Lei­den und Au­fer­ste­hung

Das Hei­li­ge Gr­ab in Nie­der­sont­ho­fen gibt es seit mehr als 100 Jah­ren. Der Brauch geht auf das 17. Jahr­hun­dert zu­rück. Auch in an­de­ren Ober­all­gäu­er Ge­mein­den wird die­se Tra­di­ti­on ge­pflegt

Allgäuer Anzeigeblatt - - Vorderseite - VON WER­NER KEMPF

Seit über 100 Jah­ren gibt es das Hei­li­ge Gr­ab in Nie­der­sont­ho­fen. Auch in an­de­ren Ober­all­gäu­er Ge­mein­den wird die­se Tra­di­ti­on ge­pflegt.

Nie­der­sont­ho­fen Je­weils zwei Män­ner schlep­pen vier Tei­le aus Holz und Gips in die Pfarr­kir­che St. Alex­an­der und St. Ge­org in Nie­der­sont­ho­fen. Die Fel­sen­stü­cke plat­zie­ren sie um ei­nen rund drei Me­ter brei­ten und drei Me­ter ho­hen Holz­rah­men. Je­der in der zehn Mann star­ken Trup­pe kennt ge­nau sei­nen Ar­beits­auf­trag. „Ei­nen Plan brau­chen wir kei­nen“, sagt Chris­ti­an Schmid, der seit 35 Jah­ren mit an­packt, um das Hei­li­ge Gr­ab auf­zu­bau­en.

„Der Brauch mit den mo­bi­len Ku­lis­sen des Hei­li­gen Gr­a­bes geht all­ge­mein auf die Zeit nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg zu­rück“, sagt Diö­ze­san­kon­ser­va­tor Dr. Micha­el Schmid aus Augs­burg. Die äl­tes­ten er­hal­te- nen Bei­spie­le sei­en aus den Jah­ren um 1700 und aus der spät­ba­ro­cken Zeit um 1730 bis 1780 er­hal­ten. Im Zu­ge der Auf­klä­rung sei das Brauch­tum für ei­ne Wei­le ver­bo­ten wor­den. „Ab un­ge­fähr 1840 hat man die Idee wie­der­be­lebt, dann mit Bei­spie­len in den For­men des Na­za­ren­er­stils oder um 1900 auch wie­der in neo­ba­ro­cker Gestal­tung“, er­läu­tert Schmid.

Bis in die 1920er-Jah­re hät­ten man­che Pfar­rei­en neue Ku­lis­sen­grä­ber an­ge­schafft, wenn die al­ten zu be­schä­digt wa­ren. In die­ser Zeit dür­fe man da­von aus­ge­hen, „dass prak­tisch al­le Pfar­rei­en ei­ne Darstel­lung für den Kar­frei­tag hat­ten“, sagt der Diö­ze­san­kon­ser­va­tor. Es ge­be auch Bei­spie­le, wo man das Hoch­al­tar­bild ab­sen­ken kann, und das Hei­li­ge Gr­ab dann mit­ten im Al­tar zu se­hen ist. Solch ein Ex­em­plar ste­he zum Bei­spiel in der Pfarr­kir­che in Wertach.

Wert­schät­zung geht zu­rück Spä­tes­tens ab den 1940er-Jah­ren ging die Wert­schät­zung der Ku­lis­sen­grä­ber deut­lich zu­rück und in den 1960er- und 1970er-Jah­ren „wur­den fast nir­gends mehr die Grä­ber auf­ge­stellt. Et­li­che Kon­struk­tio­nen wur­den da­mals auch weg­ge­wor­fen“, sagt Schmid.

Das Hei­li­ge Gr­ab in Nie­der­sont­ho­fen stif­te­te die ein­hei­mi­sche Fa­mi­lie Wei­ten­au­er“, er­zählt Chris­ti­an Schmid. Er zeigt auf den Schen­kel ei­nes Rah­mens, auf dem steht, dass das Gr­ab 1906 per Ei­sen­bahn vom Her­stel­lungs­ort Mün­chen nach Oberst­dorf trans­por­tiert wur­de. „Von dort kam es per Pfer­de­ge­spann nach Nie­der­sont­ho­fen“, sagt der 50-Jäh­ri­ge. Zweck des Gr­a­bes war es, den Gläu­bi­gen beim Be­such der Kir­che an den Os­ter­fei­er­ta­gen die Lei­dens- und Au­fer­ste­hungs­ge­schich­te von Je­sus „plas­tisch dar­zu­stel­len“.

ha­ben Schmids Kol­le­gen vier En­gel auf dem Gr­ab und zwei Wäch­ter auf der Sei­te plat­ziert, den höl­zer­nen Je­sus ins Gr­ab ge­legt und zwei Leucht­stä­be in­stal­liert. Höchs­ter Punkt des rund sechs Me­ter ho­hen Gr­a­bes ist ei­ne lich­ter­um­rank­te Kup­pel. In die­se Kup­pel wird in Nie­der­sont­ho­fen mit­tels ei­nes un­ter­halb mon­tier­ten Auf­zugs die Mon­stranz ge­ho­ben. Das Gr­ab in St. Alex­an­der und St. Ge­org bleibt nur zwei Ta­ge ste­hen. „Am Sams­tag wird es wie­der ab­ge­baut“, be­rich­tet Schmid.

In man­chen an­de­ren Ober­all­gäu­er Ge­mein­den bleibt das Gr­ab län­ger ste­hen. Dort ist die ge­schnitz­te Chris­tus­fi­gur bis zur Os­ter­nacht sicht­bar und wird dann her­aus­ge­nom­men oder ver­deckt und im obe­ren Be­reich durch ei­nen Auf­er­stan­de­nen er­setzt. Das Hei­li­ge Gr­ab gibt es un­ter an­de­rem auch in Oberst­dorf, Sont­ho­fen, Un­ter­maisel­stein, Thal­kirch­dorf, Hin­ter­stein, Du­rach, HalIn­zwi­schen den­wang, Lau­ben, Bu­chen­berg, Kreuz­thal und in Kemp­ten (St. Lo­renz).

In Nie­der­sont­ho­fen sind die Män­ner nach ei­ner St­un­de Ar­beit fer­tig. „Pri­ma, das passt“, sagt Hans Spei­ser. Der 58-Jäh­ri­ge ist schon seit 40 Jah­ren da­bei und kennt wie sei­ne Kol­le­gen je­den Hand­griff. Spei­ser ist stolz dar­auf, „dass wir die­sen Brauch schon seit über 100 Jah­ren pfle­gen und von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ben“.

Fo­tos: Wer­ner Kempf

Das Hei­li­ge Gr­ab in Nie­der­sont­ho­fen wur­de von der Fa­mi­lie Wei­ten­au­er ge­stif­tet und per Ei­sen­bahn von Mün­chen ins Ober­all­gäu trans­por­tiert.

In der Pfarr­kir­che St. Alex­an­der und St. Ge­org pa­cken zehn Män­ner mit an, da­mit das Brauch­tum, das es dort seit 1906 gibt, wei­ter be­steht.

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