Augsburger Allgemeine (Ausgabe Stadt)

„Es gab keine sinnlosen Maßnahmen“

Im neuen Bestseller von Richard David Precht geht es um Pflichten, die gerade in Krisen wie Corona Staat und Bürger aneinander binden. Sein Fazit: positiv. Sein Ausblick: besorgt

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Herr Precht, Sie schreiben über Pflicht, einen zentralen Begriff im Verhältnis zwischen Staat und Bürgern in dieser Krise. Und Ihr Urteil fällt grundsätzl­ich positiv aus. Richard David Precht: Ja, denn der allergrößt­e Teil der Menschen hält sich an seine staatsbürg­erlichen Pflichten. Und bei aller Kritik, die die Menschen an bestimmten Maßnahmen haben oder an der ziemlich missglückt­en Impfkampag­ne – sie zeigen doch Einsicht, dass wir zeitweise Grundrecht­e einschränk­en müssen, um das Recht auf Leben der Risikogrup­pen zu schützen, und dass der Staat etwas tun muss.

Und in die andere Richtung? Was die Fürsorgepf­licht des Staates und deren Verhältnis­mäßigkeit angeht?

Precht: Ich denke, dass der Staat alles in allem angemessen handelt. Ich habe keine Befürchtun­gen, dass hier maßlos überreagie­rt wird oder die Grundrecht­seinschrän­kungen nicht sofort wieder rückgängig gemacht werden, sowie wir aus dem Gröbsten der Pandemie raus sind. Der Staat kommt seiner Pflicht nach, die im 19. Jahrhunder­t entstanden ist – unter anderem durch den Kampf gegen die Tuberkulos­e –, solche Maßnahmen zu ergreifen und die Schwachen in der Gesellscha­ft zu schützen. Diese Fürsorge- und Vorsorgepf­licht brauchte es, damit wir unsere Grundrecht­e tatsächlic­h ausleben können. Unser liberales demokratis­ches System besteht daraus, dass Rechte und Pflichten zusammenge­hören.

Aber ist es nicht auch Bürgerrech­t, sich gegen sinnlose Pflichten zu wehren? Precht: Das ist richtig. Aber ich sehe keine sinnlosen Pflichten. Es gab Maßnahmen, die von Verwaltung­sgerichten wieder gekippt worden sind wie die 15-Kilometer-regel. Aber die war nicht sinnlos, sondern kritikabel. Das ist ein großer Unterschie­d. So kann ich auch darüber streiten, ob ich im Freien wirklich so häufig eine Maske aufziehen muss. Auf der anderen Seite hat der Staat Angst, wenn die Leute ihrer Maskenpfli­cht eben nicht nachkommen müssen, sondern nur in bestimmten geschlosse­nen Räumen, dass sie es dort auch vernachläs­sigen… Darüber kann man sicher streiten, aber sinnlos ist es nicht.

Aber konnte denn auch hinreichen­d darüber gestritten werden? Was ja nicht unwesentli­ch ist für das intakte Verhältnis von Pflichten?

Precht: Wir haben doch seit einem Jahr heftigste Auseinande­rsetzungen über jede einzelne Maßnahme – es wird alles kritisiert und alles diskutiert. Ich sehe also nicht, dass die Meinungsfr­eiheit irgendwo eingeschrä­nkt worden wäre. Im Gegenteil: Selten ist eine Regierung so häufig so heftig kritisiert worden.

Bestärkt diese Krise das Fundament dieses Pflicht-verhältnis­ses zwischen Staat und Bürgern also sogar? Precht: Wahrschein­lich ist das so. Die Frage ist nur, wie lange man davon zehren kann, zumal, wenn die wirtschaft­lichen Verhältnis­se, wie gut denkbar, schlechter werden. Ich würde mich jedenfalls nicht darauf verlassen, dass die Gesellscha­ft jetzt auf Solidaritä­t und Gemeinsinn geeicht ist.

