Augsburger Allgemeine (Ausgabe Stadt)

China wächst um 18,3 Prozent

Wie kaum ein anderes Land der Welt hat sich die Wirtschaft von der Corona-epidemie erholt. Die Autoverkäu­fe knüpfen an früheres Wachstum an und die Entwicklun­g sei längst nicht am Ende, sagt Experte Ferdinand Dudenhöffe­r

- VON MICHAEL KERLER UND STEFAN KÜPPER

Augsburg Wenn am Montag die Auto Shanghai eröffnet, könnte in China die Corona-krise fast in Vergessenh­eit geraten. Zumindest wirtschaft­lich. Denn Chinas Wirtschaft hat diese weitgehend überwunden und wächst schon wieder rekordmäßi­g: Wie das Pekinger Statistika­mt am Freitag mitteilte, legte die zweitgrößt­e Volkswirts­chaft der Welt in den ersten drei Monaten um 18,3 Prozent zu im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres. Es handelt sich um den größten Sprung seit Beginn der quartalswe­isen Auswertung vor gut 30 Jahren.

Chinas Regierung hatte im bevölkerun­gsreichste­n Land der Welt eine „Null-covid-strategie“verfolgt. Ein rigoroser Lockdown und scharfe Einreiseko­ntrollen führten dazu, dass – von kleineren lokalen Ausbrüchen abgesehen – bereits seit gut einem Jahr nur noch sehr wenige Corona-fälle auftreten. Seitdem befindet sich die Wirtschaft auf Erholungsk­urs.

Generell habe sich im ersten Quartal eine „stabile Erholung“fortgesetz­t, teilte Chinas Nationales Statistika­mt mit. „Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass sich die

immer noch weltweit ausbreitet“, so die Behörde weiter, die vor Unsicherhe­iten und möglicher Instabilit­ät warnte.

Der Internatio­nale Währungsfo­nds (IWF) schätzt, dass die chinesisch­e Wirtschaft in diesem Jahr um weitere 8,1 Prozent zulegen könnte. Die chinesisch­e Regierung ist vorsichtig­er und legte ihr offizielle­s Wachstumsz­iel auf dem gerade in Peking zu Ende gegangenen Volkskongr­ess auf einen Wert von „über sechs Prozent“fest.

Besonders ein starker Außenhande­l half Chinas Wirtschaft zuletzt auf die Sprünge. Chinas Fabriken liefen auf Hochtouren, um medizinisc­he Güter wie Corona-tests und Schutzmask­en in alle Welt zu exportiere­n. Auch Laptops und andere Ausstattun­g für das Homeoffice kommen oft aus China. Die Industriep­roduktion zog im ersten Quartal um 24,5 Prozent an. Gut entwickelt­e sich in den ersten drei Monaten auch der Binnenkons­um. Wie schon in der Finanzkris­e 2008 hilft China, der Weltwirtsc­haft Schwung zu verleihen. Deutsche Autobauer und auch viele andere Firmen, die auf dem chinesisch­en Markt agieren, konnten sich dort zuletzt über üppige Gewinne freuen.

Wie Paul Berenberg-gossler aus der Abteilung Konjunktur­politik am Deutschen Institut für Wirtschaft­sforschung (DIW) im Gespräch mit unserer Redaktion erläuterte, scheinen die neuesten Quartalsza­hlen im Vergleich zum Vorjahresq­uartal natürlich ungewöhnli­ch stark, sind aber vor allem auf einen statistisc­hen Effekt der Vergleichs­periode zurückzufü­hren. „Während die Effekte der Coronakris­e in Europa erst später zu spüren waren, so kam es in China im ersten Quartal 2020 zu einem fast Totalstill­stand. Damals brach das Wirtschaft­swachstum im Vergleich zum Vorquartal um satte 9,7 Prozent ein. Im Vergleich zum vierten Quartal 2020 wuchs die chinesisch­e Wirtschaft im jetzigen ersten Quartal 2021 um bescheiden­ere 0,6 Prozent.“

Woher aber kommt aus seiner Sicht das Wachstum? Berenbergg­ossler bestätigt: „Vor allem zu Beginn der Corona-krise in der westlichen Welt hat China stark von der ausländisc­hen Nachfrage nach Datenverar­beitungsge­räten, medizinisc­her Schutzklei­dung und diversen medizinisc­hen Produkten profitiert. Chinas Konjunktur – insbesonde­re die Industrie – läuft somit seit dem zweiten Quartal 2020 auf Hochtouren.“Dieser Effekt, so die Einschätco­vid-19-pandemie zung des Wissenscha­ftlers, dürfte aber längerfris­tig nachlassen.

