Schü­ler ent­schul­di­gen

At­test Die War­te­zim­mer sind voll: Des­we­gen for­dern Me­di­zi­ner, dass El­tern statt Ärz­te Kin­der krank­schrei­ben dür­fen. Wie das Kemp­te­ner und Ober­all­gäu­er Schu­len hand­ha­ben – und wie die recht­li­che La­ge aus­sieht

Allgäuer Zeitung (Kempter Tagblatt) - - Vorderseite - VON STE­FA­NIE DÜRR

Die War­te­zim­mer sind voll: Des­we­gen for­dern Ärz­te, dass El­tern statt Me­di­zi­ner Kin­der krank­schrei­ben dür­fen. Wie hei­mi­sche Schu­len das bis­lang hand­ha­ben. »

Kempten/Ober­all­gäu Die War­te­zim­mer vie­ler Arzt­pra­xen sind über­füllt, die Me­di­zi­ner über­las­tet – auch in Kempten und im Ober­all­gäu. Des­halb bit­ten Ärz­te die Schu­len im­mer häu­fi­ger dar­um, auf me­di­zi­ni­sche At­tes­te zu ver­zich­ten. Die sind nor­mal nach dem drit­ten Krank­heits­tag Pflicht. „Wir stel­len et­li­che At­tes­te für Schu­len und Kin­der­gär­ten aus, nicht im­mer sind die­se er­for­der­lich“, sagt Dr. Tho­mas Pott­hast, Vor­sit­zen­der des Ärzt­li­chen Kreis­ver­bands Kempten. Bei­spiels­wei­se wenn die Schü­ler nur ei­ne leich­te Er­käl­tung oder Kopf­schmer­zen ha­ben. Hin­zu kom­me, dass Kin­der da­für ex­tra von Zu­hau­se in die über­füll­ten Pra­xen kom­men müss­ten. „Dort ist die An­ste­ckungs­ge­fahr na­tür­lich er­höht.“

Schü­ler krank zu schrei­ben kos­te Zeit und die sei bei vol­len War­te­zim­mern knapp, sagt Dr. Alex­an­der Schar­mann, Spre­cher des Haus­arzt­ver­eins Ober­all­gäu: „Ins­be­son­de­re, wenn die­se At­tes­te gar nicht not­wen­dig sind.“Schar­mann for­dert, dar­auf zu ver­zich­ten – wenn El­tern ih­re Kin­der ord­nungs­ge­mäß ent­schul­di­gen und ein ver­nünf­ti­ges Fehl­ta­ge­kon­tin­gent nicht über­schrit­ten wer­de. Auch die schu­li­schen Leis­tun­gen dürf­ten nicht ge­fähr­det sein. Ge­gen­sei­ti­ges Ver­trau­en sei hier die Ba­sis.

Doch geht das über­haupt? Laut Pa­ra­graf 20 der baye­ri­schen Schul­ord­nung kön­nen Schu­len At­tes­te ver­lan­gen, müs­sen aber nicht. Die Pres­se­spre­che­rin des Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums, Dr. Ju­lia Kuntz, be­stä­tigt das ge­gen­über un­se­rer Zei­tung. Im Ge­setz steht: Die Schu­le kann bei ei­ner Er­kran­kung von mehr als drei Un­ter­richts­ta­gen oder am Tag ei­nes an­ge­kün­dig­ten Leis­tungs­nach­wei­ses die Vor­la­ge ei­nes ärzt­li­chen At­tests ver­lan­gen. „Kann“, be­tont Kuntz: „Die Schu­le muss aber nicht.“

Und wie re­geln das die Schu­len? In der Staat­li­chen Re­al­schu­le in Kempten wird erst ab dem zehn­ten Krank­heits­tag ein At­test ver­langt. „Das Kind muss trotz­dem für je­de Fehl­zeit ent­schul­digt sein“, merkt Di­rek­to­rin Eli­sa­beth Schin­de­le an. Der nor­ma­le Weg sei, dass El­tern mor­gens im Se­kre­ta­ri­at an­ru­fen oder ihr Kind per Mail ent­schul­di­gen. Ei­ne von der Mut­ter oder vom Va­ter un­ter­schrie­be­ne schrift­li­che Krank­mel­dung müs­se in­ner­halb von zwei Ta­gen nach­ge­reicht wer­den. So hand­habt das, laut Schul­lei­ter Joachim Stol­ler, auch das Gym­na­si­um Sont­ho­fen. Das Gym­na­si­um in Im­men­stadt ist noch ku­lan­ter: Dort müs­sen nur je­ne Schü­ler ein At­test ab­ge­ben, die auf­fäl­lig oft krank sind. „Das kommt vor al­lem in der Ober­stu­fe vor“, sagt Di­rek­tor Micha­el Ren­ner.

Er hält es für schwie­rig zu ver­all­ge­mei­nern und pau­schal At­tes­te zu ver­lan­gen, be­son­ders wenn die Schü­ler nur ei­ne leich­te Er­käl­tung ha­ben und nicht schwer krank sind: „Unser Mo­dell ba­siert auf Ver­trau­en, bis­her sind wir nicht ent­täuscht wor­den.“

Die Mit­tel­schu­le in Oberstdorf ori­en­tiert sich en­ger an der Schul­ord­nung. Dort wird nach dem drit­ten Fehl­tag ei­ne ärzt­li­che Be­schei­ni­gung ver­langt. „Die ist im Ver­gleich zum At­test kos­ten­los“, er­klärt Schul­lei­ter Ste­phan Knoll. Ein At­test müs­se nur bei an­ge­kün­dig­ten Prü­fun­gen vor­ge­legt wer­den. Ge­ra­de wenn ein Schü­ler vier bis fünf Ta­ge nicht zur Schu­le ge­hen kann, sei es sinn­voll zum Arzt zu ge­hen.

Ei­ne At­test­pflicht ab dem ers­ten Krank­heits­tag gibt es in Oberstdorf nur für Schü­ler mit vie­len Fehl­ta­gen, sagt Knoll. „Das ist aber ganz, ganz sel­ten.“

Fo­to: Patrick Pleul dpa/lnw

Ist das Kind krank, kön­nen Schu­len ein ärzt­li­ches At­test ver­lan­gen, sie müs­sen aber nicht. Ärz­te in der Re­gi­on plä­die­ren da­für, dass El­tern ih­re Spröss­lin­ge selbst ent­schul­di­gen soll­ten, wenn sie nicht schwer krank sind.

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