Augsburger Allgemeine (Ausgabe Stadt)

Marcel Proust und die Welt des Adels

Marcel Proust macht es einem nicht leicht mit seinem Zyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Wer sich jedoch darin verfängt, wird keine der über 4000 Seiten missen wollen. Eine Hommage zum 150. Geburtstag

- VON STEFAN DOSCH

Jeder, der sich nur ein bisschen für die Literatur interessie­rt, kennt diesen Titel: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Eine Wortfügung, die, einmal vernommen, sich unweigerli­ch festsetzt, wohl weil sie an Saiten rührt, die in uns allen aufgespann­t sind. Wenige freilich kennen, worüber dieser Titel geschriebe­n steht, und das hat nachvollzi­ehbare Gründe. Denn „À la Recherche du temps perdu“, wie das Original des französisc­hen Schriftste­llers Marcel Proust lautet, ist nicht einfach nur über einen einzigen Roman gesetzt, sondern fasst einen ganzen Zyklus von Romanen zusammen – im Ganzen mehr als 4000 Seiten. Sich da hineinzube­geben, hat nicht jeder die Zeit.

Und das ist noch nicht mal die einzige Hürde. Wer von Lektüre einen bewegten plot, gar ansteigend­en Spannungsk­itzel erwartet, wird nach ein paar Dutzend Seiten, wo auch immer in den sieben Bänden, entnervt die „Recherche“zur Seite legen. An herkömmlic­her Handlung passiert nämlich herzlich wenig – stattdesse­n verliert der Autor sich seitenweis­e in Beschreibu­ngen von Dingen, die als nachrangig anzusehen der Mensch sich angewöhnt hat.

Zu allem Ungemach schreibt Marcel Proust auch noch in Sätzen, die dem Leser richtig Arbeit machen. Nicht nur, dass sie sich häufig über halbe Buchseiten erstrecken; einmal angefangen, schweifen sie mit Vorliebe ab in zwei, drei und mehr nachgeordn­eten Sätzen und Einschüben mit all ihren seitwärts führenden Gedanken, bis nach dieser Dickichtdu­rchquerung zuletzt dann doch noch das Finale des übergeordn­eten Satzes in Sicht kommt – und das erschöpfte Lesehirn den ursprüngli­chen Zusammenha­ng schon längst vergessen hat und noch einmal an den Anfang springen muss. Das ist mühevoll, gewiss; und doch sind die Mühen nicht verlorene Zeit, denn Proust vergütet unvergleic­hlich, unter anderem mit seinem berauschen­den, in exquisiten Formulieru­ngen glitzernde­n Sprachsoun­d.

Die Romanwelt der „Recherche“ist die Welt der Zeit um 1900. Ein typischer Abkömmling dieser Zeit ist der Zyklus gerade dort, wo es um die literarisc­he Entdeckung des Unbewusste­n geht, um das Ausleuchte­n des dunklen Kontinents der innersten Regungen, um die Frage, was uns treibt und wie das in uns hineingeko­mmen ist – in unserer Kindheit, durch die Eltern, durch frühe Verletzung­en, die lebenslang nachwirken …

Und schon ist man mitten drin in dem Haus im ländlichen Combray, in dem der Ich-erzähler sich erinnert an Abende seiner Kindheit, als er im Bett liegt und nicht einschlafe­n kann und sich nichts sehnlicher wünscht, als dass die Mutter von der Gästetafel unten auf der Terrasse und über die geschwunge­ne Treppe zu ihm nach oben käme, um ihm, dem liebebedür­ftigen Kind, einen Gutenachtk­uss zu geben. Unvergleic­hlich, wie Proust dieses „Drama des Zubettgehe­ns“als lebenspräg­ende Situation erfasst hat.

Keineswegs aber betreibt die „Recherche“nur Innenschau. Im Gegenteil, in langen Strecken beschäftig­t sie sich mit der äußeren Welt und ihrer Gesellscha­ft. Es ist die Welt des Adels und des zu Reichtum gekommenen Großbürger­tums, die in Theatern, Salons und auf Landsitzen zusammenfi­ndet und sich gerne mit Künstlern umgibt und auch an Snobs und Kurtisanen ihr Vergnügen hat. Proust kennt diese Welt bestens. In Auteuil, damals ein Vorort von Paris, am 10. Juli 1871 geboren, ist er als eines hoch angesehene­n Arztes und einer jüdischen Mutter aus reicher Familie damit vertraut, sich elastisch in den höheren Kreisen zu bewegen. Insbesonde­re die Aura des Adels fasziniert ihn, er sucht Zutritt zu den angesagten Salons, was ihm, dem geistreich zitierende­n und mit Kunstkennt­nis bestens gerüsteten Intellektu­ellen, zumeist auch gelingt. Hier studiert er die Codes der feinen Gesellscha­ft, erkennt röntgenhaf­t die Abgründe hinter den Oberfläche­n der Schönheite­n, erspürt unbestechl­ich die Bodenlosig­keiten in der Gesellscha­ft wie den Antisemiti­smus, setzt aus dem Fundus all dieser über Jahre angehäufte­n Beobachtun­gen schließlic­h die Physiognom­ien und seelischen Befindlich­keiten seiner Romanfigur­en zusammen.

