Den 18 Jäh­ri­gen ver­lie­ßen im Was­ser die Kräf­te

Allgäuer Zeitung (Kaufbeurer Tagblatt) - - Die Dritte Seite -

Ret­tungs­tau­cher fand ihn we­nig spä­ter leb­los im Was­ser. Der Bub konn­te zwar wie­der­be­lebt wer­den, er starb aber spä­ter im Kran­ken­haus. Wenn man all die­se Schick­sa­le liest, dann fragt man sich: War­um pas­siert so et­was im­mer wie­der?

Der Nie­der­sont­ho­fe­ner See liegt an die­sem Vor­mit­tag so still da wie ei­ne blass­blau schim­mern­de Glas­schei­be, in der sich das Mor­gen­licht spie­gelt. Ein paar En­ten qua­ken, ein Rent­ner­paar döst un­ter ei­nem gel­ben Son­nen­schirm dem Tag ent­ge­gen. Im Mor­gen­dunst sieht man die Gip­fel der Al­pen. Das ist Bay­ern pur. Som­mer in Rein­form. Aber die Idyl­le trügt. Es ist nicht lan­ge her, dass es auch hier bei­na­he zu ei­nem To­des­fall ge­kom­men wä­re.

Ein hei­ßer Tag An­fang Ju­li. Ein jun­ger Mann, ge­ra­de 18 Jah­re alt, will sich nach ei­ner sie­ben­stün­di­gen Rad­tour im See ab­küh­len. Er krault hin­aus, doch auf dem Rück­weg ver­las­sen ihn die Kräf­te. Er schlägt mit sei­nen Hän­den aufs Was­ser und droht un­ter­zu­ge­hen. Die Eh­ren­amt­li­chen der DLRG hö­ren am Ufer ei­nen Hil­fe­ruf. Sie fah­ren mit dem Boot hin­aus und zie­hen den völ­lig ent­kräf­te­ten Mann aus dem Was­ser. Er kol­la­biert. Aber er über­lebt.

Chris­ti­ne Lang, die Be­trei­be­rin des Ki­osks am Strand, hat al­les mit­an­ge­se­hen. Sie steht in ei­ner ro­ten Schür­ze auf der Wie­se, gleich ne­ben den Bier­bän­ken ih­res Im­bis­ses. Et­wa zwei Wo­chen ist der Un­fall nun her. „Ich ha­be ge­se­hen, wie der Mann auf ei­ner Tra­ge an Land ge­bracht wur­de“, sagt Lang. Dann deu­tet sie hin­aus auf den See. „Er woll­te wohl ziem­lich weit hin­aus­schwim­men. Ich schät­ze, dass das et­wa 50 Me­ter wa­ren.“Dann hält sie kurz in­ne, so, als wür­de sie sich je­nen Tag noch ein­mal ins Ge­dächt­nis ru­fen. „Es war ein biss­chen win­dig, der See hat­te leich­te Wel­len. Da kann das Schwim­men schon an­stren­gend wer­den.“

Es war nicht der ers­te Un­fall am Nie­der­sont­ho­fe­ner See. Nur we­ni­ge Ta­ge be­vor der 18-Jäh­ri­ge bei­na­he ge­stor­ben wä­re, war ein 78-jäh­ri­ger Mann fast er­trun­ken. Er war mit ei­ner Be­glei­te­rin auf den See hin­aus­ge­schwom­men. Dann er­litt er ei­nen Schwä­che­an­fall. Die Frau, die mit ihm im Was­ser war, schrie laut um Hil­fe, an­de­re Ba­de­gäs­te eil­ten vom Ufer aus mit ei­nem Ret­tungs­ring zu ih­nen. Ge­mein­sam ge­lang es ih­nen, den Mann an Land zu brin­gen.

Gleich ne­ben Chris­ti­ne Langs Ki­osk steht das Haus der DLRG. Die Roll­lä­den sind ge­schlos­sen, auch der Ret­tungs­schwim­merturm, vor­ne am Was­ser bei ei­nem klei­nen Holz­steg, ist ver­waist. Der Grund da­für ist sim­pel: Nur am gibt es Ret­tungs­kräf­te an die­sem Ab­schnitt des Sees. Un­ter der Wo­che nicht. Chris­ti­ne Lang zuckt mit den Schul­tern. „Ich kann das schon ver­ste­hen. Das sind Eh­ren­amt­li­che. Wenn es ei­nen fes­ten Ba­de­meis­ter gä­be, dann müss­te man für den Strand ja Ein­tritt ver­lan­gen“, sagt sie.

