Aus Hit­lers Au­to­fa­brik wur­de ein Welt Kon­zern

VW Der Dik­ta­tor hat­te den Grund­stein für das Werk in Wolfs­burg ge­legt. Die Volks­wa­gen-ge­burt ist ein düs­te­res Ka­pi­tel

Allgäuer Zeitung (Kaufbeurer Tagblatt) - - Wirtschaft -

Wolfs­burg Die Idee: Au­to­fah­ren für al­le er­schwing­lich ma­chen. Das Pro­blem: Auch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten er­kann­ten einst die Strahl­kraft die­ser po­pu­lä­ren Idee und in­stru­men­ta­li­sier­ten sie für ih­re Zwe­cke. Das Er­geb­nis: Am 26. Mai 1938, ei­nem son­ni­gen Him­mel­fahrts­tag, leg­te Adolf Hit­ler den Grund­stein für das Herz des heu­ti­gen Au­to­gi­gan­ten Volks­wa­gen – das Werk in Wolfs­burg. Bis der ers­te „Kä­fer“vom Band lief – ei­ne au­to­mo­bi­le Le­gen­de, die den Auf­stieg von Volks­wa­gen erst er­mög­lich­te – soll­te noch viel Zeit ver­ge­hen. 80 Jah­re spä­ter und trotz al­ler Kri­sen, dar­un­ter der mil­li­ar­den­teu­re Ab­gas-skan­dal, ist der Rie­sen-kon­zern der welt­größ­te Au­to­bau­er.

Da­bei ent­pupp­te sich das heh­re Ziel, mög­lichst al­len Men­schen das Au­to­fah­ren na­he­zu­brin­gen und be­zahl­bar zu ma­chen, in der Na­zi-zeit schnell als Lü­ge und Uto­pie – die St­un­de des ers­ten Volks­wa­gens, des spä­ter lie­be­voll „Kä­fer“ge­nann­ten Typs 1, schlug erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Und für 990 Reichs­mark, wie die Na­zis war­ben, war er nie zu ha­ben. „An­de­re preis­güns­ti­ge sag­te. Ins­ge­samt sei­en es na­he­zu 20000 Zwangs­ar­bei­ter ge­we­sen. Im deut­schen Durch­schnitt ha­be der An­teil der Zwangs­ar­bei­ter an den Be­leg­schaf­ten bei et­wa 30 Pro­zent ge­le­gen – der hö­he­re An­teil bei Volks­wa­gen er­klä­re sich mit der Ent­ste­hung des Werks „auf der grü­nen Wie­se“: Es ha­be schlicht zu we­nig Ar­beits­kräf­te ge­ge­ben.

Volks­wa­gen gab 1986 den Auf­trag, die ei­ge­ne Ns-ge­schich­te zu un­ter­su­chen, der Kon­zern be­tei­lig­te sich zu­dem an der im Jahr 2000 ge­grün­de­ten Stif­tung Er­in­ne­rung, Ver­ant­wor­tung und Zu­kunft (EVZ), die nach ei­ge­nen An­ga­ben ins­ge­samt et­wa 4,4 Mil­li­ar­den Eu­ro an fast 1,7 Mil­lio­nen ehe­ma­li­ge Zwangs­ar­bei­ter der Ns-dik­ta­tur aus­zahl­te.

Hit­ler, der Por­sche be­wun­der­te, nahm zwi­schen­zeit­lich selbst re­gen An­teil an der Ent­wick­lung des Volks­wa­gens, des da­mals so­ge­nann­ten Kdf-wa­gens – nach dem Na­men der Ns-or­ga­ni­sa­ti­on Kraft durch Freu­de (KDF). Nach „Ver­wer­tung der Kriegs­er­fah­run­gen mit die­sem Fahr­zeug“wer­de dem deut­schen Volk ein Au­to­mo­bil be­schert, das „un­über­treff­bar“sei, sag­te der Dik­ta­tor einst in sei­nen Tisch­ge­sprä­chen. Doch an zi­vi­len Fahr­zeu­gen ver­lie­ßen bis Kriegs­en­de laut Lan­den­ber­ger nur rund 600 Stück die Werks­hal­len – vor al­lem für Staats­stel­len und Pri­vi­le­gier­te, die dem Re­gime na­he­stan­den.