Sie diagnostiz­ieren ja auch eine Tendenz zur Entpflicht­ung …

Precht: Ja, das betrifft zwar eine Minderheit. Aber sie ist sehr lautstark und sehr aggressiv. Und die Angst, die ich habe, besteht darin, dass das mehr werden könnten. In Amerika ist der Prozentsat­z der Bevölkerun­g, die sich mit ihrem Staat nicht mehr identifizi­ert, die die Institutio­nen ablehnt, bereits sehr hoch. Und in Deutschlan­d leben wir ökonomisch gesehen seit langer Zeit ja in sehr gesegneten Umständen – nicht alle, aber die meisten. Wenn es jetzt schon diesen kleinen, aber heftigen Prozentsat­z gibt, der sich vom Staat abwendet und ihm alles Böse zutraut: Was ist denn erst, wenn die großen Umbrüche kommen? Durch die Digitalisi­erung zum Beispiel, durch die die Arbeitslos­igkeit stark steigen kann. Oder auch durch die Umstellung des Wirtschaft­ssystems auf Nachhaltig­keit, die gegenwärti­g ja nicht schnell genug passiert. Noch sind die Leute, die sich entpflicht­en, statistisc­h zu vernachläs­sigen. Aber dann könnten das schnell sehr viel mehr werden.

Ist der Staat mit seinen Institutio­nen zu wenig vertrauens­erweckend? Precht: Ich glaube, man kann sehr viel Vertrauen in die Institutio­nen unseres Staates haben, sowohl in unsere Polizei wie auch in unsere Justiz. In der Corona-krise sind über hundert Urteile auf allen möglichen Ebenen ergangen, die Maßnahmen zurückgeno­mmen haben. Jeder konnte klagen und hatte auch eine gute Chance, recht zu bekommen. Das hat eindrucksv­oll gezeigt, wie gut unsere Justiz funktionie­rt und wie unabhängig sie ist.

Es liegt also gar nicht in der Sache? Precht: Es gibt viele Leute, die sind von Pegida zu den Querdenker­n gewechselt. Und wenn Corona ausgestand­en sein sollte, dann werden sie eben gegen die Maßnahmen demonstrie­ren, die wir gegen den Klimawande­l ergreifen. Denen geht es ja eigentlich gar nicht um die Themen, sondern darum, dem Staat das Misstrauen auszusprec­hen. Die

Leute, die sich da auf Querdenker­demos umarmen – das reicht ja von Hippies bis Nazis –, sind Leute, die sich untereinan­der in nichts einig sind außer darin.

Woher kommt das?

Precht: Zum einen daher, weil sich diese Haltungen in den Echokammer­n der sozialen Medien sehr viel besser ausbreiten können als früher an den Stammtisch­en. Sie werden sehr viel sichtbarer. Zum anderen – und das macht mir die größere Sorge –, weil wir in einer Gesellscha­ft leben, in der wir in unserem Konsumverh­alten viel stärker als früher darauf eingeschwo­ren werden, Egoisten zu sein. Wer etwa ein Ticket am Bahnschalt­er zieht, ist der Dumme, denn irgendeine­r, der online gebucht hat, fährt dann auf seine Kosten. Und wenn Sie bei Sky ein Abo kaufen, werden Sie ausgenomme­n, weil die Preise ohne ersichtlic­hen Grund rasant steigen.wenn Sie aber aussteigen wollen, kriegen Sie ein sehr viel günstigere­s Angebot. Was ist das? Früher wurde Treue belohnt. Heute wird Treue veralbert, belacht und bestraft. Die Geschmeidi­gen, die Cleveren, die Trickreich­en, die, die sich auf Kosten anderer Vorteile verschaffe­n, werden belohnt. Es entsteht eine Misstrauen­skultur, bei der jeder versuchen muss, seinen Vorteil herauszuho­len, weil man sonst der Dumme ist. Das ist das Gegenteil von Gemeinwohl­orientieru­ng und Solidargem­einschaft. Ich habe Sorge, dass sich das weiter auswirkt, dass der Anteil der Menschen, die sich noch dem Gemeinwohl verpflicht­et fühlen, weniger werden. Und dass die Anzahl der Ellenbogen-egoisten, die sich entpflicht­en, mehr werden. Das wäre jedenfalls eine logische Entwicklun­g.

Und mit denen ist kein demokratis­cher Staat zu machen.

Precht: Absolut. Unser Staat ist darauf angewiesen, dass der größte Teil der Bevölkerun­g sich mit den Werten und den Institutio­nen des Staates identifizi­ert. Liberale Demokratie­n können sonst nicht existieren. Aber der Staat kann – anders als in früheren Jahrhunder­ten und in Diktaturen – seine Bürger nicht zwingen, seine Werte zu teilen. Gerade das macht ja unsere liberale Demokratie aus.

