Al­les ga­ga mit dem Gen­der?

Quo­ten, ge­schlech­ter­sen­si­ble Spra­che – für vie­le über­treibt es die Po­li­tik mit der Gleich­stel­lung. Was stimmt, ist: Der Streit dar­über lenkt vom ei­gent­li­chen Pro­blem ab

Allgäuer Zeitung (Marktoberdorfer Landbote) - - Meinung & Dialog - VON CHRIS­TI­AN IMMINGER [email protected]

Lie­be Le­se­rin­nen und Le­ser, vor­weg ei­ne of­fe­ne Fra­ge: Wä­re es Ih­nen in Zu­kunft lie­ber, als Le­sen­de an­ge­spro­chen zu wer­den? Lie­be Le­sen­de al­so? Es wür­de zu­min­dest den Emp­feh­lun­gen der Stadt Augs­burg ent­spre­chen, die die­se Wo­che ei­nen Leit­fa­den zur ge­schlech­ter­sen­si­blen Spra­che ver­öf­fent­licht hat.

Be­vor der ei­ne oder die an­de­re nun gleich ge­nervt ab­winkt, zur Er­in­ne­rung: Seit letz­tem Jahr gibt es in Deutsch­land amt­lich mit „di­vers“ei­ne drit­te Op­ti­on, die sich we­der dem männ­li­chen noch dem weib­li­chen Ge­schlecht zu­ord­nen lässt. Gar nicht so ein­fach, das mit der rich­ti­gen An­re­de al­so. Aber um­so ein­fa­cher, sich über die­sen gan­zen „Gen­der-Irr­sinn“zu er­re­gen, wor­in oft gleich noch der gan­ze Un­mut über po­li­ti­sche Kor­rekt­heit im All­ge­mei­nen und die Äch­tung des Alt­her­ren­wit­zes im Be­son­de­ren ge­packt wird. Ein häu­fig vor­ge­brach­ter Ein­wand da­bei: „Ha­ben wir denn kei­ne wich­ti­ge­ren Pro­ble­me?“Der Clou: Ja, wahr­schein­lich ha­ben wir die, nur ge­hen die­se oft ge­nug un­ter in ge­nau dem Ge­ze­ter und Ge­schrei über das neu­es­te Gen­der-Dings.

Das mag von den po­pu­lis­ti­schen Rech­ten kal­ku­liert sein, weil sie so ei­nen Streit am Kö­cheln hal­ten, po­la­ri­sie­ren, sicht­bar blei­ben und auf kom­ple­xe­re Pro­blem­la­gen oh­ne­hin kei­ne Ant­wort ha­ben. Aber auch die, die sich ger­ne pro­gres­siv ge­ben, lenk­ten mit ih­rer Iden­ti­täts­po­li­tik – al­so der Hin­wen­dung an die Be­lan­ge ein­zel­ner Grup­pen und Min­der­hei­ten – ein Stück weit da­von ab, dass sie für die gro­ßen, oft trans­na­tio­na­len Her­aus­for­de­run­gen min­des­tens kei­nen He­bel hat­ten. Um da­für dann um­so lei­den­schaft­li­cher über ein Bin­nen-I oder Gen­der­stern­chen zu de­bat­tie­ren (was, sa­gen wir es mal so, für ei­ni­ge Wäh­ler­schich­ten nicht un­be­dingt an­zie­hend ge­wirkt ha­ben mag).

Oh­ne Zwei­fel: Spra­che schafft, ja ist Be­wusst­sein. Aber ge­nau­so – da hat der ol­le Marx schon recht – be­stimmt das Sein, will hei­ßen: die ma­te­ri­el­le Ba­sis, die Le­bens­um­stän­de, eben je­nes Be­wusst­sein. Und die­se Ba­sis zu än­dern kos­tet und er­for­dert eben weit mehr als Stern­chen oder ge­schlechts­neu­tra­le For­mu­lie­run­gen auf ir­gend­wel­chen amt­li­chen Vor­dru­cken. Oder ist da­mit der al­lein­er­zie­hen­den 43-jäh­ri­gen Mut­ter oder et­wa – und so was gibt es ja schließ­lich auch noch – dem 56-jäh­ri­gen ar­beits­lo­sen Kunst­stoff-Form­ge­ber, bei­de stets am Knap­sen und in pre­kär-in­sta­bi­ler Sei­ten­la­ge, ir­gend­wie ge­hol­fen? Wohl kaum. Vom so­ge­nann­ten Gen­der Pay Gap, al­so dem ge­schlechts­spe­zi­fi­schen Lohn­ge­fäl­le, der Teil­zeit­fal­le, in die ge­ra­de vie­le Frau­en mehr oder we­ni­ger al­ter­na­tiv­los tap­pen, ganz zu schwei­gen.

Wie sol­cher­art Dis­kus­sio­nen je­den­falls tie­fer­lie­gen­de Pro­ble­me ver­ne­beln kön­nen, zeigt auch die un­längst wie­der auf­ge­flamm­te De­bat­te um ei­ne Frau­en-Quo­te in den Par­la­men­ten. Das Ar­gu­ment: Die­se hät­ten die Be­völ­ke­rung re­prä­sen­ta­tiv ab­zu­bil­den, und 50,7 Pro­zent der Be­völ­ke­rung sei­en nun ein­mal weib­lich. Nur: Ist et­wa ein Bun­des­tag dann re­prä­sen­ta­tiv, wenn in ihm – sa­gen wir – 126 Ju­ris­tin­nen mehr sit­zen, da­für aber kei­ne ein­zi­ge Fri­seu­se? Gar nicht so ein­fach al­so auch das. Und ei­nes steht fest: Be­wusst­sein wird sich nicht nur durch Emp­feh­lun­gen und Vor­ga­ben von oben än­dern las­sen. Zu­mal Iden­ti­täts­po­li­tik, wenn sie ernst ge­meint ist, Un­ter­schie­de eben nicht mit ei­nem ge­run­div-ge­run­de­ten Neu­trum oder gar kom­pli­zier­ten *X?-Kon­struk­tio­nen zu­kle­is­tern müss­te.

Des­we­gen: Lie­be Le­se­rin­nen, Le­ser und Le­sen­de al­so, ein­fach ver­su­chen, sich nicht gleich über al­les auf­zu­re­gen, sei es ei­ne un­be­hol­fe­ne For­mu­lie­rung (oder ein miss­glück­ter Witz), sei es ei­ne erst mal ir­ri­tie­ren­de For­de­rung. Man kann und soll­te sich selbst bei ei­ni­gem Un­ver­ständ­nis für­ein­an­der mit Re­spekt be­geg­nen – und da­für um­so mehr auch an­de­ren Pro­ble­men zu­wen­den.

Re­spekt geht auch bei ge­gen­sei­ti­gem Un­ver­ständ­nis

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