„Kin­der trin­ken zu viel Li­mo“

Je­des sieb­te Kind in Deutsch­land ist zu dick. Food­watch-Chef Martin Rü­cker macht vor al­lem die Ge­trän­ke-In­dus­trie da­für ver­ant­wort­lich – und will die Her­stel­ler da­zu zwin­gen, we­ni­ger Zu­cker zu ver­wen­den

Allgäuer Zeitung (Füssener Blatt) - - Geld & Leben -

Herr Rü­cker, wann ha­ben Sie das letz­te Mal ei­ne Li­mo ge­trun­ken? Martin Rü­cker: Ich wür­de sa­gen, vor un­ge­fähr drei Wo­chen. Man kommt ja oft kaum drum­her­um, wenn man mal nicht Was­ser trin­ken will. Egal ob am Ki­osk, am Bahn­hof oder als Be­stand­teil von Mit­tags­me­nüs – meis­tens gibt es als Al­ter­na­ti­ve nur Li­mo­na­den, die sehr viel Zu­cker oder Süß­stof­fe ent­hal­ten. Die ver­meint­lich freie Wahl ist dann ent­we­der oh­ne Ge­schmack oder papp­süß.

Aber in Ma­ßen ist das doch si­cher­lich in Ord­nung?

Rü­cker: Na­tür­lich. Das Pro­blem ist aber, dass die Ge­trän­ke om­ni­prä­sent und über­all ver­füg­bar sind und viel zu viel Zu­cker ent­hal­ten. Das führt da­zu, dass vie­le Men­schen gro­ße Men­gen flüs­si­gen Zu­cker trin­ken, und das ist schlicht­weg un­ge­sund. Es gibt ei­nen ein­deu­ti­gen Zu­sam­men­hang zwi­schen Zu­cker­ge­trän­ken und Über­ge­wicht samt Fol­ge­er­kran­kun­gen, ins­be­son­de­re Typ2-Dia­be­tes. In Deutsch­land neh­men wir pro Kopf und Jahr mehr als 80 Li­ter Zu­cker­ge­trän­ke zu uns. Vor al­lem männ­li­che Ju­gend­li­che lie­gen da noch drü­ber. Sie trin­ken im Schnitt ei­nen hal­ben Li­ter Li­mo – pro Tag.

Da­mit de­cken sie be­reits den ge­sam­ten Ta­ges­be­darf an Zu­cker.

Rü­cker: Schlim­mer noch. Auch wenn uns das ein­ge­re­det wird: Es gibt gar kei­nen „Be­darf“an zu­ge­setz­tem Zu­cker, weil un­ser Kör­per Zu­cker aus Stär­ke selbst bil­det. Für Ju­gend­li­che emp­feh­len Ex­per­ten nicht mehr als ein Glas zuck­ri­ge Ge­trän­ke – aber nicht pro Tag, son­dern pro Wo­che. Heu­te gel­ten 15 Pro­zent der deut­schen Kin­der als über­ge­wich­tig. Für mich ist das ein ge­sell­schaft­li­ches Pro­blem. Und ob­wohl die so­zia­len und öko­no­mi­schen Fol­gen be­kannt sind, be­wer­ben die Kon­zer­ne ih­re Ge­trän­ke un­be­hel­ligt wei­ter, auch an Kin­der und Ju­gend­li­che. Hin­ter den Ku­lis­sen wird Lob­by­ar­beit auf al­len Ka­nä­len be­trie­ben, um Zu­cker in ein bes­se­res Licht zu rü­cken.

Laut Er­näh­rungs­mi­nis­te­ri­um lag der Zu­cker­kon­sum in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten re­la­tiv sta­bil bei 30 bis 35 Ki­lo pro Jahr, seit 1980 ist er so­gar ge­sun­ken. Wie passt das zu Ih­rer The­se? Rü­cker: Die Aus­sa­ge, dass der Zu­cker­kon­sum in den ver­gan­ge­nen Jah­ren sta­bil ge­blie­ben oder so­gar ge­sun­ken ist, ist schlicht­weg falsch. Wer das be­haup­tet, be­dient sich sta­tis­ti­scher Tricks. Da wird nur der nor­ma­le Haus­halts­zu­cker ge­zählt, nicht al­le Zu­cker­ar­ten. Aber an den oft nicht ganz leicht zu ver­ste­hen­den Zu­ta­ten­lis­ten auf Ver­pa­ckun­gen er­kennt man, dass sich Zu­cker nicht nur hin­ter dem Wort „Zu­cker“ver­birgt, son­dern auch hin­ter vie­len an­de­ren Be­grif­fen wie Glu­co­se oder Fruc­to­se­si­rup. Wenn man das al­les zu­sam­men­rech­net, ist die Zu­cker­auf­nah­me seit den 1960ern um et­wa 30 Pro­zent ge­stie­gen.

