„Bei uns re­giert doch schon längst Mer­kel.“

Allgäuer Zeitung (Kaufbeurer Tagblatt) - - Meinung & Dialog -

das The­ma in der War­te­schlan­ge sind die po­li­ti­schen Er­eig­nis­se der ver­gan­ge­nen Ta­ge. „Kennst du – wie heißt er noch mal – Cot­ta­rel­li?“, fragt ei­ne Frau ih­re Nach­ba­rin. Auch die hat vom de­si­gnier­ten ita­lie­ni­schen Pre­mier­mi­nis­ter noch nie et­was ge­hört. Schnell ist sich ein Groß­teil der War­te­schlan­ge ei­nig, dass in Ita­li­en mal wie­der hö­he­re Mäch­te am Werk sind. „Bei uns re­giert doch auch schon längst die Mer­kel“, ruft Na­dia Pres­san­te, 56, über die La­den­the­ke und kas­siert fröh­lich ei­nen Kun­den ab. Zu­stim­men­des Ge­mur­mel aus der War­te­schlan­ge. „Blöd sind wir schon“, fügt die Ver­käu­fe­rin hin­zu.

Ita­li­en fühlt sich fremd­ge­steu­ert. Auf die­sen Nen­ner kann man den Ef­fekt der po­li­ti­schen Er­eig­nis­se der ver­gan­ge­nen Ta­ge und ein seit Jah­ren an­hal­ten­des Ge­fühl der Macht­lo­sig­keit wohl brin­gen. Der Ein­druck, die Fä­den end­gül­tig aus der Hand ge­ge­ben zu ha­ben, ist vie­ler­orts greif­bar. Am Mor­gen im Ra­dio hört man Men­schen, die ag­gres­siv ge­gen den Staats­prä­si­den­ten Ser­gio Mat­ta­rel­la schimp­fen, weil er das Re­gie­rungs­bünd­nis aus Fünf-ster­ne-be­we­gung und Le­ga ver­hin­dert ha­be. Die Ko­ali­ti­on aus po­pu­lis­ti­schen Sys­tem­kri­ti­kern und Rechts­na­tio­na­len stell­te sich als „Re­gie­rung des Wan­dels“dar, schei­ter­te dann aber an der No­mi­nie­rung ei­nes Wirt­schafts- und Fi­nanz­mi­nis­ters, der mit ei­nem Eu­ro-aus­tritt lieb­äu­gelt und die wirt­schaft­li­chen Pro­ble­me Ita­li­ens in ers­ter Li­nie Deutsch­land in die Schu­he schiebt.

Ob wirk­lich der Staats­prä­si­dent schuld an der kom­ple­xen La­ge ist oder doch eher der kühl kal­ku­lie­ren­de Le­ga-chef Mat­teo Sal­vi­ni, steht da­hin. Der je­den­falls be­stand auf Pao­lo Sa­vo­nas No­mi­nie­rung, der Staats­prä­si­dent stell­te sich da­ge­gen – und vor­bei war es mit der in je­der Hin­sicht neu­en Re­gie­rung. Statt­des­sen kommt nun mit Car­lo Cot­ta­rel­li ein Kan­di­dat des Staats­prä­si­den­ten und an­er­kann­ter Öko­nom ins Amt des Pre­mier­mi­nis­ters, der höchst­wahr­schein­lich kei­ne Mehr­heit im Par­la­ment be­kom­men und des­halb wohl nur bis zu Neu­wah­len im Herbst am­tie­ren wird. Cha­os all’ita­lia­na. Oder viel­leicht so­gar das ei­gent­lich fol­ge­rich­ti­ge Zu­steu­ern auf ei­nen schon lan­ge ab­seh­ba­ren Ab­grund?

