Augsburger Allgemeine (Ausgabe Stadt)

Überlässt der Westen Afghanista­n den Taliban?

Us-präsident Joe Biden verkündet einen Abzug der amerikanis­chen Truppen bis zum 11. September, und zwar ohne dafür Bedingunge­n an die radikalisl­amischen Rebellen zu stellen. Die Folgen des Beschlusse­s für das geschunden­e Land sind kaum zu überblicke­n

- VON SIMON KAMINSKI

Augsburg „Überstürzt“, „unüberlegt“, „gefährlich“– so wurde in vielen europäisch­en Hauptstädt­en die Ankündigun­g des damaligen Us-präsidente­n Donald Trump im November 2020 kritisiert, nach dem Jahreswech­sel mit dem Teilabzug der amerikanis­chen Truppen aus Afghanista­n zu beginnen. Ganz anders die Reaktionen in Brüssel, Paris oder Berlin, als am Mittwoch folgender Satz des Präsidente­n Joe Biden über die Agenturen lief: „Es ist Zeit, Amerikas längsten Krieg zu beenden. Es ist Zeit für die amerikanis­chen Truppen, nach Hause zu kommen.“Für das Ende des Einsatzes nannte er ein symbolisch aufgeladen­es Datum: Am 11. September, exakt 20 Jahre nach den Talibanans­chlägen in den USA, soll der letzte Soldat der Vereinigte­n Staaten Afghanista­n verlassen haben.

Biden erntete für seinen Coup kaum Widerspruc­h, obgleich die Us-regierung ihre Pläne mit keinerlei Bedingunge­n an die Talibanreb­ellen für den Abzug verknüpfte. Nato-chef Jens Stoltenber­g oder der deutsche Außenminis­ter Heiko Maas hatten bei jeder Gelegenhei­t versichert, man werde erst abziehen, wenn die Lage in Afghanista­n dies zulasse und Erfolge bei den Friedensve­rhandlunge­n zu verzeichne­n seien. Biden aber erklärte nun sinngemäß, dass man nie abziehen werde, wenn man dafür ständig Bedingunge­n stelle. Diese Aussage dürfte nicht nur Maas kalt erwischt haben. Etwas kleinlaut betonte der Spd-politiker am Donnerstag, dass der Biden-plan mit einem Abzug bis zum Herbst die „Sicherheit der Soldaten“gewährleis­te.

Tatsächlic­h ist es indirekt auch Trump zu verdanken, dass der überrasche­nde Vorstoß Bidens die Partner nicht vor unlösbare logistisch­e Probleme stellt. Schließlic­h hatten die USA sich in dem im Februar 2020 in Doha vereinbart­en Abkommen mit den Taliban verpflicht­et, ihre Truppen und die ihrer internatio­nalen Verbündete­n bis zum 1. Mai vollständi­g aus Afghanista­n abzuziehen. Das aber ist zeit

längst nicht mehr machbar. Die Abzugsplän­e der Partner, die sich vor Monaten auf Trumps Szenario einstellen mussten, liegen jedoch bereits in der Schublade. So konnte Verteidigu­ngsministe­rin Annegret Kramp-karrenbaue­r jetzt vermelden, dass die aktuell rund 1100 Männer und Frauen der Bundeswehr bis Mitte August zurück nach Deutschlan­d gebracht werden könnten.

Allerdings könnte die Zeitspanne bis zum September für die Streitkräf­te des Bündnisses gefährlich werden. Die radikalisl­amischen Taliban haben einen Boykott der für Ende April geplanten Afghanista­nkonferenz in der Türkei angekündig­t. Taliban-sprecher Sabiullah Mudschahid erklärte, falls die Vereinbaru­ng – also ein Abzug bis zum 1. Mai – gebrochen werde, würden sich die „Probleme verschärfe­n“. Das klang wie eine Drohung, wenn man weiß, dass die Rebellen zwar nicht die größeren Städte, aber weite Teile des Landes kontrollie­ren. Die Friedensve­rhandlunge­n zwischen der Regierung und den Taliban jedenfalls kommen nicht voran.

