Der Kampf um den Wald

Und wie­der ein neu­er Best­sel­ler über Bäu­me. Dies­mal aus Ame­ri­ka. Über­haupt sind Na­tur­the­men, wie auch Ma­ja Lun­des Bie­nen-Buch zeigt, seit ei­ni­ger Zeit der Ren­ner. Das er­zählt ei­ni­ges über un­se­re Zeit

Allgäuer Zeitung (Marktoberdorfer Landbote) - - Feuilleton - VON WOLF­GANG SCHÜTZ

„Ein Baum ist ei­ne Brü­cke zwi­schen Er­de und Him­mel.“

Kur­siv ge­druckt steht der Satz da. Nicht et­wa auf ei­nem der Pro­test­pla­ka­te im Ham­ba­cher Forst, wo noch im­mer Um­welt­ak­ti­vis­ten auf den Bäu­men le­ben, um de­ren Ab­hol­zung zu ver­hin­dern. Und auch nicht in ei­nem der in­zwi­schen zahl­rei­chen Sach­bü­cher des Förs­ters Pe­ter Wohl­le­ben, der seit dem Mil­lio­nen-Er­folg mit „Das ge­hei­me Le­ben der Bäu­me“Be­stel­ler in Se­rie lie­fert. Der Satz steht so her­aus­ge­ho­ben mit­ten im neu­en Ro­man des US-Star-Au­tors Richard Po­wers, der in­ter­na­tio­nal in den Bes­ten­lis­ten steht mit „Die Wur­zeln der Welt“. Die Wa­shing­ton Post ur­teilt: „Der auf­re­gends­te Ro­man, den Sie je über Bäu­me le­sen wer­den.“

Aber mit dem Ham­ba­cher Forst und Pe­ter Wohl­le­ben hat die­ses Buch den­noch sehr viel zu tun. Denn der zu­vor be­reits für so groß­ar­ti­ge wie groß aus­grei­fen­de Wer­ke wie „Der Klang der Zeit“und „Das Echo der Er­in­ne­rung“zu Recht ge­fei­er­te Po­wers er­zählt dar­in un­ter an­de­rem auch von ei­nem Paar, das über acht Mo­na­te hin­weg in 60 Me­tern Hö­he in ei­nem Mam­mut­baum lebt, um des­sen Fäl­lung zu ver­un­mög­li­chen; und von ei­ner For­sche­rin na­mens Patri­cia Wes­ter­ford, die wie Wohl­le­bens Vor­bild wirkt, schil­dert sie doch be­reits in den sieb­zi­ger Jah­ren, wie Bäu­me kom­mu­ni­zie­ren und in Netz­wer­ken exis­tie­ren. Sie schrieb ein Buch mit dem Ti­tel „Der ge­hei­me Wald“dar­über. Und wenn Wohl­le­ben heu­te noch im­mer Kri­tik für sei­ne Ver­mensch­li­chung und ro­man­ti­sche Ver­klä­rung der Na­tur und für sei­ne Ver­teu­fe­lung von Nutz­wald und Forst­we­sen er­fährt – für Wes­ter­ford be­deu­tet das bei Po­wers den Tod als Wis­sen­schaft­le­rin und die Äch­tung als Per­son. Sie zieht sich dar­auf­hin von den Men­schen zu­rück, in die Wäl­der na­tür­lich – und taucht erst wie­der auf, als sich lang­sam das Be­wusst­sein Bahn bricht, dass ge­ra­de in Zei­ten wach­sen­der Kli­ma­pro­ble­me Bäu­me mehr als ein Roh­stoff sind und die Na­tur mehr Mit- als Um­welt ist.

Und da­mit ist man ja tat­säch­lich mit­ten im Heu­te ge­lan­det. Denn es kommt ja nicht von un­ge­fähr, dass auch im Buch­be­reich die Na­tur ei­ne ech­te Ge­win­ner-Ka­te­go­rie ist. Man muss nur an die Best­sel­ler von Ma­ja Lun­de den­ken, die mit „Die Ge­schich­te der Bie­nen“den pas­sen­den Ro­man zur Sor­ge ums In­sek­tenster­ben ge­lie­fert hat, ge­folgt von der eben­falls er­folg­rei­chen „Ge­schich­te des Was­sers“. In Groß­bri­tan­ni­en, den USA und Aus­tra­li­en gibt es für den Be­reich des „Na­tu­re Wri­ting“in­zwi­schen ei­ge­ne Au­to­ren­prei­se und so­gar ei­ge­ne Best­sel­ler-Ka­te­go- ri­en, so vie­le Ver­öf­fent­li­chun­gen gibt es, et­wa Da­ve Goul­sons „Und sie fliegt doch“über die Hum­mel. In Deutsch­land war auch „Die Ho­nig­fa­brik“von Jür­gen Tautz und Died­rich Steen ein Er­folg. Fürs kom­men­de Jahr be­reits an­ge­kün­digt sind Ti­tel wie „Die fa­bel­haf­te Welt der Amei­sen“von Chris­ti­na Grätz und Ma­nue­la Kup­fer.