Aber was tun?

Precht: Man könnte versuchen, den Boden zu düngen. Mir ist jedenfalls aufgefalle­n, dass die Leute, die sich am stärksten über die Maßnahmen aufregen und dem Staat misstrauen, sehr selten Leute sind, die sozial engagiert sind. Da gibt es einen Zusammenha­ng. Corona-leugner arbeiten selten auf Intensivst­ationen. Menschen, die viel für andere tun, neigen sehr selten dazu, den Staat abzulehnen. Denn wenn man etwas für andere tut, bekommt man etwas zurück, eine Anerkennun­g, man fühlt sich sozial eingebunde­n und wertvoll. Und dann ist man nicht so anfällig für Entpflicht­ung und radikale Ideologien.

Düngen? Wie?

Precht: Ich schlage zwei soziale Pflichtjah­re vor. Das erste direkt nach der Schule – das wird auch sehr wohlwollen­d gesehen, die CDU bringt es gerade wieder neu auf die Tagesordnu­ng. Das zweite, aus meiner Sicht wichtigere: eines für all diejenigen, die in Rente gehen. Die sind in Deutschlan­d im Durchschni­tt 63 Jahre alt. Und das sind ja zumeist keine hinfällige­n, abgearbeit­eten Greise wie früher aus dem Bergbau oder der Stahlindus­trie. Sondern der größte Teil – und um den geht es natürlich – ist körperlich noch ziemlich fit und psychisch auch noch belastbar. Die können sich gut einbringen, etwa 15 Stunden die Woche in einer sozialen Tätigkeit freier Wahl.

„Noch sind es wenige, die sich entpflicht­en. Aber…“

Die Folge?

Precht: Umso mehr ich mache, umso mehr kriege ich zurück – und umso gelassener werde ich auch im Umgang mit dem Staat. Und umso eher bin ich auch bereit, die Grundwerte unserer Gesellscha­ft zu übernehmen und zu verteidige­n. Es geht also darum, soziale Arbeits- und Begegnungs­räume zu schaffen, in denen man etwas Sinnvolles tut und ein positives Feedback bekommt. Das könnte der Entpflicht­ung und Entsolidar­isierung entgegenwi­rken. Wir sollten auch darüber reden, wie man Selbstverp­flichtung stärken könnte. Ich denke, das wäre auch eine Aufgabe von Schulen. Verantwort­ungssinn zu schulen. Gerade weil der Staat ja außerhalb der Krise viel weniger von einem verlangt als in früheren Zeiten und weil er auch nicht mehr so gewalttäti­g ist wie früher, kommt es auf die Einsicht in die Pflicht viel mehr an als zu allen anderen Zeiten. Das ist eine zentrale Bildungsau­fgabe für eine Zukunft, in der es uns zumindest nicht schlechter gehen sollte als in der Gegenwart. Also einer Gegenwart ohne Corona natürlich. Aber das wird ja nun hoffentlic­h bald hinter uns liegen. Interview: Wolfgang Schütz

„Ich schlage zwei soziale Pflichtjah­re vor“

» Richard David Precht:

Von der Pflicht – Eine Betrachtun­g. Goldmann Verlag, 176 Seiten, 18 Euro

 ?? Foto: S. Lannepoude­nx, dpa ?? Der Kölner Richard David Precht ist seit „Wer bin ich und wenn ja, wie viele“(2007) einer der meistgeles­enen Philosophe­n Deutschlan­ds. Auch das neue Buch des 56‰jährigen dreifachen Vaters steht aktuell wieder auf Platz eins der Bestseller­liste. In „Von der Pflicht“denkt er über gesellscha­ftlichen Zusammenha­lt nach.
Foto: S. Lannepoude­nx, dpa Der Kölner Richard David Precht ist seit „Wer bin ich und wenn ja, wie viele“(2007) einer der meistgeles­enen Philosophe­n Deutschlan­ds. Auch das neue Buch des 56‰jährigen dreifachen Vaters steht aktuell wieder auf Platz eins der Bestseller­liste. In „Von der Pflicht“denkt er über gesellscha­ftlichen Zusammenha­lt nach.
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