Food­watch kri­ti­siert vor al­lem Zu­cker­ge­trän­ke. Sind denn Sü­ßig­kei­ten aus Ih­rer Sicht we­ni­ger ge­fähr­lich? Rü­cker: Ei­ne Hand­voll am Tag ist un­pro­ble­ma­tisch. Ins­be­son­de­re Kin­der neh­men al­ler­dings im Schnitt dop­pelt so vie­le Sü­ßig­kei­ten oder auch sal­zi­ge Snacks zu sich wie von Er­näh­rungs­ex­per­ten emp­foh­len. Wenn wir aber wirk­lich et­was ge­gen Über­ge­wicht tun wol­len, dann ste­hen Zu­cker­ge­trän­ke an ers­ter Stel­le. Be­reits ein Glas pro Tag er­höht das Ri­si­ko für Fett­lei­big­keit oder Dia­be­tes. Zu­cker­ge­trän­ke trans­por­tie­ren prak­tisch kei­ne vom Kör­per be­nö­tig­ten Nähr­stof­fe und sät­ti­gen kaum. Man nimmt Ka­lo­ri­en auf, ist aber nicht satt – und isst da­nach trotz­dem wei­ter.

Groß­bri­tan­ni­en er­hebt in­zwi­schen ei­ne Zu­cker­steu­er und un­ter­sagt Wer­bung für un­ge­sun­de Pro­duk­te in Kin­der­pro­gram­men. Ist das der rich­ti­ge Weg? Rü­cker: Wir brau­chen si­cher mehr als ei­ne Maß­nah­me. Ich will nicht den Ein­druck er­we­cken, dass man an ei­ner Schrau­be dreht und dann wer­den die Deut­schen in zehn Jah­ren kein Über­ge­wicht mehr ha­ben. Aber bei der Wer­bung an­zu­set­zen ist ein rich­ti­ger Weg. Es soll­ten nicht die un­ge­sun­den Pro­duk­te, die von Kin­dern oh­ne­hin zu viel kon­su­miert wer­den, auf al­len Ka­nä­len mit Co­mics, Spiel­zeug­fi­gu­ren oder Fuß­ball­stars be­wor­ben wer­den. In­so­fern sind wir für ei­ne Wer­be­be­schrän­kung für un­aus­ge­wo­ge­ne Le­bens­mit­tel. Ei­ne zwei­te wich­ti­ge Maß­nah­me ist ei­ne kla­re, ver­ständ­li­che Kenn­zeich­nung in Am­pel­far­ben.

Die Zu­cker­steu­er steht al­so nicht ganz oben auf Ih­rer Lis­te?

Rü­cker: Doch, wir for­dern ei­ne Her­stel­ler­ab­ga­be für Zu­cker­ge­trän­ke nach bri­ti­schem Vor­bild auch für Deutsch­land. Wir wol­len aber nicht, dass die Men­schen am En­de mehr für Le­bens­mit­tel be­zah­len müs­sen. Des­halb for­dern wir auf der an­de­ren Sei­te, die Mehr­wert­steu­er für Obst und Ge­mü­se ab­zu­schaf­fen, um ei­nen An­reiz zu schaf­fen, ge­sun­de Pro­duk­te zu kau­fen.

Er­näh­rungs­mi­nis­te­rin Ju­lia Klöck­ner hält al­ler­dings nichts von der­ar­ti­gen Maß­nah­men. Statt­des­sen will sie die In­dus­trie da­zu brin­gen, frei­wil­lig we­ni­ger Zu­cker zu ver­wen­den.

Rü­cker: Das ist grund­ver­kehrt. Ge­mein­sam mit den Un­ter­neh­men funk­tio­niert das nicht. Die Po­li­tik muss Maß­nah­men ge­gen die In­ter­es­sen der Le­bens­mit­tel­in­dus­trie er­grei­fen. Da gibt es kei­nen Kom­pro­miss, denn die Her­stel­ler ha­ben schlicht kein In­ter­es­se dar­an, we­ni­ger Zu­cker­ge­trän­ke und un­aus­ge­wo­ge­ne Le­bens­mit­tel zu ver­kau­fen. Da­mit er­zie­len sie die höchs­ten Ge­winn­mar­gen.

