Kli­ma­schutz: Was tun vor Ort?

Kli­ma­wan­del Mess­wer­te in der Re­gi­on zei­gen Ent­wick­lung deut­lich an. Das hat Aus­wir­kun­gen nicht nur auf den Tou­ris­mus, sagt Ober­all­gäu­er Kli­ma­schutz­be­auf­trag­ter

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Was muss sich vor Ort än­dern, um den Kli­ma­wan­del zu brem­sen und die En­er­gie­wen­de vor­an­zu­brin­gen? Was Bür­ger und Fach­leu­te da­zu sa­gen.

Ober­all­gäu Die Er­de wird wär­mer, das Kli­ma ver­än­dert sich. So weit, so klar. Aber was heißt das im De­tail? Und wel­che Fol­gen hat das hier im Ober­all­gäu? Si­mon Steu­er, Kli­ma­schutz­be­auf­trag­ter des Land­krei­ses, er­klärt’s.

Der CO2-Ge­halt in der Luft lässt die Ent­wick­lung der Erd­tem­pe­ra­tur „er­staun­lich prä­zi­se“vor­her­sa­gen, sagt Steu­er. 800000 Jah­re lang, so er­ge­ben Un­ter­su­chun­gen des ant­ark­ti­schen Eis­schilds, stieg der Ge­halt nie über 280 ppm (Tei­le pro Mil­li­on Tei­le). In den ver­gan­ge­nen

150 Jah­ren, sagt Steu­er, stieg der Wert auf über 400 ppm. „Zu­letzt war er so hoch, be­vor die Di­no­sau­ri­er aus­star­ben. Uns steht ei­ne ra­san­te Er­der­wär­mung be­vor.“

Der­zeit be­trägt die Er­der­wär­mung laut Steu­er 1,2 Grad Cel­si­us im Ver­gleich zur Durch­schnitts­tem­pe­ra­tur der An­fangs­zeit der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on. Er­wärmt sich un­ser Pla­net um ein bis drei Grad (im Ver­gleich zu da­mals), droht mit­un­ter das Ab­schmel­zen vie­ler Bergg­let­scher, wie es der­zeit an der Schwar­zen Milz in den Oberst­dor­fer Ber­gen zu be­ob­ach­ten ist (wir be­rich­te­ten). Bei drei bis fünf Grad Cel­si­us droht bei­spiels­wei­se der Ama­zo­nas­re­gen­wald sich in ei­ne Sa­van­ne zu wan­deln. Ab fünf Grad steht das welt­wei­te Auf­tau­en des Per­ma­frosts an, sagt Steu­er. „Dann ist der Fort­be­stand der Mensch­heit ernst­haft ge­fähr­det.“

Die Ve­rän­de­rung des Kli­mas ist im All­gäu auch ab­seits von Glet­schern schon heu­te mess­bar. Nach Da­ten des Deut­schen Wet­ter­diens­tes stie­gen die Jah­res­durch­schnitts­tem­pe­ra­tu­ren in Kemp­ten er­kenn­bar an. 1952 bis

1961 et­wa lag sie durch­schnitt­lich bei 6,8 Grad Cel­si­us – 2007 bis 2016 bei 8,4 Grad Cel­si­us.

Auch die Schnee­hö­hen ver­än­dern sich. Dem Deut­schen Wet­ter­dienst zu­fol­ge la­gen die ma­xi­ma­len Schnee­hö­hen in Oberstdorf 1936 bis

1945 durch­schnitt­lich bei 102 Zen­ti­me­tern – 2009 bis 2018 bei nur mehr

64 Zen­ti­me­tern. In Kemp­ten hat es in den ver­gan­ge­nen 30 Jah­ren dem­nach nur ein­mal im Mo­nat Mai

(2004) ge­schneit. In den 30 Jah­ren da­vor wa­ren es elf Mal. In Oberstdorf stam­men die Re­kord­wer­te bei den Schnee­hö­hen al­le­samt aus der Zeit vor 1980. Für ei­ne Win­ter­sport­re­gi­on ei­ne be­ach­tens­wer­te Ten­denz.

Ei­nen Blick in die Zu­kunft warf man an der Uni­ver­si­tät Inns­bruck.

Laut Steu­er pro­gnos­ti­ziert ei­ne Stu­die von 2013 bei ei­nem Tem­pe­ra­tur­an­stieg um zwei Grad, dass im Ober­all­gäu le­dig­lich das Ne­bel­horn schnee­si­cher bleibt, als be­dingt schnee­si­cher wer­den Fell­horn und Gras­geh­ren ein­ge­schätzt. Dar­in ein­be­zo­gen war be­reits die Mög­lich­keit, Pis­ten künst­lich zu be­schnei­en. Die Schnee­si­cher­heit wer­de an­hand zwei­er Kri­te­ri­en be­stimmt: Er­reicht das Ski­ge­biet in sie­ben von zehn Win­tern 100 Be­trieb­s­ta­ge? Und: Ist in sie­ben von zehn Win­tern Be­trieb wäh­rend der ge­sam­ten Weih­nachts­fe­ri­en mög­lich?

Auch auf Land­wirt­schaft und Forst wird die Er­der­wär­mung Aus­wir­kung ha­ben, sagt Steu­er. So wer­de es ver­mehrt Stark­re­gen ge­ben, Win­ter­hoch­was­ser und Frost wäh­rend der Obst­blü­te. Sturm, Ha­gel und Som­mer­tro­cken­heit wer­den eben­falls ver­mehrt auf­tre­ten. Das trifft auch Men­schen, die nicht in der Land­wirt­schaft ar­bei­ten, sagt Steu­er: Et­wa, wenn auf­grund ver­mehr­ter Un­wet­ter Ver­si­che­run­gen teu­rer wer­den.

Und was fol­gert Steu­er dar­aus? Er­der­wär­mung muss auf zwei Grad be­grenzt wer­den. Er for­dert ei­nen „en­keltaug­li­chen Le­bens­stil“. Und sagt: „Die Lö­sun­gen lie­gen auf dem Tisch.“

Fo­to: Bro­zo­va/ stock.adobe.com

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