Kampf um die Nacht

Par­ty­gäs­te als Vi­ren­ver­brei­ter, clubs als po­ten­zi­el­le su­per­spre­a­der­or­te, Fei­ern als he­do­nis­ti­scher Akt oh­ne jeg­li­che rück­sicht­nah­me: in den städ­ten wird die nacht zum trei­ber der pan­de­mie. in berlin gilt seit dem Wo­che­n­en­de das un­denk­ba­re – ei­ne sperr­s­tun

Aller-Zeitung - - BLICK IN DIE ZEIT - Foto: A. riedl/dpa

Von sab­ri­na lösch und JAN stern­berg

BERLIN. Noch 60 Mi­nu­ten bis zur Sperr­stun­de. Frank Bau­meis­ter steht am Zapf­hahn sei­ner Kiez­knei­pe Zur Lin­de in Char­lot­ten­burg und ist wü­tend. „Ich ha­be bis­her al­le Maß­nah­men des Se­nats ver­stan­den – die­se ver­ste­he ich nicht mehr“, sagt der Wirt.

Er hat sich in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten an al­le Re­geln ge­hal­ten, hat Ti­sche ge­sperrt, um den Ab­stand her­zu­stel­len, hat den Kon­takt­ver­fol­gungs­zet­tel über­reicht, so­bald ein Gast durch die Tür kam, und hat un­ge­zähl­te Ma­le an die Mas­ken­pflicht er­in­nert. Gera­de kommt wie­der ei­ne jun­ge Frau an die The­ke – oh­ne Mas­ke. „Du hast ein wun­der­schö­nes Ge­sicht, aber bit­te zieh dir was über Mund und Na­se“, sagt Bau­meis­ter char­mant.

Vie­le Gäs­te kä­men in­zwi­schen, weil sie sich bei ihm si­cher fühl­ten, sagt er. An­de­re blie­ben weg, weil er so kor­rekt sei. Aber die Lin­de ein Hots­pot? Kein ein­zi­ges Mal hat das Ge­sund­heits­amt sei­ne Lis­ten an­ge­for­dert.

Es hilft al­les nichts. Die Me­tro­po­len sind wie­der zu Co­ro­na-ri­si­ko­ge­bie­ten ge­wor­den, und Berlin ist ganz vor­ne da­bei. Bau­meis­ter muss ei­nen Satz sa­gen, der so gar nicht zu die­ser Stadt passt: „Letz­te Run­de!“Von 23 bis 6 Uhr müs­sen Kn­ei­pen und Lä­den ge­schlos­sen blei­ben, auch Tank­stel­len dür­fen kei­nen Al­ko­hol mehr ver­kau­fen. Die Maß­nah­men gel­ten zu­nächst bis En­de die­ses Mo­nats.

Deutsch­lands Groß­städ­te ha­ben der Nacht den Krieg er­klärt, um den Tag zu ret­ten. Berlin, Frank­furt am Main, Stutt­gart, Köln, Es­sen – ei­ne nach der an­de­ren über­schrei­ten die Städ­te den kri­ti­schen

Grenz­wert von 50 Neu­in­fek­tio­nen pro 100 000 Ein­woh­ner. Was liegt da nä­her, als die ge­mein­sa­me Frei­zeit in gro­ßen Grup­pen ein­zu­schrän­ken? Mas­ken­pflicht auf St. Pau­li, Sperr­stun­de in Kreuz­berg, Al­ko­hol­ver­bot in Köln. „Par­tys muss man nicht fei­ern, ar­bei­ten und ler­nen schon“, sagt Ba­den-würt­tem­bergs Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) in der „Bild am Sonn­tag“. Ei­nen er­neu­ten so­ge­nann­ten Lock­down kön­ne sich das Land nicht leis­ten. In Schu­len, Kin­der­gär­ten, Uni­ver­si­tä­ten und in der Wirt­schaft dür­fe es die­se dras­ti­schen Maß­nah­men nicht mehr ge­ben.

Der ver­meint­lich un­be­schwer­te Som­mer ist dem reg­ne­ri­schen Herbst ge­wi­chen. „Die Zeit der Ge­sel­lig­keit ist vor­bei“, er­klär­te Ber­lins Ge­sund­heits­se­na­to­rin Di­lek Ka­lay­ci (SPD) be­reits zu Wo­chen­an­fang.

