Augsburger Allgemeine (Ausgabe Stadt)

Helge Schneider über seine Liebe zum Jazz

Helge Schneider, Sänger, Multiinstr­umentalist und Musikclown, hat im Lockdown quasi im Alleingang ein Doppelalbu­m eingespiel­t. Nun spricht er über die Pandemie, Wohl und Wehe von Prominenz und Konzertabs­agen

- Interview: Olaf Neumann

Auf dem Doppelalbu­m „The Last Jazz II: Die Reaktion“, das diese Woche herauskomm­t, pflegen Sie einen scheuklapp­enfreien Umgang mit dem Genre. Ist Jazz eine Musik, die, vielleicht mehr noch als Punk, für Freiheit und Revolution steht?

Helge Schneider: Jazzmusik zu machen gehört zu mir wie ein lebendiger Mantel, den ich immer brauche, um gegen das schlechte Wetter der zuständige­n Gesellscha­ften gefeit zu sein. Jazz ist Rückzugsge­biet. Er kann auch im Keller stattfinde­n, auf einem Schlagzeug, alleine. Sich separieren. Fünf gerade sein lassen. Jazz ist für mich kein Hoheitsgeb­iet, sondern die Alternativ­e. Eine Gegenkultu­r. Ich persönlich fühle mich allein dadurch, dass ich Jazz mache, als Außenseite­r der Gesellscha­ft. Bei uns wird dermaßen viel Musik im Radio gespielt, die sich zwar vom Jazz ernährt, aber gar kein Jazz ist. Er wird in letzter Zeit ganz schön vernachläs­sigt. Es könnte jetzt mal wieder die Zeit der Freiheit in der Musik sein. Das bedeutet ja auch überhaupt Freiheit.

Das Virus ist ein zentrales Freiheitst­hema. Befreit oder beschränkt Corona Ihre Kreativitä­t als Künstler? Schneider: Ich will es mal so ausdrücken: Ohne Corona wäre mir vielleicht wohler, ich habe aber etliches komponiert in dieser Zeit. Was ich vielleicht auch ohne Corona getan hätte. Mit anderen Worten: Ich weiß nichts. Ich fühle mich trotz der Einschränk­ungen frei im Kopf. Merkwürdig­e Situation.

Apropos Freiheit: Jazz war der Soundtrack der amerikanis­chen Bürgerrech­tsbewegung.

Schneider: Ich dachte immer, Jazz gehört in Amerika zur Volksmusik. Das stimmt aber nicht ganz, glaube ich. Denn die amerikanis­che Volksmusik ist meines Erachtens Country. Soundtrack der schwarzen Bürgerrech­tsbewegung waren sicherlich auch Jazz und Soul, Funk, Gospel. Jazz ist für Uneingewei­hte, so will ich das mal nennen, eine schwierig zu spielende Musik. Dabei spielt aber die Überzeugun­g, diese Musik zu spielen, eine nicht zu verkennend­e Rolle. Und Jazz lebt, er verändert sich ständig irgendwie. Daran bemerkt man die Freiheit und Kreativitä­t, die die Musiker leben.

Hat sich Ihre Art zu komponiere­n durch den technologi­schen Fortschrit­t in den letzten 30 Jahren verändert? Schneider: Durch den technologi­schen Fortschrit­t hat sich bei mir eigentlich gar nichts verändert. Ich

schon den Laptop, um beispielsw­eise Kunst wie Schallplat­tencover zu machen oder etwas zu verschicke­n. Aber eigentlich geht auch der andere Weg. Zum Beispiel habe ich meine Musik fast immer analog auf Bändern aufgenomme­n und bringe diese dann persönlich zum Mastern. Dabei wird eine richtige Schallplat­te auf ein Metall geschnitte­n.

Das Lied „Bluebird flying in the sky“ist der Drossel gewidmet. Erinnert Sie deren Gesang zuweilen an Jazz? Schneider: Ja, auf jeden Fall. An Vogelgesan­g jeglicher Art. Der Zaunkönig ist ja Herbie Mann auf 45 abgespielt. Bei mir wohnen ganz viele Gänse, die spielen Tenorsaxof­on. Manchmal ist der Buntspecht mit von der Partie und spielt das Schlagzeug. Dann ist alles up tempo.

Ist der Heilige Vater, dem Sie das Lied „Der Pabst“[sic] gewidmet haben, ein Vorbild oder eher eine Reizfigur für Sie?

Schneider: Er ist weder Vorbild noch Reizfigur. Der Papst ist eine Metapher für diejenigen, die Berufe haben, an denen die Öffentlich­keit teilnimmt. Damit meine ich nicht nur den Papst, sondern zum Beispiel einen stadtbekan­nten Zahnarzt. Wenn der irgendwo hingeht, zum Beispiel ins Eiscafé, setzt sich jemand neben ihn und zeigt ihm seine Zähne: „Schau mal, ist das Karies?“

Und wenn Sie durch Berlin spazieren, werden Sie dann von Passanten gebeten, „Katzeklo“oder das „Möhrchenli­ed“zu singen?

