Ge­wich­ti­ger Lü­cken­fül­ler

Kunst­haus War­um der statt­li­che Ka­ta­log zur ak­tu­el­len Schau „Cros­sing cul­tu­res“weit mehr als ein Aus­stel­lungs­be­glei­ter ist

Allgäuer Zeitung (Kaufbeurer Tagblatt) - - Kauf­beu­ren-ost­all­gäu | Kul­tur Am Ort - VON MAR­TIN FREI

Kauf­beu­ren Gut 220 Sei­ten stark, mit 190 Ab­bil­dun­gen ver­se­hen und nicht nur we­gen sei­ner Pa­pier­mas­se ge­wich­tig: Der Ka­ta­log zur ak­tu­el­len Schau „Cros­sing cul­tu­res“im Kunst­haus nimmt ei­ne Son­der­stel­lung in der über 20-jäh­ri­gen Ge­schich­te des Kauf­beu­rer Aus­stel­lungs­hau­ses ein. Denn mit der aus­führ­li­chen Darstel­lung der Wech­sel­wir­kung zwi­schen ja­pa­ni­scher und west­li­cher Farb­holz­schnitt­kunst in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts fül­len die Aus­stel­lung und die da­zu­ge­hö­ri­ge Pu­bli­ka­ti­on ei­ne For­schungs­lü­cke. Ent­spre­chend groß ist das In­ter­es­se.

„Das war ab­so­lut ein Wag­nis“, blickt Kunst­haus-lei­ter Jan T. Wilms auf die An­fän­ge des Aus­stel­lungs­pro­jek­tes zu­rück. Ein Vor­ha­ben, das – da macht der Kunst­his­to­ri­ker kei­nen Hehl dar­aus – für ihn ei­ne per­sön­li­che Her­zens­an­ge­le­gen­heit war und ist. Schon seit Stu­di­en­zei­ten sei er von (asia­ti­schen) Farb­holz­schnit­ten fas­zi­niert und hat ei­ne pri­va­te Samm­lung mit sol­chen Kunst­wer­ken zu­sam­men­ge­tra­gen.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hät­ten et­li­che gro­ße Aus­stel­lungs­häu­ser und Mu­se­en den Farb­holz­schnitt und den in­ter­kul­tu­rel­len Aspekt die­ses Me­di­ums für sich ent­deckt. Auch das Kunst­haus prä­sen­tier­te 2009 ei­ne Schau über die Be­ein­flus­sung frü­he­rer Meis­ter der klas­si­schen Mo­der­ne in Eu­ro­pa durch ja­pa­ni­sche Holz­schnitt­künst­ler. Doch die Fort­set­zung die­ses Aus­tau­sches in den ers­ten Jahr­zehn­ten des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts und vor al­lem die Rück­kopp­lung der eu­ro­päi­schen Holz­schnitt­kunst in den asia­ti­schen Raum sei­en bis­her kaum the­ma­ti­siert wor­den. Die For­men­spra­che der west­li­chen Mo­der­ne ha­be näm­lich durch­aus auch ih­ren Ein­fluss im Fer­nen Os­ten ge­habt. Die­se The­se woll­te Wilms nun im Kunst­haus be­le­gen: „Das wur­de in der Tat bis­her nicht be­rück­sich­tigt.“

Des­halb sei klar ge­we­sen, dass die Schau und die Pu­bli­ka­ti­on den üb­li­chen Rah­men spren­gen wür­den. „Für die­se Aus­stel­lung ist das Kunst­haus ei­gent­lich schon fast zu klein, die könn­te auch sehr gut in ei­nem der gro­ßen Häu­ser lau­fen“, ist sich Wilms si­cher. Die­se räum­li­che Be­schrän­kung soll­te der Ka­ta­log et­was aus­glei­chen, in dem et­li­che Holz­schnit­te und wei­te­re Ob­jek­te zu se­hen sind, die gut in das Aus­stel­lungs­kon­zept ge­passt hät­ten, für die aber kein Platz mehr war.

Vor al­lem aber soll­te der Ka­ta­log mit ge­ball­ter wis­sen­schaft­li­cher Kom­pe­tenz die ge­nann­te Lü­cke in der Kunst­ge­schich­te schlie­ßen. So bat Wilms Ex­per­ten rund um den Glo­bus um the­ma­ti­sche Auf­sät­ze und Künst­ler­bio­gra­fi­en. Ei­ni­ge hät­ten so­fort be­geis­tert ih­re Mit­ar­beit zu­ge­sagt, an­de­re muss­te der Kunst­haus-lei­ter erst müh­sam über­re­den. Micha­el J.P. Ni­chols et­wa, den ab­so­lu­ten Fach­mann, wenn es um den au­ßer­ge­wöhn­li­chen, aber stets et­was im Ab­seits wir­ken­den ja­pa­ni­schen Holz­schnitt­künst­ler Tsu­chiya Ra­ku­san geht. Nach län­ge­rem Bit­ten kam der ent­spre­chen­de Ka­ta­log­bei­trag aus San Fran­cis­co dann doch in Kauf­beu­ren an, und so­gar der Au­tor selbst be­gab sich spä­ter auf den wei­ten Weg ins All­gäu, um die Kunst­haus-schau in Au­gen­schein zu neh­men.

