Fast ein Adels Pa­last

Das Zum­stein­haus aus dem Jahr 1802 ist ein­zig­ar­tig, Ver­gleich­ba­res fin­det sich weit und breit nicht. Aber noch im­mer gibt das Ge­bäu­de im Her­zen Kemp­tens Rät­sel auf

Allgäuer Zeitung (Füssener Blatt) - - Zumsteinhaus In Kempten - VON WOLF­GANG PETZ

Kemp­ten Ei­ne herr­schaft­li­che Fas­sa­de, ei­ne aus­la­den­de Ein­gangs­trep­pe, der von Säu­len ge­tra­ge­ne Bal­kon, das gol­de­ne Mo­no­gramm am Git­ter, das Fa­mi­li­en­wap­pen im Gie­bel: Das Zum­stein­haus im Her­zen von Kemp­ten gleicht in vie­ler­lei Hin­sicht ei­nem ade­li­gen Pa­lais. Doch die Er­bau­er wa­ren „nur“bür­ger­li­che Kauf­leu­te, frei­lich sehr er­folg­rei­che. Es mag al­so viel­leicht kein Zu­fall sein, dass das Zum­stein­haus 1802 er­rich­tet wur­de, ge­nau in dem Jahr, als mit der Sä­ku­la­ri­sa­ti­on der Fürst­ab­tei und der Me­dia­ti­sie­rung der Reichs­stadt auch in Kemp­ten die Schran­ken der Stän­de­ge­sell­schaft fie­len: Das bür­ger­li­che Zeit­al­ter be­gann.

Für kost­spie­li­ge Bau­pro­jek­te war in den schwie­ri­gen Jah­ren der „Fran­zo­sen­zeit“, als wie­der­holt frem­de Trup­pen Kemp­ten be­setz­ten und aus­plün­der­ten, im All­ge­mei­nen kein Geld vor­han­den. Ver­mut­lich des­halb gibt es im wei­ten Um­kreis kein ver­gleich­ba­res Haus. Die Gestal­tung gibt der Kunst­ge­schich­te noch man­ches Rät­sel auf. Wur­den hier An­re­gun­gen aus der süd­al­pi­nen Hei­mat der Fa­mi­lie Zum­stein um­ge­setzt? Oder eher des Em­pi­re-Ge­schmacks der na­po­leo­ni­schen Ära? Und wer war der Bau­meis­ter?

Das In­ne­re ist schlicht ge­hal­ten

Neu­ar­tig war die Ab­stand hei­schen­de De­ko­ra­ti­on der Fas­sa­de nicht nur der Stra­ßen­front, son­dern al­ler vier Sei­ten. Noch im Er­bau­ungs­jahr lie­ßen sich die Ge­brü­der Zum­stein zu­si­chern, dass ih­re Wir­kung nicht durch ei­ne Be­bau­ung der be­nach­bar­ten Grund­stü­cke be­ein­träch­tigt wer­den dür­fe. Ih­rem Wunsch, „dass ih­nen die­se Haupt­an­sicht ih­res Ge­bäu­des nicht ent­zo­gen“wer­de, gab der Fürst­abt per­sön­lich statt, nur we­ni­ge Mo­na­te, be­vor das kur­baye­ri­sche Wap­pen an sei­ner Re­si­denz an­ge­schla­gen wur­de.

Wie lan­ge der Bau dau­er­te und wie viel er kos­te­te, ist nicht be­kannt. Das In­ne­re ist schlicht ge­hal­ten, wie es dem Geist des Klas­si- zis­mus ent­spricht. Im Erd­ge­schoss wei­sen Fens­ter­git­ter, ei­ser­ne Tü­ren und die Ver­an­ke­rung für ei­ne Waa­ge auf die Funk­ti­on als Wa­ren­la­ger hin. Hier sta­pel­ten sich Tuch­bal­len und kost­ba­re Sei­den­stof­fe. Auch ein Kon­tor mit ei­nem Schreib­pult, mit Geld­kas­set­ten und ei­nem Schrank für die Kor­re­spon­denz darf man hier ver­mu­ten. Für Wohn­zwe­cke wur­de le­dig­lich das „pia­no no­bi­le“im ers­ten und zwei­ten Stock ge­nutzt.

Erst kurz vor sei­nem Tod gab Jo­hann Nikolaus Zum­stein das prunk­vol­le Gar­ten­tor in Auf­trag, das 1830 der neu­städ­ti­sche Schlos­ser­meis­ter Nar­ziss Musch fer­tig­te. Wäh­rend das schmie­de­ei­ser­ne Git­ter bis heu­te er­hal­ten ist (nur we­ni­ge Me­ter nach Os­ten ver­setzt), lässt sich die his­to­ri­sche Gestalt des Au­ßen­be­reichs nur un­ge­fähr er­schlie­ßen: ein gro­ßer Obst­gar­ten nach Sü­den und Os­ten, ein klei­ner Haus­gar­ten mit Bee­ten nach Wes­ten. Un­ver­zicht­bar als Ne­ben­ge­bäu­de war das Gar­ten- und Wasch­haus.

Die Stadt kann das Haus kau­fen

Nur drei Jahr­zehn­te lang wur­de das Zum­stein­haus von den Er­bau­ern be­wohnt. Da­nach war es an ver­schie­de­ne Par­tei­en ver­mie­tet, wur­de je­doch bis ins frü­he 20. Jahr­hun­dert hin­ein von Nach­kom­men bei spo­ra­di­schen Be­su­chen ge­nutzt. Zu den be­kann­ten Mie­tern des Ge­bäu­des ge­hör­ten der Ar­chi­tekt Adolf Leicht­le (1841 bis 1913) und der kunst­sin­ni­ge Dr. Wil­helm Maul (1901 bis 1973).

In­ter­es­se an ei­nem Er­werb durch die Stadt Kemp­ten zeig­te be­reits Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Ot­to Merkt vor dem Zwei­ten Welt­krieg. Aber erst nach dem Krieg kam es zu ei­nem Ver­kauf durch die Er­ben­ge­mein­schaft.

In den Jah­ren 1961/62 ließ die Stadt Kemp­ten das Haus re­no­vie­ren, da­mit es die Rö­mer­samm­lung und spä­ter auch die Na­tur­kund­li­che Samm­lung auf­neh­men konn­te. Nun wird das tra­di­ti­ons­rei­che Haus sa­niert und um­ge­baut. Spä­tes­tens 2019 soll es das neue Mu­se­um zur Kemp­te­ner Stadt­ge­schich­te be­her­ber­gen.

Fo­to: Mat­thi­as Be­cker / Re­pro: Wolf­gang Petz

Präch­ti­ges Ge­bäu­de: das Zum­stein­haus heu­te so­wie auf ei­nem Ge­mäl­de von Franz Sa­les Loch­bih­ler (Aus­schnitt), wel­ches das Ge bäu­de und die Ba­si­li­ka St. Lo­renz um das Jahr 1815 her­um zeigt.

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