Wer be­kommt die VW Mil­li­ar­de?

Der Au­to­bau­er kas­siert die nächs­te Rech­nung für sei­ne Die­sel-Ma­ni­pu­la­tio­nen. War­um der Skan­dal trotz­dem nicht aus­ge­stan­den ist und was mit dem Geld pas­siert

Allgäuer Zeitung (Marktoberdorfer Landbote) - - Wirtschaft - VON MICHA­EL STIFTER

Wolfs­burg Zieht sich Volks­wa­gen mit sei­ner Mil­li­ar­den­zah­lung end­gül­tig aus der Die­sel-Af­fä­re? Fakt ist: Nie zu­vor muss­te ein deut­sches Un­ter­neh­men ein der­art ho­hes Buß­geld hin­le­gen. Für den re­nom­mier­ten Rechts­wis­sen­schaft­ler Prof. Ul­rich Bat­tis ist trotz­dem klar: Der Skan­dal um ma­ni­pu­lier­te Fahr­zeu­ge ist noch lan­ge nicht aus­ge­stan­den. Bat­tis hält die Stra­fe für ein gu­tes Si­gnal. „Es muss rich­tig schmer­zen, wenn man sich frei­kauft“, sagt er im Ge­spräch mit un­se­rer Zei­tung und er­teilt Ver­schwö­rungs­theo­ri­en ei­ne Ab­sa­ge: „Dass das Ver­fah­ren ge­gen ei­ne Geld­bu­ße ein­ge­stellt wur­de, hat üb­ri­gens nichts mit Wild­west oder Will­kür zu tun, son­dern be­wegt sich im Rah­men der Straf­pro­zess­ord­nung.“Nur was pas­siert denn nun mit der VW-Mil­li­ar­de?

„Da es sich nicht um ei­ne Geld­auf­la­ge, son­dern um ein Buß­geld han­delt, fließt es di­rekt in die Staats­kas­se“, sagt der Braun­schwei­ger Ober­staats­an­walt Klaus Zie­he auf Nach­fra­ge. Be­deu­tet: Das Land Nie­der­sach­sen kann nun selbst ent- schei­den, was es mit dem Geld­re­gen aus Wolfs­burg an­fängt. Be­gehr­lich­kei­ten gibt es ge­nug. Der Steu­er­zah­ler­bund for­dert, Schul­den ab­zu­bau­en. Die Rich­ter wol­len mehr Jobs in der Jus­tiz. Und es gibt so­gar Leu­te, die sa­gen, das Geld müss­te in den Län­der­fi­nanz­aus­gleich ein­ge­speist wer­den. Das de­men­tiert die Lan­des­re­gie­rung al­ler­dings si­cher­heits- hal­ber gleich mal. Da­von ab­ge­se­hen hat sich Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil bis­lang nicht nä­her zur Ver­wen­dung der VW-Mil­li­ar­de ge­äu­ßert. Die rot-schwar­ze Ko­ali­ti­on will in den oh­ne­hin an­ste­hen­den Haus­halts­be­ra­tun­gen dar­über re­den. Bis­lang hat­te das nie­der­säch­si­sche Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um mit Ein­nah­men von et­wa 350 Mil­lio­nen Eu­ro durch Geld­stra­fen und ähn­li­che Zah­lun­gen ge­rech­net. Jetzt kommt ei­ne un­ver­hoff­te Fi­nanz­sprit­ze oben drauf. Pi­kan­tes De­tail am Ran­de: Das Land ist selbst an VW be­tei­ligt und da­mit in­di­rekt auch Ge­schä­dig­ter der Kon­zern­kri­se. Nun „pro­fi­tiert“Nie­der­sach­sen al­ler­dings mal vom Die­sel-Skan­dal.

Volks­wa­gen hat sechs Wo­chen Zeit, um die Mil­li­ar­de zu über­wei­sen. Die Braun­schwei­ger Staats­an­walt­schaft ist über­zeugt da­von, dass die Stra­fe selbst ei­nen sol­chen Rie­sen­kon­zern hart trifft: „Tau­send Mil­lio­nen Eu­ro für ei­ne Ord­nungs­wid­rig­keit ist schon ei­ne An­sa­ge, und ich ge­he da­von aus, dass das na­tür­lich schmerz­haft ist“, sagt Zie­he. „Wenn wir das Ge­fühl ge­habt hät­ten, das führt zum all­ge­mei­nen La­cher und ei­ner Über­wei­sung aus der Por­to­kas­se, hät­ten wir ei­nen an­de­ren Be­trag er­mit­telt“, fügt er hin­zu. An der Bör­se sieht man das of­fen­bar ein biss­chen an­ders. Die An­le­ger schei­nen eher er­leich­tert zu sein. Zum ei­nen, dass die Sa­che end­lich vom Tisch ist. Zum an­de­ren, dass die Sum­me den Au­to­bau­er nicht wirk­lich in Not bringt. Im ver­gan­ge­nen Jahr hat VW schließ­lich un­ter dem Strich mehr als 11 Mil­li­ar­den Eu­ro ver­dient. Die Ak­tie legt am Tag da­nach je­den­falls so­gar zu.

In Ame­ri­ka hat es den Au­to­bau­er je­den­falls deut­lich här­ter ge­trof­fen als in Deutsch­land. Dort muss­te der Kon­zern bis­lang 25 Mil­li­ar­den Eu­ro für Ent­schä­di­gun­gen, Stra­fen und An­walts­kos­ten hin­blät­tern. Vor al­lem die Sam­mel­kla­gen von ge­prell­ten US-Kun­den wur­den teu­er. Die­se Mög­lich­keit gibt es in Deutsch­land bis­lang nicht. Doch auch hier sol­len Ver­brau­cher künf­tig ge­mein­sam vor Ge­richt zie­hen kön­nen.

Die Die­sel-Af­fä­re wird VW auch ju­ris­tisch noch lan­ge ver­fol­gen. Min­des­tens 19000 Kun­den ha­ben den Au­to­bau­er ver­klagt, weil sie sich be­tro­gen füh­len. Sie for­dern Scha­den­er­satz oder wol­len ih­ren Pro­blem-Die­sel zu­rück­ge­ben. Sie hof­fen auf Rü­cken­wind durch das Braun­schwei­ger Buß­geld. Dass Volks­wa­gen die Stra­fe ak­zep­tiert hat, heißt aber nicht, dass an­de­re Klä­ger au­to­ma­tisch recht be­kom­men. VW selbst ar­gu­men­tiert so­gar ge­nau an­ders her­um. Vor­stands­chef Her­bert Diess ver­spricht sich von der Zah­lung je­den­falls „er­heb­li­che po­si­ti­ve Aus­wir­kun­gen“auf an­de­re Ver­fah­ren, die sein Un­ter­neh­men noch am Hals hat.

„Es muss rich­tig schmer­zen, wenn man sich frei­kauft.“

Der Rechts­wis­sen­schaft­ler Ul­rich Bat­tis

Fo­to: Imago

Volks­wa­gen hat sechs Wo­chen Zeit, die Mil­li­ar­de an das Land Nie­der­sach­sen zu über­wei­sen.

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