Glei­ches gilt für In­ter­es­sen­ten aus Ja­pan, was die ent­spre­chen­den Schrift­zei­chen im Gäs­te­buch des Aus­stel­lungs­hau­ses be­le­gen. Ins­ge­samt ver­zeich­ne er ein sehr gro­ßes In­ter­es­se und ein au­ßer­ge­wöhn­lich gro­ßes Ein­zugs­ge­biet, aus dem die Be­su­cher von „Cros­sing cul­tu­res“ stam­men, be­rich­tet Wilms. Dies spieg­le sich auch an der Nach­fra­ge nach dem Ka­ta­log wi­der. Von den 600 ge­druck­ten Ex­em­pla­ren der auf­wen­di­gen Pu­bli­ka­ti­on, die nur durch au­ßer­ge­wöhn­li­che Zu­wen­dun­gen der Kunst­haus-stif­tung, des Freun­des­krei­ses des Kunst­hau­ses und von Spon­so­ren rea­li­siert wer­den konn­te, sei­en gut die Hälf­te ver­kauft. „Ich hät­te vi­el­leicht mit 80, ma­xi­mal 120 Stück ge­rech­net“, sagt Wilms. Denn der Band hat mit knapp 40 Eu­ro ei­nen statt­li­chen (aber den­noch nicht kos­ten­de­cken­den) Preis.

Nicht nur Be­su­cher der Aus­stel­lung kauf­ten das Werk, son­dern es sei­en vie­le An­fra­gen von Fach­bi­blio­the­ken, Uni­ver­si­tä­ten und auch aus dem Buch­han­del ge­kom­men. „Et­li­che sind auch nach Ja­pan ge­gan­gen.“Da­mit sei der Ka­ta­log zu dem „Long­s­el­ler“ge­wor­den, als der er ei­gent­lich auch kon­zi­piert war. Das in Deutsch und Eng­lisch ver­fass­te Werk ist al­so kein rei­ner Aus­stel­lungs­be­glei­ter, der nach dem Rund­gang ir­gend­wo ver­staubt, son­dern ein Werk, das das The­ma der Schau dau­er­haft in der Wis­sen­schaft ver­an­kert.

„Aus dem Fens­ter ge­lehnt“

Ein sol­ches Mam­mut­werk sei frei­lich per­so­nell und fi­nan­zi­ell nicht für je­de Aus­stel­lung im Kunst­haus zu stem­men – und ma­che oft­mals auch gar kei­nen Sinn. Mit „Cros­sing cul­tu­res“hät­ten sich er und das Kunst­haus in vie­ler­lei Be­zie­hung „ganz schön aus dem Fens­ter ge­lehnt“– zu­mal ei­ni­ge wich­ti­ge öf­fent­li­che Zu­schuss­ge­ber die Trag­wei­te die­ses Pro­jekts nicht er­kannt und ei­ne För­de­rung ver­wei­gert hät­ten, was Wilms im­mer noch sicht­lich ver­är­gert. Aber ei­ne Wie­der­ho­lung in ei­ni­gen Jah­ren sei an­ge­sichts des at­trak­ti­ven und um­fang­rei­chen The­men­be­reichs nicht aus­ge­schlos­sen. Ei­nen mög­li­chen Ti­tel gibt es schon: „Cros­sing cul­tu­res #2“

Re­pros/fo­to: Ma­thi­as Wild

Die Künst­ler des „Blau­en Rei­ters“nutz­ten die ja­pa­nisch ge­präg­te Kunst des Farb­holz­schnitts, um ih­re abs­trak­te Bild­spra­che zu ent­wi­ckeln. Auch die­ser Aspekt des in­ter­kul­tu­rel­len Aus­tau­sches ist in der Kunst­haus Aus­stel­lung „Cros­sing cul­tu­res“do­ku­men...

„Blü­hen­der Lo­tus und Eis­vo­gel – Hoch­som­mer“ist die­ser Holz­schnitt von Tsu­chiya Ra­ku­san be­ti­telt. Das 1932 ent­stan­de­ne Werk stammt aus ei­ner Pri­vat­samm­lung.

Jan T. Wilms

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