Bun­ter Pro­test

De­mons­tra­ti­on Rechts­po­pu­list wet­tert ge­gen Mo­sche­en und den Is­lam. Ein brei­tes Bünd­nis setzt Zei­chen für To­le­ranz

Allgäuer Zeitung (Kaufbeurer Tagblatt) - - Kaufbeuren - VON ALEX­AN­DER VUCKO

Kauf­beu­ren Der hei­li­ge Zorn ist den Schwes­tern des Cre­scen­tiak­los­ters nichts Frem­des. Aus­ge­rech­net am Obst­markt darf der Rechts­po­pu­list Micha­el Stür­zen­ber­ger an die­sem Sams­tag ge­gen den Is­lam und den ge­plan­ten Mo­schee-bau zu Fel­de zie­hen. Schwes­ter Fran­zis­ka steht im Klos­ter­la­den, we­ni­ge Me­ter von den Laut­spre­chern ent­fernt: „Ich fin­de das blöd, aber so ist das in ei­ner De­mo­kra­tie“, sagt sie. „Wir ste­hen je­den­falls für Re­li­gi­ons­frei­heit.“Ver­bal geht Stür­zen­ber­ger wäh­rend der Kund­ge­bung vier ih­rer Mit­schwes­tern an, die mit bun­ten Luft­bal­lons ge­gen Stür­zen­ber­gers Welt­sicht pro­tes­tie­ren. „Sie wis­sen, dass in der is­la­mi­schen Welt un­ter­drückt wird“, brüllt er in sein Mi­kro­fon. „War­um de­mons­trie­ren Sie hier?“

Ei­ne Fra­ge, die meh­re­re Hun­dert Men­schen mit Bal­lons, Blas­mu­sik und Buh­ru­fen be­ant­wor­ten. Stür­zen­ber­ger muss ge­gen den laut­star­ken Pro­test der De­mons­tran­ten an­schrei­en, die un­ter an­de­rem aus den Rei­hen der ge­sell­schaft­li­chen Mit­te, des Stadt­ju­gend­rings, der Initia­ti­ve „Kauf­beu­ren ge­stal­ten statt spal­ten“und aus ei­nem brei­ten lin­ken Spek­trum kom­men. „Kauf­beu­ren zeigt Hal­tung“und „Kauf­beu­ren ist bunt“steht auf ih­ren Pla­ka­ten und Luft­bal­lons. Auf den Ti­schen der Gast­stät­te Ro­se ge­gen­über lie­gen Zet­tel: „Als stil­ler Pro­test ge­gen rechts­ra­di­ka­le Stim­mungs­ma­che ge­schlos­sen.“

Stür­zen­ber­ger, einst Pres­se­spre­cher der Münch­ner CSU, wird vom Afd-kreis­ver­band als „Auf­klä­rer über und Kämp­fer ge­gen den po­li­ti­schen Is­lam“an­ge­kün­digt. Wer ihn kennt, weiß, was heu­te pas- siert. Der ge­üb­te Red­ner lie­fert: Adolf Hit­ler ha­be den Is­lam ge­lobt, der Is­lam sei in wei­ten Tei­len ei­ne fa­schis­ti­sche Ideo­lo­gie, ruft Stür­zen­ber­ger. Bei­des steht für ihn auf ei­ner Stu­fe. Man sol­le ihn ge­fäl­ligst nicht rechts­ex­tre­mis­tisch nen­nen. Im Hin­ter­grund hält ein Hel­fer Schil­der mit Zi­ta­ten aus dem Koran und den Un­tie­fen der Ge­schich­te hoch, die Stür­zen­ber­ger in sei­nem Sin­ne in­ter­pre­tiert. Ver­ein­zelt gibt es da­für Ap­plaus. „Der Is­lam ist kei­ne Re­li­gi­on, son­dern ei­ne to­ta­li­tä­re, po­li­ti­sche Ideo­lo­gie mit Macht­an­spruch“, sagt er, Mo­sche­en nennt er „Koran­bun­ker“, der Is­lam sei un­de- mo­kra­tisch. Der Jour­na­list taucht in­des selbst im baye­ri­schen Ver­fas­sungs­schutz­be­richt auf. „Es lie­gen zahl­rei­che tat­säch­li­che An­halts­punk­te da­für vor, dass Stür­zen­ber­ger und sein Um­feld ver­fas­sungs­schutz­re­le­van­te is­lam­feind­li­che Be­stre­bun­gen ver­fol­gen“, steht dort.