Letz­te Chan­ce auf Ge­schäft

15 Mi­nu­ten nach der Sperr­stun­de, Berlin-kreuz­berg.

Mit Bier, Kur­zem und selbst ge­dreh­ten Kip­pen hat es sich ein Pär­chen auf der Bier­bank vor Ab­dul­lah Bay­bo­gans La­den auf der Schle­si­schen Stra­ße gera­de erst ge­müt­lich ge­macht. Lang­sam fährt ein Klein­trans­por­ter der Bun­des­po­li­zei die re­gen­nas­se Stra­ße ent­lang. Bay­bo­gan wird un­ru­hig. „Sperr­stun­de, ihr müsst jetzt wirk­lich ge­hen! Sonst kos­tet mich das 5000 Eu­ro!“

Sol­che Sät­ze wa­ren in Berlin bis­her un­denk­bar. Das Recht auf Rausch zu je­der Ta­ge­sund Nacht­zeit ge­hört zu den Gr­und­fes­ten des haupt­städ­ti­schen Le­bens­ge­fühls. Und selbst als im Früh­jahr Re­stau­rants und Kn­ei­pen meh­re­re Wo­chen lang schlie­ßen muss­ten, hat­ten die klei­nen Spät­kauf­lä­den, wie Bay­bo­gan ei­nen be­treibt, wei­ter ge­öff­net.

Das Pär­chen vor dem Spät­kauf packt Ta­bak und Fla­schen ein, da zieht der La­den­be­sit­zer ihm auch schon die Bank fast un­term Hin­tern weg. Bloß kei­nen Är­ger mit der Po­li­zei ein­han­deln.

Ein Mann kommt vor­bei, hält bei­de Hän­de mit den Dau­men nach un­ten. Auch Bay­bo­gan dreht zur Ant­wort die Dau­men nach un­ten. Er sagt: „Die Ge­schäf­te lau­fen so­wie­so schon das gan­ze Jahr schlecht, seit die Tou­ris­ten feh­len. Und tags­über ver­die­nen wir fast nichts. Ich brau­che die Näch­te, um zu über­le­ben.“Und er kön­ne nicht ein­mal nach Hau­se ge­hen, klagt der glatz­köp­fi­ge Mann mit den mü­den Au­gen: „Ich muss im La­den blei­ben wie ein Wach­hund.“Er ha­be kei­ne Ver­si­che­rung für den La

Sperr­stun­de, ihr müsst jetzt wirk­lich ge­hen! Sonst kos­tet mich das 5000 Eu­ro! Ab­dul­lah Bay­bo­gan, spät­kauf­be­trei­ber in kreuz­berg

den – wo­zu auch, sie hat­ten ja bis­her im­mer auf.

60 Mi­nu­ten nach Be­ginn der Sperr­stun­de, Berlin-neu­kölln.

In der We­ser­stra­ße ist ei­ne St­un­de nach An­bruch der neu­en, al­ko­hol­lo­sen Nacht von Po­li­zei nichts zu se­hen. Die Bars ha­ben fast al­le ge­schlos­sen, in den Spä­tis brennt fast über­all noch Licht.

An je­der Ecke ste­hen Men­schen mit Bier­fla­schen in der Hand her­um, ei­ni­ge sin­gen, an­de­re dis­ku­tie­ren. Al­le sind rat­los, fra­gen auf Deutsch, Eng­lisch, Spa­nisch: „Wo kann man jetzt noch hin?“Ein Roll­la­den ras­selt her­un­ter. Ein Uber-au­to fährt vor, die Wer­bung an der Bei­fah­rer­tür lau­tet: „Rund um die Uhr auf die Tanz­flä­che und zu­rück.“Ein Satz aus ei­ner an­de­ren Zeit – oder ein Ver­spre­chen?

Kur­ze Zeit spä­ter, ir­gend­wo na­he ei­ner Au­to­bahn­brü­cke, an ei­nem Ka­nal.

Ein un­schein­ba­rer Tram­pel­pfad führt di­rekt in den Busch hin­ein. Mit­ten­drin ei­ne klei­ne Lich­tung, dar­in er­öff­net sich ei­ne far­ben­fro­he Welt der Ek­s­ta­se. Bäu­me, Zwei­ge und Blät­ter leuch­ten in li­la, blau und gelb. Dj-pult und Laut­spre­cher sind schon in Po­si­ti­on ge­bracht. Die letz­ten Vor­be­rei­tun­gen fast ab­ge­schlos­sen. Hier noch ei­ne bun­te Lich­ter­ket­te, da noch ei­ne fun­keln­de Dis­co­ku­gel. Fer­tig.

