Ei­ne fi­li­gra­ne Flot­te er­obert den Raum

Mem­min­ger Mei­le Das Fes­ti­val star­tet mit Jür­gen Bat­schei­ders In­stal­la­ti­on „Boat­peop­le“. Die 200 Boo­te mit Be­sat­zung sind nicht al­lein Sym­bol für die Flücht­lings­pro­ble­ma­tik

Allgäuer Zeitung (Kempter Tagblatt) - - Allgäu-kultur - VON BRI­GIT­TE HEFELE BEITLICH

Mem­min­gen Ei­gent­lich soll­te die In­stal­la­ti­on „Boat­peop­le“des Mem­min­ger Künst­lers Jür­gen Bat­schei­der jetzt die Bli­cke der Be­su­cher auf der Bi­en­na­le in Ve­ne­dig auf sich zie­hen. Weil er aber schon zu­ge­sagt hat­te, sie bei der „Mem­min­ger Mei­le“aus­zu­stel­len, be­vor die Ein­la­dung da­für kam, er­hiel­ten die Ve­ne­zia­ner ei­ne Ab­fuhr. „Bei so et­was ste­he ich zu mei­nem Wort“, be­tont der 54-Jäh­ri­ge. Und in zwei Jah­ren ist ja wie­der Bi­en­na­le“. Welt­weit Auf­se­hen er­regt hat er heu­er oh­ne­hin schon mit sei­ner „Son­nen­ku­gel“, der of­fi­zi­el­len Ge­denk­skulp­tur für die 149 Ab­sturz­op­fer des Ger­m­anwings-Flugs 4U9525, die künf­tig an der Un­glücks­stel­le bei Le Ver­net in den fran­zö­si­schen Al­pen an sie er­in­nern soll.

Mit Er­in­ne­rung hat auch sei­ne raum­fül­len­de In­stal­la­ti­on „Boat­peop­le“im Mem­min­ger Kreuz­herrn­saal zu tun – ver­bin­det man mit die­sem Be­griff doch so­fort die Ret­tung tau­sen­der, vor­wie­gend viet­na­me­si­scher Flücht­lin­ge durch die „Cap Ana­mur“im Chi­ne­si­schen Meer An­fang der 80er Jah­re. Die Freund­schaft mit ei­nem sol­chen Flücht­ling, der im Un­ter­all­gäu ei­ne neue Hei­mat ge­fun­den hat­te, war vor über 20 Jah­ren auch der An­stoß zu Bat­schei­ders ers­tem „Boat­peop­le“-Pro­jekt. Aus den Dau­ben (Längs­höl­zern) al­ter Eich­fäs­ser be­gann er da­mals, fi­li­gra­ne Boo­te und de­ren Be­sat­zun­gen zu for­men.

Aus Fun­dus aus­ge­gra­ben

Wie manch an­de­res in so ei­nem Künst­ler­le­ben, lan­de­ten die Ob­jek­te ir­gend­wann ein­mal im Fun­dus – bis der Künst­ler sie vor ein paar Jah­ren wie­der aus­ge­gra­ben und schließ­lich zu ei­ner statt­li­chen Flot­te von über 200 Boo­ten aus­ge­baut hat. Auch wenn man heu­te so­fort die ak­tu­el­le Flücht­lings­pro­ble­ma­tik mit die­ser Ar­beit as­so­zi­iert, be­tont Bat­schei­der, dass sei­ne In­ten­ti­on viel wei­ter ge­fasst ist. Ihm geht es vor­der­grün­dig um die Jahr­tau­sen­de al­te Be­zie­hung des Men­schen zum Meer, um die Was­ser­we­ge, auf de­nen die Mensch­heit neue Räu­me er­obert hat, um Han­dels­be­zie­hun­gen, die auf sol­chen We­gen rund um den Glo­bus auf­ge­baut wur­den. Sei­ne „Boat­peop­le“ste­hen eben­so für die Aben­teu­rer, die wie Odys­seus die Mee­re durch­se­geln, wie für die Hoff­nungs­vol­len, die sich auf in neue Wel­ten ma­chen – oder eben die Flie­hen­den, die Al­tes zu­rück­las­sen wol­len oder müs­sen.