Atem­los, Spruch um Spruch

Auch im di­rek­ten Ge­spräch mit De­mons­tran­ten in Kauf­beu­ren haut der Mann atem­los Spruch um Spruch raus. Hält De­mons­tran­ten das Mi­kro­fon hin. „Al­le Men­schen sind gleich“, ruft ei­ne Frau spon­tan, die in ei­nem ka­tho­li­schen Kin­der­gar­ten ar­bei­tet. „Ge­walt ist kei­ne Lö­sung.“Stür­zen­ber­ger schreit zu­rück: „Je­der von euch ist laut Koran min­der­wer­tig und schlim­mer als das Vieh.“Zehn Mi­nu­ten Re­den, zehn Mi­nu­ten Pau­se – die­sen Mo­dus hat die Stadt­ver­wal­tung in der Ge­neh­mi­gung für die Kund­ge­bung ver­an­kert. Fünf Stun­den geht das so, in de­nen auch Afd-land­tags­kan­di­dat Wolf­gang Rot­ter nicht ganz so laut das Wort er­greift, vor den Plä­nen für ei­ne Mo­schee warnt. De­ren Dach­ver­band Ditib sei von der tür­ki­schen Re­gie­rung ge­steu­ert.

Der Obst­markt ist ein Meer von Luft­bal­lons. In der Nacht ha­ben De­mons­tran­ten mit Krei­de Blu­men und Sprü­che aufs Pflas­ter ge­malt. „Kauf­beu­ren ist für al­le Men­schen da“, liest man. Mit­tags for­mie­ren sich Mu­si­ker aus den Kauf­beu­rer Blas­ka­pel­len am Ha­fen­markt. Ihr Mot­to: „Wir bla­sen den Rechts­po­pu­lis­ten den Marsch.“Et­was ab­seits steht Os­man Öz­türk, Vor­sit­zen­der des Is­la­misch-tür­ki­schen Ver­eins, der die Mo­schee bau­en möch­te: „Es ist schwer, das an­zu­hö­ren, aber wir müs­sen das aus­hal­ten“, sagt er. Ei­ni­ge Frau­en mit Kopf­tü­chern ha­ben Trä­nen in den Au­gen, man­che la­chen de­mons­tra­tiv ge­mein­sam mit an­de­ren Pro­test­lern an­ge­sichts der Schil­der mit is­lam­feind­li­chen Sprü­chen, die den Stand um­ge­ben wie ei­ne Wa­gen­burg.

Ein gro­ßes Po­li­zei­auf­ge­bot si­chert die Ver­an­stal­tung. Mas­si­ve Zwi­schen­fäl­le wer­den nicht be­kannt. Ei­ne De­mons­tran­tin ver­sucht, ei­nes der Schil­der nie­der­zu­rei­ßen. Die Be­am­ten müs­sen zu fort­ge­schrit­te­ner St­un­de, als sich die La­ge auf­heizt, le­dig­lich bei klei­ne­ren Rei­be­rei­en ein­grei­fen und die La­ger auf Dis­tanz hal­ten.

Über die Ver­ga­be des städ­ti­schen Grund­stücks für den Mo­schee-bau ent­schei­den die Kauf­beu­rer am 22. Ju­li in ei­nem Bür­ger­ent­scheid, an­ge­sto­ßen von ei­ner Grup­pie­rung „Kauf­beu­rer Bür­ger ge­gen Neu­bau ei­ner Ditib-mo­schee“. Stür­zen­ber­ger dankt de­ren Initia­tor Wer­ner Gö­pel für die ers­te Ab­stim­mung die­ser Art ge­gen ei­ne Mo­schee, „die in die Ge­schich­te ein­ge­hen wird“. Die Bi­lanz der Initia­ti­ve auf Face­book folgt am Sonn­tag: „Lin­ke, be­sof­fe­ne Kra­wall­brü­der und den Initia­to­ren von ,Kauf­beu­ren spal­ten statt ge­stal­ten’ het­zen laut­stark und stö­ren In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung.“I

Mehr Fo­tos von der De­mons­tra­ti­on fin­den Sie un­ter www.all in.de

Fo­tos: Ma­thi­as Wild

Micha­el Stür­zen­ber­ger (Mit­te) warnt die Kauf­beu­rer vor ei­nem wei­te­ren „Koran­bun­ker“, wie er Mo­sche­en nennt. Bei ei­ner Kund­ge­bung am Sams­tag trifft er je­doch auf vie­le Men­schen, die sei­ne Sicht­wei­se ab­leh­nen und auf is­lam­feind­li­che Pa­ro­len mit Pfif­fen,...

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