Ei­ner, der vie­le Wo­che­n­en­den hier ver­bringt, ist Jörg Mey­er, der stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de des Dlrg-kreis­ver­bands Ober­all­gäu/ Sont­ho­fen. Er hat in den 43 Jah­ren, in de­nen er sich als Ret­ter en­ga­giert, vie­le schreck­li­che Un­fäl­le mit­er­le­ben müs­sen. Ei­ner ist ihm be­son­ders im Ge­dächt­nis ge­blie­ben. Mey­er war noch ein Teen­ager, 17 Jah­re alt. Es war ein win­di­ger Tag. So win­dig, dass ein Seg­ler mit sei­nem Boot ver­un­glück­te. Mey­er weiß noch, dass der Sport­ler ei­nen gel­ben Re­gen­man­tel trug. Der Mann ging un­ter und ver­schwand spur­los. „Man hat neun Wo­chen nach ihm ge­taucht“, er­zählt Mey­er. Er spricht lei­se, man merkt ihm an, dass ihn der Vor­fall auch nach all den Jah­ren nicht los­ge­las­sen hat. Schließ­lich wur­de der ver­un­glück­te Seg­ler ge­fun­den. Den An­blick der Was­ser­lei­che, die wo­chen­lang im See ge­le­gen hat­te, wird Mey­er nie ver­ges­sen.

520 Mit­glie­der hat der Kreis­ver­band der DLRG. Da­von leis­ten al­ler­dings nur et­wa 30 re­gel­mä­ßi­gen Wach­dienst. „Es sind lei­der we­ni­ge, die be­reit sind, al­le drei Wo­chen ein Wo­chen­en­de zu op­fern“, sagt Mey­er. „Es wä­re schön, wenn wir mehr Mit­glie­der hät­ten, die sich für die­se Auf­ga­be zur Ver­fü­gung stel­len wür­den.“Es sind aber nicht nur die per­so­nel­len Pro­ble­me, die Mey­er Kopf­zer­bre­chen be­rei­ten. Son­dern vor al­lem auch das: Im­mer we­ni­ger Men­schen sind si­che­re Schwim­mer. Und so ist es auch kaum ver­wun­der­lich, dass es oft zu dra­ma­ti­schen Un­fäl­len kommt. Mit dem See­pferd­chen-ab­zei­chen sei es längst nicht ge­tan, sagt Mey­er. Erst mit dem Ju­gend­schwimm­ab­zei­chen in Bron­ze, bei dem man 200 Me­ter schwim­men und 1,8 Me­ter tief tau­chen muss, gel­te man als si­che­rer Schwim­mer. Wie schlecht es um die Schwimm­fä­hig­kei­ten von Kin­dern steht, hat die DLRG vor kur­zem in Zah­len gewo­che­n­en­de fasst. Und die sind er­schre­ckend. 59 Pro­zent der Zehn­jäh­ri­gen kön­nen dem­nach nicht si­cher schwim­men. Und das Pro­blem ist: Wer das Schwim­men als Kind nicht lernt, lernt es oft nie mehr.

Der Grund da­für, war­um vie­le Kin­der nicht mehr rich­tig schwim­men kön­nen, liegt auf der Hand: Im­mer öf­ter fällt der Un­ter­richt ins Was­ser. Nur 36 Pro­zent der heu­te 14- bis 29-Jäh­ri­gen ha­ben das Schwim­men in der Grund­schu­le ge­lernt. Bei den über 60-Jäh­ri­gen wa­ren es noch 56 Pro­zent. Nach An­ga­ben der DLRG ha­ben 25 Pro­zent der Grund­schu­len in Deutsch­land kei­nen Zu­gang zu ei­nem Schwimm­bad. Das ist kaum über­ra­schend, wenn man sich vor Au­gen führt, dass es im­mer we­ni­ger Bä­der gibt – seit dem Jahr 2000 ist je­des Zehn­te in Deutsch­land ge­schlos­sen wor­den. Mehr als 40 ha­ben seit 2005 in Bay­ern dicht­ge­macht. Und noch et­was kommt hin­zu, das die Si­tua­ti­on ver­schlim­mert: „Das Trau­ri­ge ist, dass es auch man­chen El­tern nicht wich­tig ist, ob das Kind schwim­men lernt“, sagt Mey­er.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.