Augsburger Allgemeine (Ausgabe Stadt)

Es kann nur eine(n) geben

Die einst für überborden­de Streitlust bekannten Grünen lassen ihre Doppelspit­ze selbst klären, wer Kurs aufs Kanzleramt nehmen soll. Das Chaos bei der Union bildet einen willkommen­en Kontrast zur eigenen Harmonie

- VON BERNHARD JUNGINGER

Berlin Verkehrte Welt bei den großen politische­n Kräften im Land: Erbittert streitet die Union gerade, ob CSU-CHEF Markus Söder oder der Cdu-vorsitzend­e Armin Laschet Kanzlerkan­didat werden soll. Die Frage entzweit nicht nur die konservati­ven Schwesterp­arteien, der Riss geht mitten durch die CDU, die lange Jahre als braver Kanzler- oder Kanzlerinn­en-wahlverein galt. Höchste Harmonie hingegen herrscht bei den Grünen – einst als bunter Haufen von Revoluzzer­n bekannt, die vor allem ihre Streitlust einte. Doch von den endlosen Flügeldisk­ussionen zwischen gemäßigten Realos und radikalere­n Fundis, die sich auch in schmerzhaf­ten Personalde­batten entluden, ist derzeit ähnlich viel zu spüren, wie Wirkstoff in homöopathi­schen Kügelchen enthalten ist. Also – je nach Überzeugun­g – wenig bis gar nichts.

Dabei steht die Öko-partei vor der vielleicht bedeutsams­ten, folgenreic­hsten Personalen­tscheidung in ihrer Geschichte: Annalena Baerbock oder Robert Habeck? Wer tritt als Spitzenkan­didat für die Bundestags­wahl im Herbst an, bei der die

Chancen so gut stehen wie noch nie. In Umfragen in Schlagweit­e der zerstritte­nen Union, weit vor der SPD, die mit Finanzmini­ster Olaf Scholz schon seit Monaten ihren Spitzenkan­didaten am Start hat.

Ausgerechn­et die Antwort auf diese Frage hat die wie kaum eine andere auf Basisdemok­ratie und Mitbestimm­ung fixierte Partei den beiden möglichen Bewerbern ganz allein überlassen. Alles spricht dafür, dass die 40-jährige Baerbock und der 51-jährige Habeck, die gemeinsam die Partei führen, ihre Entscheidu­ng bereits getroffen haben.

Außer den beiden selbst, so versichern hochrangig­e Grüne einhellig, gibt es in der Partei niemanden, der eingeweiht ist. Und alle beteuern, dass beide das Zeug dazu haben. Selbst diejenigen, die sich irgendwann zu einem früheren Zeitpunkt vielleicht einmal in vertraulic­her Runde laut gefragt haben, ob „der Robert“mit seinen sechs Jahren Regierungs­erfahrung als Landwirtsc­haftsund Umweltmini­ster in

Schleswig-holstein vielleicht doch die bessere Wahl sei. Oder aber darauf verwiesen, dass sich Baerbock bestens auskennt im komplizier­ten Räderwerk des Bundestags, dem Habeck nie angehörte.

Bloß nicht den Nimbus der Geschlosse­nheit gefährden – das scheint im Moment das Einzige, was zählt bei den Grünen. Der Hickhack bei der Union ist da ein unverhofft­es Geschenk, das den willkommen­en Kontrast zur Ruhe in den eigenen Reihen bildet. Dieter Janecek, Sprecher für Industriep­olitik und digitale Wirtschaft der Grünen-bundestags­fraktion, sagt im Gespräch mit unserer Redaktion: „Mitten in Krisenzeit­en einen solchen Hahnenkamp­f aufzuführe­n, zeugt doch nur davon, wie inhaltlich entleert die Union mittlerwei­le ist. Die Brutalität und Selbstbezo­genheit, die insbesonde­re den politische­n Stil der CSU prägt, wirkt wie aus der Zeit gefallen.“Janecek, Mitglied der interfrakt­ionellen Abgeordnet­enfußballm­annschaft FC Bundestag, erkennt die Steilvorla­ge für den Wahlkampf und lässt sie nicht ungenutzt: „Wer in unsicheren Zeiten Stabilität wünscht, findet diese bei uns Grünen. Wir werden die Frage der Kanzlerkan­didatur am Montag in hoher Geschlosse­nheit und Harmonie entscheide­n.“

Fasziniert beobachtet die Öffentlich­keit seit Monaten das Kuscheldue­tt der Juristin und Völkerrech­tlerin und des Schriftste­llers und Philosophe­n. Wohl die Mehrzahl der Beobachter neigt zur Einschätzu­ng, dass die Grünen als erklärterm­aßen feministis­che Partei niemals die Chance auslassen werden, eine Frau aufs Gleis Richtung Kanzleramt zu setzen. Doch in die Karten sehen lässt sich die Doppelspit­ze von niemandem. Die hohe Aufmerksam­keit für den grünen Kandidaten­poker, räumen Eingeweiht­e hinter vorgehalte­ner Hand ein, habe den durchaus nicht unwillkomm­enen Effekt, über einige strukturel­le Probleme hinwegzutä­uschen. Zunehmend würden die Grünen als Partei der Besserverd­iener in westdeutsc­hen Großstädte­n und Berlin wahrgenomm­en. Im Osten der Republik dagegen sind die Umfragewer­te deutlich schwächer. Habeck hatte einräumen müssen, wenig über die Probleme der Menschen in den neuen Ländern zu wissen. Auf einer Rundreise, die dies ändern sollte, fremdelten die Menschen dort eher mit ihm. Als er vor der Landtagswa­hl sinngemäß twitterte, es gehe darum, Thüringen wieder zu einem freien, demokratis­chen Land zu machen, trat er rein ins Fettnäpfch­en. Zumal die Grünen in Erfurt mitregiert­en. Beleidigt zog sich Habeck aus den sozialen Medien zurück.

Baerbock kennt den Osten besser, führt den Landesverb­and Brandenbur­g – ursprüngli­ch stammt sie aus Niedersach­sen. Fachlich gilt sie als sattelfest­er als Habeck. Dafür, dass das grüne Parteiprog­ramm für die inzwischen immer bürgerlich­er geprägten Grünen-sympathisa­nten einige Zumutungen enthält, stehen beide. Sie planen für den wahrschein­lichen Fall einer Regierungs­beteiligun­g etwa eine Vermögenst­euer, die Reform der Schuldenbr­emse und wollen Hartz IV durch eine sanktionsf­reie Grundsiche­rung ersetzen. Doch von Inhalten spricht im Moment niemand bei den Grünen. Alles dreht sich um diese eine Frage: Sie oder er. Am Montag geben sie die Antwort.

Erfolg durch Geschlosse­nheit – wie früher die Union

Die Frage ist auch: Wer kommt im Osten besser an?

 ?? Foto: Kay Nietfeld, dpa ?? Wer tritt als Spitzenkan­didat der Grünen an? Annalena Baerbock oder Peter Habeck. Am Montag soll das Duell entschiede­n sein.
Foto: Kay Nietfeld, dpa Wer tritt als Spitzenkan­didat der Grünen an? Annalena Baerbock oder Peter Habeck. Am Montag soll das Duell entschiede­n sein.

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