Das Gen­re boomt und kann da­bei als hoch­po­li­tisch gel­ten. Weil die Wer­ke das Be­wusst­sein ver­schie­ben – wenn auch nicht im­mer so di­rekt wie bei Richard Po­wers. Der 61-jäh­ri­ge Ame­ri­ka­ner näm­lich sam­melt in sei­nem zu­min­dest über zwei Drit­tel hin­weg tat­säch­lich auf­re­gen­den Ro­man zu­nächst rüh­ren­de Ge­schich­ten über das Ver­hält­nis zu Bäu­men: Ei­ne US-Fa­mi­lie, die über drei Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg je­des Jahr am glei­chen Tag ein- und den­sel­ben ein­sa­men Baum fo­to­gra­fiert, des­sen Art­ge­nos­sen bei ei­ner der zahl­rei­chen Schäd­lings­epi­de­mi­en im Land prak­tisch aus­ge­stor­ben sind. Ei­nen chi­ne­si­schen Va­ter, der sei­nen Töch­tern als Er­be wert­vol­le Rin­ge mit cha­rak­te­ris­ti­schen Baum­sor­ten hin­ter­lässt, gleich ei­nem pas­sen­den Schick­sals­be­glei­ter. Und aus den da­durch be­rühr­ten Men­schen formt Po­wers dann ei­ne Grup­pe von Men­schen, Wis­sen­schaft­ler wie Ro­man­ti­ker, die sich ge­gen den Raub­bau wen­den, der die am wei­tes­ten ver­brei­te­te Le­bens­form der Er­de be­reits weit mehr als ein Drit­tel des Be­stan­des ge­kos­tet hat. Aus die­sen Men­schen wer­den nicht nur Ak­ti­vis­ten wie im Ham­ba­cher Forst, son­dern so­gar Öko-Ter­ro­ris­ten …

Die­se all­zu gro­be Dra­ma­ti­sie­rung und da­mit den schwächs­ten Teil von „Die Wur­zeln der Welt“aus­ge­klam­mert, führt die Lek­tü­re von Po­wers’ Ro­man zu­ver­läs­sig da­zu, dass man fort­an mit an­de­rem Blick durch den Wald läuft. Und das in Zei­ten, in de­nen ei­ner­seits der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent je­de Form von Kli­ma-Po­li­tik ab­lehnt und Na­tur nur noch un­ter wirt­schaft­li­chen Ge­sichts­punk­ten an­blickt; in de­nen an­de­rer­seits in Deutsch­land die Par­tei mit der öko­lo­gi­schen Nach­hal­tig­keit im Mar­ken­kern auf ei­nem his­to­ri­schen Hoch schwebt. Da­hin­ter kann man ein auf­klä­re­risch ge­mein­tes Pro­gramm ver­mu­ten. Und liest bei Po­wers: „Es ist so ein­fach. So of­fen­sicht­lich. Ex­po­nen­ti­el­les Wachs­tum in­ner­halb ei­nes ge­schlos­se­nen Sys­tems mit be­grenz­ten Res­sour­cen führt zum Zu­sam­men­bruch. Aber die Men­schen se­hen es nicht. Al­so kön­nen die Men­schen nicht mehr die maß­geb­li­che In­stanz sein.“

Aber Po­wers wä­re nicht der Au­tor, der er ist, wür­de er den Blick nicht dar­über hin­aus wei­ten. Er lässt Patri­cia Wes­ter­ford pre­di­gen, dass Baum und Mensch ge­mein­sa­me Vor­fah­ren ha­ben und bis heu­te auch ge­ne­tisch eng ver­bun­den sind. Für sol­cher­lei schlägt auch dem US-Au­tor nicht nur Be­geis­te­rung ent­ge­gen. Thea Dorn et­wa schäum­te im „Li­te­ra­ri­schen Quar­tett“über all die „Eso­te­rik“, die man hier ser­viert be­kom­me. Dorn ist ei­ne, die im­mer wie­der for­dert, kei­ne Ka­ta­stro­phen­sze­na­ri­en an die Wand zu ma­len, son­dern sich auf das un­mit­tel­bar po­li­tisch Ge­bo­te­ne zu kon­zen­trie­ren.

„Die Wur­zeln der Welt“aber rech­net vor, dass, wenn die ge­sam­te Welt­ge­schich­te in ei­nen Tag um­ge­rech­net wür­de und der Mensch dar­in erst vier Se­kun­den vor Mit­ter­nacht auf­taucht, dann folg­te: „Als die Mit­ter­nacht kommt, be­steht fast der ge­sam­te Erd­ball aus Mo­no­kul­tur­fel­dern, zur Er­hal­tung und Er­näh­rung ei­ner ein­zi­gen Spe­zi­es. Und das ist der Mo­ment, in dem sich der Baum des Le­bens von neu­em ver­wan­delt. Der Au­gen­blick, in dem der mäch­ti­ge Stamm ins Wan­ken ge­rät.“

Bis der Baum des Le­bens ins Wan­ken ge­rät…

Fo­to: Oli­ver Berg, dpa

Men­schen, die für Bäu­me kämp­fen – sind das Ir­re? Was sich hier ak­tu­ell im Ham­ba­cher Forst ab­spielt, ist auch in Richard Po­wers’ Ro­man von zen­tra­ler Be­deu­tung.

Fo­to: Ga­ry Sa­xe, Adobe.Stock

So klein ist der Mensch an­ge­sichts der Baum­rie­sen im Red­wood Fo­rest an der US-West­küs­te. Die Bäu­me stan­den oft­mals schon, als Ko­lum­bus Ame­ri­ka ent­deck­te.

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