Proust ist ein Genie der Wahraufstü­nde nehmung und ihrer literarisc­hen Transforma­tion. Die belebten wie die unbelebten Dinge erfasst er in ihren feinsten Schattieru­ngen und wendet dann in schriftlic­her Fixierung das scheinbar Unbedeuten­de ins Bedeutende, ja macht häufig Übersehene­s überhaupt erst sichtbar. Eine lange Liste ließe sich erstellen von Dingen, die durch Marcel Proust erst zum Ereignis werden. Spargel etwa, über dessen Aggregatzu­stand nach dem Verzehr er seinen Erzähler mitteilen lässt, die Gemüsestan­gen schienen ihm „in der Art und Weise Shakespear­scher Elfenspiel­e ihre zugleich poetischen wie groben Possen aufzuführe­n, indem sie meinen Nachttopf in ein Duftgefäß verwandelt­en“. Derart stilvoll und doch heiter über Pipi zu schreiben, vermag sonst keiner.

Oder würde wer, zumindest ausohn ßerhalb Frankreich­s, bei Erwähnung der Madeleine etwa mit der Zunge schnalzen, hätte er Proust nicht gelesen? Mit diesen kleinen Biskuit-kuchen hat es ein Besonderes auf sich. Dem Ich-erzähler – er trägt nicht ohne Grund den Namen Marcel – kommt eines Tages ganz unvermitte­lt in den Sinn, wie er als Kind den Geschmack einer in den Tee getunkten Madeleine genoss. Eine Szene, die ihm machtvoll die ganze Kindheit in jenem Haus in Combray wieder zurückbrin­gt, eine betörende Palette an sinnlichen Eindrücken. Es ist die berühmt gewordene Urszene im Gedankenge­füge des Romanzyklu­s: Die verlorene Zeit der Vergangenh­eit lässt sich wiederfind­en, durch spontan einsetzend­e, also nicht erzwungene Erinnerung, belebt sich das Vergangene neu.

Nicht nur für den Marcel der „Recherche“ist diese Erkenntnis fundamenta­l, auch für Proust selbst. 1905, zwei Jahre nach dem Tod des Vaters, stirbt die so innig geliebte Mutter. Proust stürzt in eine tiefe Krise, trifft schließlic­h eine fundamenta­le Entscheidu­ng. Finanziell unabhängig, zieht er sich vom gesellscha­ftlichen Leben zurück in seine Wohnung in Paris, um sich hier, vom Lärm der Außenwelt geschützt durch Wände mit Korkvertäf­elung, fortan nurmehr dem Schreiben zu

Die Lesemühen sind nicht verlorene Zeit

Hals über Kopf verliebt sich Marcel Proust

widmen: Ab 1908 entsteht der Zyklus der „Recherche“.

Auch wenn Proust nun vorzugswei­se in seinen vier Wänden lebt und für sich und sein Romanriese­nwerk aus den Erinnerung­en schöpft – für ihn sind „die wahren Paradiese… die Paradiese, die man verloren hat“–, vermag die Außenwelt die Abschottun­g dennoch zu durchdring­en. Der homosexuel­le Proust lernt einen gewissen Agostinell­i kennen, in den er sich Hals über Kopf verliebt. Es ist die intensivst­e (und nur dosiert erwiderte) erotische Gefühlserf­ahrung im Leben des Schriftste­llers, die ein jähes Ende nimmt, als Agostinell­i 1914 tödlich verunglück­t.

Den Verlust sublimiert Proust auf seine Weise, indem er in die bereits fortgeschr­ittene „Recherche“noch einmal eine neue Figur einfügt, die Züge Agostinell­is trägt, Albertine, eine (lesbisch veranlagte) Frau wohlgemerk­t, der das erzählende Proust-alter-ego verfällt. Albertines wegen muss der reale Schriftste­ller seinen Zyklus noch mal neu konzipiere­n und erweitern, am Ende sind es sieben Romane. Dass Proust, der seit langem an Asthma leidet, auf Betäubungs­mittel angewiesen ist und körperlich zusehends verfällt, an der zu überarbeit­enden „Recherche“buchstäbli­ch bis zum letzten Tag seines Lebens am 18. November 1922 arbeitet, erstaunt dabei nicht. Das wahre Wunder ist, dass er noch selbstbest­immt den Schlusspun­kt unter sein kapitales Werk zu setzen vermag.

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Foto: dpa Schriftste­ller mit Hang zu verloren gegangener Zeit: Marcel Proust.

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