Be­vor der Ra­ve be­ginnt, er­hal­ten Par­ty­gäs­te noch ein kur­zes Brie­fing: „Falls die Bul­len kom­men, müs­sen wir al­le schnell re­agie­ren“, sagt ein Mann mit lau­ter Stim­me. Er ge­hört zum Kol­lek­tiv, das die wö­chent­li­chen il­le­ga­len Open Airs or­ga­ni­siert. Die Men­schen hö­ren auf­merk­sam zu. Der Schlacht­plan: Weib­li­che Gäs­te sol­len die Po­li­zis­ten in ein Ge­spräch ver­wi­ckeln. Der Nächst­bes­te schnappt den Dj­con­trol­ler und er­greift die Flucht. Zu­stim­mung durch Kopf­ni­cken.

„Beim Fei­ern kann ich frei sein, mich ge­hen las­sen und da­bei al­les um mich her­um ver­ges­sen“, sagt Mia*. Seit Be­ginn der Pan­de­mie war die 27Jäh­ri­ge auf kei­ner Par­ty mehr. Den Abend sieht sie als letz­te Chan­ce zum aus­gie­bi­gen Tan­zen. „Hier kann ich ein­fach ich selbst sein, der Welt den Rü­cken keh­ren und sa­gen: Jetzt ist mir al­les egal. Ich bin nur hier, nur bei mir selbst. Ich ge­nie­ße den Mo­ment, die Mu­sik, die Lich­ter, die Leu­te“, er­zählt sie.

Ei­ne Hand­voll Men­schen spannt ei­ne rie­si­ge Pla­ne über die Wald­schnei­se. Tanz­flä­che und Pult sind nun vor Re­gen ge­schützt. Ge­gen die fros­ti­ge Käl­te hel­fen nur meh­re­re Schich­ten Klei­dung. Und na­tür­lich: Be­we­gung.

Die ers­ten Men­schen stel­len sich auf die Tanz­flä­che und wip­pen – zu­nächst zö­ger­lich – zur elek­tro­ni­schen Me­lo­die. Auf ei­ner Eu­ro­pa­let­te, die als Sitz­bank dient, ho­cken vier jun­ge Er­wach­se­ne. Ei­ner von ih­nen legt sorg­fäl­tig Bah­nen wei­ßen Pul­vers auf ei­ne Spie­gel­flie­se.

Trei­ben die­se jun­gen Men­schen wirk­lich die Pan­de­mie in Berlin an? Eben­so wie die Kn­ei­pen­gäs­te gel­ten sie als Su­per­spre­a­der, als Sün­den­bö­cke so­wie­so. Über die Nacht ver­teilt kom­men und ge­hen um die 40 Per­so­nen. Die Leu­te ken­nen sich un­ter­ein­an­der. Ei­ne Mas­ke trägt nie­mand. Auf der Tanz­flä­che spricht oh­ne­hin kaum je­mand; es wird Ab­stand ge­hal­ten. „Im Mo­ment füh­le ich mich so si­cher in die­ser Um­ge­bung“, ant­wor­tet Mia auf die Fra­ge, ob sie sich Ge­dan­ken zu Co­ro­na macht. „Wir sind im Frei­en, und es ist nicht viel los. In je­der S-bahn oder U-bahn ha­be ich mehr Be­den­ken als hier, bei ei­nem klei­nen Ra­ve im Frei­en.“

Ge­gen zwei Uhr mor­gens ist die Mu­sik spür­bar lau­ter, der Bass in­ten­si­ver, die Beats wer­den schnel­ler. Als ob je­mand den Schal­ter in den Köp­fen der Men­schen um­legt. Mu­sik an, Rea­li­tät aus.

Jim* ist be­reits zum zehn­ten Mal zu Gast beim Open Air. Cr­ew und Gäs­te kennt er in­zwi­schen glei­cher­ma­ßen. „Teil­wei­se sieht man hier je­de Wo­che die­sel­ben Ge­sich­ter, das fühlt sich rich­tig hei­me­lig an“, schwärmt der 29-Jäh­ri­ge.