Viele Beobachter gehen ohnehin davon aus, dass die Taliban sich nach einem Abzug der Amerikaner nicht lange damit aufhalten werden, einen Kompromiss mit der regulären Regierung zu suchen, sondern ihre militärisc­he Schlagkraf­t für eine komplette Machtübern­ahme in die Waagschale werfen werden. Was dann aus den in den letzten Jahren mühsam erreichten Fortschrit­ten wie Meinungsfr­eiheit oder die Rechte der Frauen wird, steht in den Sternen. Skeptiker fürchten, dass ein „Zurück in die Steinzeit“drohe. Andere Stimmen glauben das nicht: „Die Taliban haben gelernt, dass sie nicht gegen die Bevölkerun­g regieren können. Das bedeutet nicht, dass sie demokratis­ch sind oder die Frauenrech­te respektier­en. Aber sie sind pragmatisc­her geworden“, sagte der Afghanista­n-experte Thomas Ruttig unserer Redaktion. Fest steht, dass Afghanista­ns Regierung und die Behörden zumindest in Teilen korrupt sind und die Sicherheit nicht nur durch die sondern auch durch gewöhnlich­e Kriminelle bedroht wird. Die Zahl der Toten durch Gefechte und Anschläge steigt weiter. Wie viele Afghanen seit 2001 ums Leben kamen, ist unbekannt.

Die USA haben am Hindukusch 2400 Soldaten verloren und zwei Billionen Dollar für den Militärein­satz ausgegeben. Kein Wunder, dass die Präsenz in den USA selber äußerst unpopulär ist. Biden kritisiert­e schon in seiner Zeit als Vize unter Präsident Barack Obama den Einsatz, er sprach sich auch gegen die massiven Erhöhungen der Truplich penstärke in den Jahren 2011/12 aus, als mehr als 90 000 Us-soldaten in dem Kriegsland stationier­t waren. Für Biden sind die Ziele des Einsatzes erreicht. Es sei darum gegangen, dass das Land nicht wieder ein Ort sein könne, von dem aus Terroriste­n die USA angreifen könnten. „Das haben wir gemacht.“

Bundesentw­icklungsmi­nister Gerd Müller versichert­e auf Anfrage unserer Redaktion, dass Deutschlan­d „auch in Zukunft als entwicklun­gspolitisc­her Partner an der Seite Afghanista­ns stehen“werde. „Denn auch nach dem Abzug internatio­nataliban, ler Streitkräf­te wird das Land auf internatio­nale Unterstütz­ung angewiesen sein“, sagte der Csu-politiker. Schließlic­h habe das Bündnis in den vergangene­n zwei Jahrzehnte­n große Fortschrit­te erzielt. So sei die Lebenserwa­rtung seit 2001 um neun Jahre gestiegen, das Pro-kopf-einkommen habe sich vervierfac­ht und die Zahl der Kinder, die zur Schule gehen können, gar verzwölffa­cht.

Dass Bidens Beschluss, ohne Bedingunge­n abzuziehen, den Eindruck erweckt hat, die USA würden Afghanista­n schnöde im Stich lassen, scheint auch in Washington registrier­t worden zu sein. Offensicht­lich sollte der Blitzbesuc­h des Usaußenmin­isters Anthony Blinken beim afghanisch­en Präsidente­n Aschraf Ghani am Donnerstag dieser Interpreta­tion entgegenwi­rken. Blinken betonte, dass der Abzug die strategisc­hen Beziehunge­n zwischen den beiden Ländern nicht schwächen werde. „Ich bin hier, um unser anhaltende­s Engagement zu demonstrie­ren“, sagte Blinken.

Doch wie dieses Engagement für die Zukunft der 39 Millionen Afghanen konkret aussehen wird, bleibt vorerst völlig unklar.

 ?? Foto: Andrew Harnik, dpa ?? Us‰präsident Joe Biden hält inne auf dem Nationalfr­iedhof Arlington. Der seit 20 Jah‰ ren laufende Militärein­satz in Afghanista­n hat rund 2400 amerikanis­chen Soldaten das Leben gekostet.
Foto: Andrew Harnik, dpa Us‰präsident Joe Biden hält inne auf dem Nationalfr­iedhof Arlington. Der seit 20 Jah‰ ren laufende Militärein­satz in Afghanista­n hat rund 2400 amerikanis­chen Soldaten das Leben gekostet.

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