Der Automarkt aber boomt. Das belegt die jüngste Studie Ferdinand Dudenhöffe­rs zur Shanghai Autoshow, die unserer Redaktion vorliegt. „China fährt allen davon“, schreibt der Leiter des Center Automotive Research. „Das Wirtschaft­swachstum ist enorm und das spürt man ganz besonders im Automarkt“, erklärt Dudenhöffe­r. „Der größte Automarkt der Welt ist 2021 dabei, seinen Abstand zum Rest der

Welt erheblich zu erweitern.“In den ersten drei Monaten dieses Jahres seien die Autoverkäu­fe in China im Vergleich zum Vorjahresz­eitraum um satte 76 Prozent gestiegen, berichtet Dudenhöffe­r. Der Anstieg sei zum großen Teil zwar auf den Corona-lockdown vor einem Jahr zurückzufü­hren, doch Dudenhöffe­r geht von weiterem Wachstum der Verkäufe aus. Für das Gesamtjahr erwarte er 24,7 Millionen Pkw-verkäufe in China.

Grund für die Wachstumsh­offnung sei, dass der chinesisch­e Automarkt zwar der größte der Welt, aber längst nicht gesättigt sei. Zu Beginn des Jahres 2021 seien auf chinesisch­en Straßen 287 Millionen Fahrzeuge gefahren. „Bei 1400 Millionen Menschen entspricht dies einer Fahrzeugdi­chte von 205 Fahrzeugen pro 1000 Einwohner“, rechnet Dudenhöffe­r vor. Zum Vergleich: In den USA betrage die Fahrzeugdi­chte 871 Autos pro 1000 Einwohner. China habe also noch großes Wachstumsp­otenzial.

Unter den Premiumher­stellern profitiert davon vor allem Mercedes, dicht gefolgt von BMW, dann kommen Audi und Tesla. Im ersten Quartal dieses Jahres habe Mercedes in China 222500 Neuwagen abgesetzt. Tesla kommt nur rund auf ein

Drittel – holt aber auf. Dazu kommen viele chinesisch­e Hersteller, die auf der Shanghai Auto-show eine große Rolle spielen werden. Firmen wie Geely mit seiner Marke ZEEKR, Great Wall Motor oder das Start-up Xpeng sind in Europa kaum bekannt, in China aber gewinnen die heimischen Hersteller an Boden. Neben Tesla streben chinesisch­e Marken selbst ins Premiumseg­ment, berichtet Dudenhöffe­r. „So etwa die Marke Hongqi, die als Premiumtoc­hter des chinesisch­en Faw-konzerns bereits Volvo im ersten Quartal überholte“, sagt der Experte.

Die Konsequenz sei, dass an China für die deutschen Hersteller längst kein Weg mehr vorbeigeht: „Die Automesse in Shanghai zeigt die Stärke des Reichs der Mitte: selbstbewu­sste chinesisch­e Autobauer, die mit Hightech auftrumpfe­n, eine selbstbewu­sste Nation, die in hohem Tempo und mit unvergleic­hbarer Dynamik Technologi­ethemen nach vorne treibt“, sagt der Autofachma­nn.

„Es ist wichtig, einen vernünftig­en Austausch mit China zu haben“, mahnt Dudenhöffe­r deshalb. „Sich zu isolieren und zu glauben, mit Sanktionen die Welt zu verändern, ist falsch.“

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Foto: An Tu, dpa Die Messe in Shanghai wird bereits wie‰ der vor Ort stattfinde­n.

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