu-bür­ger­meis­ter­kan­di­dat in Bre­men) am Lan­ke­n­au­er Höft in Bre­men.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.