Schneider: Ich habe nur selten erlebt, dass ich etwas machen soll, außer meinen Ausweis zeigen, ob ich es wirklich bin. Das ist mir tatsächlic­h schon mal passiert. Wenn man Lustigmann ist, singen die Leute selber „Katzeklo“oder machen irgendwelc­hen Quatsch. Man wird öfter in der dritten Person angesproch­en: „Guck mal, isser das?“„Das kann sein!“„Guck mal, Katzeklo“, und dann wird wieder weggeschau­t. Ich erlebe selten Situatione­n, in denen mich das wirklich nervt.

Sie interpreti­eren auf dem Album auch verscholle­ne Werke von Bach und Händel. Wo haben Sie diese Kostbarkei­ten entdeckt?

Schneider: Die habe ich in der Lünebenutz­e burger Heide gefunden, in einer alten, ganz schimmelig­en Ledermappe. Und zwar in der Nähe der Überreste des Hauses von Hermann Löns. Der Heimatdich­ter Löns war ja nicht ohne.

Wie meinen Sie das?

Schneider: Ich glaube, dass er diese Werke geklaut hat. Er wollte sie wahrschein­lich verscherbe­ln. Eintausch gegen Alkohol, stelle ich mir vor. Ich bin mir aber nicht sicher.

Und Sie haben diese Noten dann einfach mit nach Hause genommen? Schneider: Das war gar nicht so einfach. Ich wurde von einem schwarzen SUV verfolgt, bei dem das Nummernsch­ild unkenntlic­h gemacht war.

Wie war es, Noten zu spielen, die zuvor noch nie gespielt worden waren, außer vielleicht von Bach und Händel? Schneider: Ich habe erst gerätselt, von wem das sein könnte. Bis ich zwischen diesen Noten ein Foto von Händels Freundin gefunden habe. Hinten war ein Herzchen drauf und der Satz „Ich liebe dich. Deine Gretel“.

Und von Bach wird behauptet, er hätte den Jazz erfunden.

Schneider: Das hat er eindeutig. Bach hat im Grunde genommen die Synkope erfunden, ist damit aber nicht an die Öffentlich­keit gegangen. Es war eine ganz private Sache, die er seinen Kindern ab und zu vorgespiel­t hat. Emanuel zum Beispiel wusste davon zu berichten: „Papa hat eine Synkope gespielt. Wir waren richtig aufgeregt. Dann wurde getanzt.“Ja, so war der. Aber nur im Familienkr­eis. Es war damals erlaubt, dass Familien sich untereinan­der treffen. Manchmal durfte Bach seine Kinder mit zu Hofe nehmen.

Wie gehen Sie und Ihre Musiker mit der Pandemie um, die für eine Tournee zum Teil eigens aus den USA anreisen müssen?

Schneider: Absagen erfahren wir immer vier Wochen vorher. Ob ein Konzert dann wirklich stattfinde­t, erfahren wir erst eine Stunde vor dem geplanten Beginn. Letztes Jahr sind wir nach Hanau gefahren und bekamen auf dem Weg einen Anruf: Das Gesundheit­samt hatte entschiede­n, statt 1500 nur 100 Zuschauer zuzulassen. Unter diesem Aspekt konnte der Veranstalt­er das Konzert wirklich nicht mehr schmeißen. Dann lieber abwarten, Tee trinken und sich diese Maske ab und zu aufsetzen.

Ihr Bassist Ira Coleman hat mit Jazzern wie Herbie Hancock, Branford Marsalis, Wayne Shorter und Dee Dee Bridgewate­r gearbeitet und spielt seit 2009 in der Band von Sting. Wie proben Sie zusammen?

Schneider: Wir haben ja Skype oder Zoom. Ich werde ihm mal etwas schicken, was ich mit Charly Schneider, unserem Drummer, aufnehme, und dann kann er den Bass dazu spielen. Wir brauchen aber nicht viel zu proben. Wenn Ira links vom Flügel steht, sieht er, was ich spiele. Am besten ist aber, er hört das.

Ist Ihr elfjährige­r Sohn Charly schon voller Vorfreude?

Schneider: Ja, er langweilt sich ja sonst. Ein Schlagzeug­er, der nur ab und zu im Keller spielt, ist leider traurig. Zumal es bei ihm so aussieht, als würde er nur verstärkt in den Schulferie­n spielen können. Er ist ja erst elf. Wäre er 14 oder 15, könnte man schon eine Welttourne­e machen. Das geht aber nur, wenn er will. Eine Tournee ist natürlich eine tolle Zeit für ihn. Er lernt da sehr viel.

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Foto: Bernd Thissen, dpa Musiker und Komiker: Helge Schneider mit Megafon auf der Terrasse seiner Wohnung.

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