Dass schon die Na­zis in Wolfs­burg – auch die Stadt ent­stand da­mals – von An­fang an groß ge­dacht hat­ten, zei­gen die Aus­ma­ße der noch heu­te ein­schüch­ternd wir­ken­den Fa­b­rik am Mit­tel­land­ka­nal, de­ren mit ent­eig­ne­tem Ge­werk­schafts­ver­mö­gen fi­nan­zier­ter Bau schon kurz vor der Grund­stein­le­den­ber­ger gung be­gon­nen hat­te. Ei­gent­lich be­gann die Vw-ge­schich­te aber noch frü­her: Am 28. Mai 1937 wur­de die „Ge­sell­schaft zur Vor­be­rei­tung des Deut­schen Volks­wa­gens mbh“ge­grün­det, und schon 1934 hat­te der Reichs­ver­band der Au­to­mo­bil­in­dus­trie Fer­di­nand Por­sche da­mit be­auf­tragt, den ers­ten Volks­wa­gen zu kon­stru­ie­ren.

Lan­den­ber­ger be­ton­te, bei der Grund­stein­le­gung ha­be es sich we­der um den Grün­dungs­akt des Un­ter­neh­mens noch der Stadt Wolfs­burg ge­han­delt. Dass die Grund­stein­le­gung aber als mo­der­ner My­thos in der kol­lek­ti­ven Er­in­ne­rung bis heu­te ei­ne gro­ße Rol­le spie­le, sei der Tat­sa­che ge­schul­det, dass sie mit et­wa 50000 Teil­neh­mern als Groß­er­eig­nis von der Na­zi-pro­pa­gan­da in­sze­niert wor­den sei. Vor­ge­se­hen war für das Volks­wa­genwerk nach Vor­stel­lun­gen der Na­zis ei­ne theo­re­ti­sche Jah­res­pro­duk­ti­on von bis zu 1,5 Mil­lio­nen Au­tos – zu ei­ner Zeit, als die ge­sam­te deut­sche Au­to­bran­che pro Jahr 380 000 Wa­gen fer­tig­te. Dass VW der­einst noch we­sent­lich grö­ßer wer­den soll­te – das war Zu­kunfts­mu­sik.

Und nach dem Krieg sah zu­nächst auch we­nig nach Grö­ße aus: Die Bri­ten stell­ten die Wei­chen für den Auf­stieg von Volks­wa­gen, und mit gan­zen 55 Fahr­zeu­gen star­te­te im De­zem­ber 1945 die Pro­duk­ti­on des Typs 1. 1947 be­gann der Ex­port. Ge­nau ge­nom­men han­del­te es sich um fünf Fahr­zeu­ge für die Nie­der­lan­de.

Aber da­mit be­gann es, das Wirt­schafts­wun­der rund um Volks­wa­gen und den be­lieb­ten „Kä­fer“. Von An­fang an war Volks­wa­gen ein be­son­de­rer Kon­zern mit be­son­ders star­kem Ein­fluss der Ar­beit­neh­mer­sei­te und des Lan­des Nie­der­sach­sen – das um­strit­te­ne Vw-ge­setz, das den Son­der­sta­tus des Lan­des und sei­ne Sperr­mi­no­ri­tät bei ei­nem Stimm­rechts­an­teil von 20 Pro­zent si­chert.

Was dann folg­te, war ein Auf­stieg oh­ne­glei­chen: In den acht Jahr­zehn­ten seit der Grund­stein­le­gung ent­wi­ckel­te sich Volks­wa­gen zum größ­ten Au­to­bau­er der Welt. Der Kon­zern um­fasst heu­te zwölf Mar­ken – dar­un­ter die Stamm­mar­ke VW, aber auch Au­di, Por­sche oder Sko­da. Die Un­ter­neh­mens­grup­pe be­schäf­tigt mehr als 640000 Mit­ar­bei­ter und lie­fert jähr­lich mehr als zehn Mil­lio­nen Fahr­zeu­ge aus.

Au­ßer­dem ist die Ge­schich­te des Welt­kon­zerns reich an Af­fä­ren und Kon­flik­ten: die exis­tenz­be­dro­hen­de Kri­se An­fang der 1990er Jah­re, der Skan­dal um Schmier­gel­der und Lus­t­rei­sen auf Fir­men­kos­ten, die Über­nah­me­schlacht mit Por­sche, der Macht­kampf des schließ­lich doch ent­thron­ten Ex-kon­zern­chefs Mar­tin Win­ter­korn mit dem lang­jäh­ri­gen Men­tor und Chef­auf­se­her Fer­di­nand Piëch. Al­les in den Schat­ten stell­te aber „Die­sel­ga­te“. (dpa)

Foto: dpa

Das Bild von 1938 zeigt, wie Adolf Hit­ler ei­nen „Kä­fer“be­trach­tet.

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