„Ich schi­cke mei­nen Wahl­schein zu­rück“, sagt Mau­ro Bur­go em­pört und schiebt sich sei­ne blau ge­ran­de­te Bril­le ins graue Haar. „Ich bin an­ge­ekelt!“, ruft er. Bur­go sor­tiert ge­ra­de grü­ne Boh­nen, Sa­lat­köp­fe und Broc­co­li, die Hän­de des 58-jäh­ri­gen Ver­käu­fers sind run­ze­lig und mit Er­de ver­schmiert. Er sei in den 70er Jah­ren groß ge­wor­den, „da war auch nicht al­les per­fekt“. Aber so et­was wie jetzt ha­be er noch nicht er­lebt. Bur­go zählt zu den 32 Pro­zent, die bei den Wah­len am 4. März der Fünf-ster­ne-be­we­gung des Ko­mi­kers Bep­pe Gril­lo ih­re Stim­me ge­ge­ben ha­ben, aus Pro­test ge­gen den schein­ba­ren Still­stand und die an­geb­lich of­fen­sicht­li­che In­kom­pe- tenz der po­li­ti­schen Klas­se. Die Macht­über­nah­me zu­sam­men mit der Le­ga stand kurz be­vor. Und wie­der ha­be das herr­schen­de Sys­tem al­le Re­gis­ter ge­zo­gen, um sich das ei­ge­ne Über­le­ben zu si­chern. „Bas­ta“, sagt Bur­go, „seit 50 Jah­ren wer­den wir in Ita­li­en ver­arscht, ich ha­be die Na­se voll.“Wäh­len wer­de er in die­sem Le­ben nicht mehr, schon gar nicht bei den Neu­wah­len im Herbst.

„Komm schon, ich ken­ne dich doch. Du gehst wie­der hin“, sagt Fa­b­ri­zio Boc­cel­li, ein Kum­pel des Ver­käu­fers, der sich am Stand für ein Schwätz­chen ein­ge­fun­den hat. Boc­cel­li hat die na­tio­na­lis­ti­sche Le­ga ge­wählt. De­ren hemds­är­me­lig auf­tre­ten­der Par­tei­chef Sal­vi­ni, der mas­sen­haft Flücht­lin­ge ab­schie­ben will, kommt in­zwi­schen auch in Rom und im ita­lie­ni­schen Sü­den sehr gut an. Wä­ren die­ser Ta­ge Wah­len, könn­te die Le­ga laut Um­fra­gen mit 25 Pro­zent der Stim­men rech­nen, die Po­pu­lis­ten ha­ben wei­ter Zu­lauf. „Sie ha­ben Ban­ken ge­ret­tet und tun so, als lä­gen ih­nen die Er­spar­nis­se der Ita­lie­ner am Her­zen. Sie ha­ben je­de Glaub­wür­dig­keit ver­lo­ren“, sagt Boc­cel­li über die bis­her re­gie­ren­den So­zi­al­de­mo­kra­ten, de­nen auch der Staats­chef na­he­steht.

Wohl mehr als die Hälf­te der Ita­lie­ner, die sich über­haupt noch für Po­li­tik in­ter­es­sie­ren, denkt in­zwi­schen ähn­lich. Da­bei gibt es nach Jah­ren der Re­zes­si­on wie­der po­si­ti­ve Si­gna­le. Die Wirt­schaft wächst, wenn auch lang­sam, und die Ar­beits­lo­sig­keit sinkt. Ein ech­ter Wan­del, wie ihn sich die meis­ten wün­schen, ist aber nicht spür­bar. Fragt man nach den alar­mie­ren­den An­zei­chen, die die Fi­nanz­märk­te in die­sen Ta­gen mit stei­gen­den Zin­sen für die enorm ho­he ita­lie­ni­sche Staats­ver­schul­dung aus­sen­den, be­kommt man von Boc­cel­li und Bur­go ein viel­sa­gen­des State­ment. Der Spre­ad, al­so die Zins­dif­fe­renz an den Geld- und Ka­pi­tal­märk­ten? „Ich glau­be nicht dar­an“, sagt Bur­go. Wich­ti­ger sei es, die Mehr­wert­steu­er end­lich zu sen­ken.

Die Wirk­lich­keit des Ka­pi­ta­lis­mus und sei­ne Aus­wir­kun­gen sind in Ita­li­en al­so zur Glau­bens­fra­ge ge­wor­den. Da gibt es die Ver­ant­wort­li­chen in Brüssel, Ber­lin, Pa­ris oder auch Staats­prä­si­dent Mat­ta­rel­la, die vor ei­nem wei­te­ren An­stieg des ita­lie­ni­schen Staats­de­fi­zits war­nen, weil das Land bei ei­nem Ver­trau­ens­ver­lust der In­ves­to­ren die Zin­sen für die Schul­den in Hö­he von 2300 Mil­li­ar­den Eu­ro nicht mehr be­zah­len könn­te. Die hän­gen, ob man will oder nicht, von den Ein­schät­zun­gen

Foto: Imago

Ver­gli­chen mit dem Co­los­se­um, ei­nem der Wahr­zei­chen Roms, ist die Ita­lie­ni­sche Re­pu­blik noch ei­ne recht jun­ge Ver­an­stal­tung. Und den­noch scheint die­se ge­ra­de in ei­ne ech te Kri­se zu ge­ra­ten.

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