Beim Tref­fen der Ver­brau­cher­mi­nis­ter ste­hen die­se The­men ge­ra­de eben­falls auf der Agen­da. Was er­war­ten Sie von den Mi­nis­tern?

Rü­cker: Sie müs­sen deut­lich ma­chen, dass sie ver­stan­den ha­ben: Mit frei­wil­li­gen Maß­nah­men al­lein kom­men wir nicht wei­ter. Seit Jah­ren wird dar­über ge­re­det, was ge­gen Fehl­er­näh­rung und Über­ge­wicht zu tun ist. Bis­her fehl­te der Mut, ef­fek­ti­ve Re­gu­lie­rungs­maß­nah­men auch ge- gen die In­ter­es­sen der Le­bens­mit­tel­in­dus­trie durch­zu­set­zen. Da­mit muss Schluss sein. Die Ma­xi­me heißt jetzt: Han­deln statt Ku­schen.

Ju­lia Klöck­ner will auch auf mehr Er­näh­rungs­bil­dung set­zen. Ist es nicht tat­säch­lich sinn­vol­ler, den Ver­brau­cher bes­ser zu in­for­mie­ren und dann selbst ent­schei­den zu las­sen, an­statt ihn beim Ein­kauf durch ei­ne Steu­er oder ein Wer­be­ver­bot zu be­vor­mun­den? Rü­cker: Ich se­he die Be­vor­mun­dung nicht. Nie­mand will zu­cker­hal­ti­ge Le­bens­mit­tel ver­bie­ten oder den Leu­ten vor­schrei­ben, was sie es­sen sol­len. Statt­des­sen re­den wir über steu­er­li­che Vor­tei­le und kla­re Kenn­zeich­nung, die die ge­sun­de Wahl leich­ter ma­chen soll, als sie es bis­her ist. Heu­te ist es doch so: Wir ha­ben zu vie­le Ef­fek­te, die ei­ne un­ge­sun­de Wahl leich­ter ma­chen. Da gilt es ge­gen­zu­steu­ern.

Aber nicht mit ei­nem „Schul­fach Er­näh­rung“?

Rü­cker: Un­strei­tig ist es rich­tig und wich­tig, Kin­dern Wis­sen zu ver­mit­teln, wie sie sich aus­ge­wo­gen er­näh­ren kön­nen. Das soll­te in der Schu­le ge­lehrt wer­den und wird es ja auch be­reits. Aber wir soll­ten uns da­von kei­nen all­zu gro­ßen Ef­fekt ver­spre­chen. Ein Schul­fach Er­näh­rung kann es nicht wett­ma­chen, wenn Kin­der und Ju­gend­li­che jah­re­lang auf al­len Ka­nä­len mit Wer­bung für un­ge­sun­de Le­bens­mit­tel bom­bar­diert wer­den und von früh an auf un­ge­sun­des Es­sen ge­prägt wer­den.

Sie ha­ben eben ei­ne ver­ständ­li­che Le­bens­mit­tel-Kenn­zeich­nung an­ge­spro­chen. Wie sä­he die denn aus?

Rü­cker: Wir hal­ten die Am­pelKenn­zeich­nung für ein gu­tes Mo­dell: Ein ein­heit­li­ches Sys­tem, bei dem für je­des Pro­dukt auf der Vor­der­sei­te pro 100 Gramm an­ge­ge­ben wird, wie viel Zu­cker, Fett, Salz oder ge­sät­tig­te Fett­säu­ren ent­hal­ten sind. Mit ro­ten, gel­ben und grü­nen Punk­ten wird an­ge­zeigt, wie hoch der An­teil ist. So kann der Ver­brau­cher auf ei­nen Blick er­ken­nen, wel­che Un­ter­schie­de es im Sor­ti­ment gibt. Da zeigt sich dann näm­lich, dass zum Bei­spiel das, was als leich­te Jo­ghurt-Scho­ko­la­de be­wor­ben wird, sehr viel mehr Ka­lo­ri­en ent­hält als ei­ne ganz nor­ma­le Milch­scho­ko­la­de.

In­ter­view: Sa­rah Schier­ack

Martin Rü­cker ist seit 2017 Chef von Food­watch. Der 37 Jäh­ri­ge stammt aus Stutt­gart und ist ge­lern­ter Jour­na­list.

Fo­to: Myst, Fo­to­lia

Kin­der grei­fen gern zu Li­mo oder Lol­li. Ma­chen sie das zu häu­fig, ist das schlecht für die Ge­sund­heit.

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