Wie ein gro­ßer, wo­gen­der Schwarm, der in der Ge­mein­schaft Wind und Wel­len trot­zen will, win­den sich die Boo­te nun um die gro­ßen Säu­len im ba­ro­cken Kreuz­herrn­saal. Sehr re­du­ziert auf we­ni­ge, fast gra­fi­sche Ele­men­te ist ih­re For­men­spra­che. Auf je­dem leicht ge­bo­ge­nen Boots­rumpf, der mit ei­ner Stahl­stan­ge auf ei­ner Bo­den­schie­ne fi­xiert ist, fin­den sich ein oder meh­re­re Be­sat­zungs­mit­glie­der, mit den an­ge­deu­te­ten Köp­fen stets starr in die glei­che Rich­tung bli­ckend. Mehr Chif­fre für den Men­schen als Kör­per.

Erst aus der Nä­he be­trach­tet, ver­wan­delt sich die an­ony­me Mas­se in ein­zel­ne In­di­vi­du­en. Grö­ße­re und klei­ne­re sind da un­ter­wegs, mit durch­aus un­ter­schied­li­chen „Ge­sich­tern“, auf Boo­ten de­nen die Wein-, Whis­key- oder Brand­spu­ren ih­rer ur­sprüng­li­chen Nut­zung oft an­zu­se­hen sind. „Up­cy­cling“nennt man die­se ge­ra­de nicht nur in der Kunst sehr an­ge­sag­te Tech­nik, Ab­fall­pro­duk­te durch die Um­wand­lung in et­was Neu­es auf­zu­wer­ten.

Ver­bin­dung zur Stuck­de­cke

Schwer zu be­spie­len ist der Mem­min­ger Kreuz­herrn­saal mit sei­ner al­les über­strah­len­den, präch­ti­gen, spät­ba­ro­cken Stuck­de­cke in lich­ter Hö­he. Mit ei­nem Trick schafft Bat­schei­der ei­ne be­ein­dru­cken­de Ver­bin­dung nach oben: Zum ers­ten Mal lässt er näm­lich ei­nen Teil sei­ner „Boat­peop­le“an fast un­sicht­ba­ren Stahl­sei­len in der Luft schwe­ben, qua­si im Raum zwi­schen Him­mel und Er­de – so wie die Träu­me und Hoff­nun­gen, der Ge­fähr­ten, die ir­gend­wann los­ge­fah­ren sind in ei­nem Ha­fen auf dem Weg ins Un­ge­wis­se. Er­staun­lich stim­mig kor­re­spon­die- ren die­se fi­li­gra­nen Luft­schif­fe mit den ver­spiel­ten De­tails der De­cke.

Auf Rei­sen wa­ren die mit durch­num­me­rier­ten Si­gna­tu­ren ver­se­he­nen Boot üb­ri­gens tat­säch­lich schon. Zu­sam­men mit dem Mem­min­ger Fo­to­gra­fen Andre­as Marx brach­te sie Bat­schei­der an ver­schie­de­ne Küs­ten in Eu­ro­pa und bau­te sie – na­tür­lich stets mit Ge­neh­mi­gung der ört­li­chen Be­hör­den – dort für we­ni­ge St­un­den auf, bis Marx sie fo­to­gra­fiert hat­te. Ein paar der ein­drucks­vol­len Fo­to­do­ku­men­te sind auf der Em­po­re des Saa­les zu se­hen.

Die­se Ak­ti­on soll welt­um­span­nend wei­ter­ge­hen. Bat­schei­der er­stellt da­von ei­ne in­ter­ak­ti­ve Welt­kar­te, auf der er je­de Sta­ti­on mar­kiert ist, an der „Boat­peop­le“auf­ge­taucht sind, sei es in ei­ner Aus­stel­lung, als In­stal­la­ti­on am Was­ser oder eben dort, wo sie nach ei­nem Ver­kauf ein neu­es Zu­hau­se ge­fun­den ha­ben.

Die Aus­stel­lung „Boat­peop­le“im Mem­min­ger Kreuz herrn­saal läuft bis Sonn­tag, 16. Ju­li (ge öff­net Di­ens­tag bis Sonn­tag von 14 bis 17 Uhr, am Sams­tag zu­sätz­lich von 10 bis 12.30 Uhr).

Fo­tos: Bri­git­te Hefele Beitlich

Als wo­gen­der Schwarm um­schif­fen die et­wa 200 Ob­jek­te in Jür­gen Bat­schei­ders In­stal­la­ti­on „Boat­peop­le“die ba­ro­cken Säu­len des Mem­min­ger Kreuz­herrn­saals. Man­che er­he­ben sich auch als Luft­schif­fe in die Hö­he.

Jür­gen Bat­schei­der beim Auf­bau sei­ner In­stal­la­ti­on im Kreuz­herrn­saal.

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