Mia hat zu­vor be­reits le­gal ge­tanzt. In der El­se, ei­nem Frei­luft­tanz­lo­kal na­he der Sbahn­sta­ti­on Trep­tower Park. Kos­ten­punkt: 20 Eu­ro. Wie üb­lich in der Sze­ne ist hier Fei­ern von 14 bis 22 Uhr er­laubt. Zeit­lich li­mi­tier­ter Ex­zess so­zu­sa­gen. Li­mi­tiert sind auch die Plät­ze. Ne­ben dem Ein­gang hän­gen meh­re­re Zet­tel mit Qr-codes. Wer in der El­se fei­ern will, muss sich vor­her re­gis­trie­ren. Da­zu scannt man den Qr-code mit dem Smart­pho­ne. Au­to­ma­tisch öff­net sich ei­ne neue Mail in der MailApp, adres­siert an den Club. Na­me, Ge­burts­tag und Te­le­fon­num­mer ein­tip­pen und ab­sen­den. Im An­schluss kommt die Be­stä­ti­gungs­mail, die beim Se­cu­ri­ty­check vor­ge­zeigt wer­den muss.

So soll zu­min­dest ein Rest der Nacht ge­ret­tet wer­den. Der Bran­chen­ver­band Club­com­mis­si­on Berlin reg­te be­reits frei­wil­li­ge Schnell­tests vor den Club­tü­ren an. So lie­ßen sich In­fek­tio­nen zu­min­dest zu­rück­ver­fol­gen.

Die il­le­ga­le Par­ty im Busch nimmt wei­ter Fahrt auf. Was, wenn jetzt die Po­li­zei kommt? „Dann ist es eben so“, sagt Mia ent­schie­den. „Dann ge­hen wir nach Hau­se. Dass die­ses klei­ne Ra­ve un­ter Bäu­men, ir­gend­wo in der Pam­pa, il­le­gal ist, fin­de ich lä­cher­lich.“

Ge­gen 6.30 Uhr ent­de­cken zwei Po­li­zis­ten die il­le­ga­le Ver­samm­lung im Busch. Sie ge­hen schnur­stracks auf den DJ zu. We­ni­ge Au­gen­bli­cke spä­ter zie­hen sie wie­der ab. Kei­ne An­zei­ge, kei­ne Be­schlag­nah­mung. Nur die freund­li­che Bit­te, die Mu­sik aus­zu­ma­chen.

Die Gäs­te hal­ten sich brav an die An­wei­sung und be­gin­nen mit dem Ab­bau. Ein paar Leu­te zie­hen mit ih­ren Sa­chen ein paar hun­dert Me­ter wei­ter zum Was­ser und las­sen dort den Mor­gen mit lei­ser Mu­sik aus­klin­gen. Die­ses Mal hat­ten sie Glück.

„Ich ha­be es wirk­lich ver­misst, un­ter Men­schen zu sein“, sagt Mia. „Es bringt ja nichts, sich zu Hau­se ein­zu­sper­ren und nächs­tes Jahr stellt man dann fest, dass die Hälf­te der Men­schen un­ter Ein­sam­keit oder so­gar De­pres­si­on lei­den.“

Win­fried Kret­sch­mann in Stutt­gart macht ei­ne an­de­re Rech­nung auf: „Ich kann ja ver­ste­hen, dass die Jun­gen gern fei­ern wür­den. Doch sie müs­sen jetzt so­li­da­risch mit den Al­ten sein, so wie die Al­ten beim Kampf ge­gen den Kli­ma­wan­del so­li­da­risch mit den Jun­gen sein müs­sen.“

Der Kampf ge­gen das Vi­rus – er wird jetzt auch mit mo­ra­li­schen Mit­teln ge­führt.

*na­me re­dak­tio­nell ge­än­dert

Hier kann ich der Welt den Rü­cken keh­ren. Ich ge­nie­ße die Mu­sik, die Lich­ter, die Leu­te.

Mia, be­su­che­rin ei­ner il­le­ga­len par­ty im Frei­en

Foto: JAN stern­berg

„Ich brau­che die Näch­te, um zu über­le­ben“: Dem Spät­kauf-be­trei­ber Ab­dul­lah Bay­bo­gans ge­hen nach den Tou­ris­ten nun auch die nächt­li­chen Ein­käu­fer ver­lo­ren.

„Ich ha­be bis­her al­le Maß­nah­men ver­stan­den – die­se nicht mehr“: Kurz nach der Sperr­stun­de räumt ei­ne Ser­vice­kraft in ei­ner Ber­li­ner Bar auf.

Foto: chris­ti­an spi­cker/ ima­go images

„Die Zeit der Ge­sel­lig­keit ist vor­bei“: Ge­sund­heits­se­na­to­rin Di­lek Ka­lay­ci (SPD) recht­fer­tig die neu­en Be­schrän­kun­gen.

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