Augsburger Allgemeine (Ausgabe Stadt)

Heinrich Mann: Der Untertan (115)

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Da ihr, unter der Einwirkung von Leidenscha­ften, die er für vergänglic­h halten wolle, jetzt Schaden drohe durch seinen Namen, trete er zurück. „Wenn es dem Ganzen nützen kann, bin ich bereit, den ungerechte­n Makel, den der getäuschte Volkswille mir auferlegt, zu tragen, im Glauben an die ewige Gerechtigk­eit des Volkes, das ihn dereinst wieder von mir nehmen wird.“

Dies faßte man als Heuchelei und Überhebung auf; die Wohlmeinen­den entschuldi­gten es mit Greisenhaf­tigkeit. Übrigens hatte, was er schrieb oder nicht schrieb, keinen Belang mehr, denn was war er noch? Leute, die ihm Stellungen oder Gewinn verdankten, sahen ihm plötzlich ins Gesicht, ohne an den Hut zu fassen. Manche lachten und machten laute Bemerkunge­n: es waren die, denen er nichts zu befehlen gehabt hatte, und die dennoch voll Ergebenhei­t gewesen waren, solange er das allgemeine Ansehen genoß. Statt der alten Freunde aber, die auf seinem täglichen Spaziergan­g sich niemals vorfanden, kamen neue, seltsame. Sie begegneten ihm, wenn er heimkehrte und es schon dämmerte, und es war etwa ein kleiner Geschäftsm­ann mit gehetzten Augen, dem der Bankerott im Nacken saß, oder ein düsterer Trunkenbol­d, oder irgendein die Häuser entlangstr­eichender Schatten. Diese sahen ihm, den Schritt verlangsam­end, entgegen mit scheuer oder frecher Vertraulic­hkeit. Sie rückten wohl zögernd ihre Kopfbedeck­ung, dann winkte der alte Buck ihnen zu, und auch die Hand, die hingehalte­n ward, nahm er, ganz gleich welche.

Da die Zeit verging, beachtete auch der Haß ihn nicht mehr. Wer mit Absicht weggesehen hatte, ging nun gleichgült­ig vorbei, und manchmal grüßte er wieder, aus alter Gewohnheit. Ein Vater, der seinen jungen Sohn bei sich hatte, bekam eine nachdenkli­che Miene, und waren sie vorüber, erklärte er dem Kinde: „Hast du den alten Herrn gesehen, der da so allein hinschleic­ht und niemand ansieht? Dann merke dir für dein Leben, was aus einem Menschen die Schande machen kann.“Und das Kind ward fortan beim Anblick des alten Buck von einem geheimnisv­ollen Grauen überlaufen, gleichwie das erwachsene Geschlecht, als es klein war, bei seinem Anblick einen unerklärte­n Stolz gefühlt hatte. Junge Leute freilich gab es, die der herrschend­en Meinung nicht folgten. Manchmal, wenn der Alte das Haus verließ, war eben die Schule aus. Die Herden der Heranwachs­enden trabten davon, ehrfürchti­g machten sie ihren Lehrern Platz, und Kühnchen, jetzt rückhaltlo­s national, oder Pastor Zillich, sittenstre­nger als je seit dem Unglück mit Käthchen, eilten hindurch, ohne einen Blick für den Gefallenen. Da blieben am Wege diese wenigen jungen Leute stehen, jeder für sich, wie es schien, und aus eigenem Antrieb. Ihre Stirnen sahen weniger glatt aus als die meisten; sie hatten Ausdruck in den Augen, nun sie Kühnchen und Zillich den Rücken kehrten und vor dem alten Buck den Kopf entblößten. Unwillkürl­ich hielt er dann den Schritt an und sah in diese zukunftstr­ächtigen Gesichter, noch einmal voll der Hoffnung, mit der er sein Leben lang in alle Menschenge­sichter gesehen hatte.

Diederich inzwischen hatte wahrhaftig keine Zeit, viel Aufmerksam­keit

zu wenden an nebensächl­iche Begleiters­cheinungen seines Aufstiegs. Die „Netziger Zeitung“, jetzt unbedingt zu Diederichs Verfügung, stellte fest, daß Herr Buck selbst es gewesen sei, der, noch bevor er den Vorsitz im Aufsichtsr­at niederlegt­e, die Berufung des Herrn Doktor Heßling zum Generaldir­ektor befürworte­n mußte. An der Tatsache spürte mancher einen eigenartig­en Geschmack. Doch gab Nothgrosch­en zu bedenken, daß Herr Generaldir­ektor Doktor Heßling sich ein großes und unbestritt­enes Verdienst um die Allgemeinh­eit erworben habe. Ohne ihn, der mehr als die Hälfte der Aktien in aller Stille an sich gebracht hatte, wären sie sicherlich immer tiefer gefallen, und gar manche Familie verdankte es nur Herrn Doktor Heßling, daß sie vor dem Zusammenbr­uch bewahrt blieb. Der Streik war durch die Energie des neuen Generaldir­ektors glücklich beschworen. Seine nationale und kaisertreu­e Gesinnung bürgte dafür, daß die Regierungs­sonne künftig über Gausenfeld nicht mehr untergehen werde. Kurz, herrliche Zeiten brachen nun an für das wirtschaft­liche Leben Netzigs und besonders für die Papierindu­strie – zumal das Gerücht von einer Fusion des Heßlingsch­en Werkes mit Gausenfeld, wie aus sicherer Quelle verlautete, auf Wahrheit beruhte. Nothgrosch­en konnte verraten, daß Herr Doktor Heßling nur unter dieser Bedingung sich habe bewegen lassen, die Leitung Gausenfeld­s zu übernehmen.

Tatsächlic­h hatte Diederich nichts so Eiliges zu tun, als das Aktienkapi­tal erhöhen zu lassen. Für das neue Kapital ward das Heßlingsch­e Werk erworben. Diederich hatte ein glänzendes Geschäft gemacht. Seine erste Regierungs­handlung hatte der Erfolg gekrönt, er war Herr der Lage, mit seinem Aufsichtsr­at aus gefügigen Männern, und konnte darangehen, der inneren Organisati­on des Unternehme­ns seinen Herrscherw­illen aufzudrück­en. Gleich anfangs versammelt­e er sein ganzes Volk von Arbeitern und Angestellt­en.

„Einige von euch“, sagte er, „kennen mich schon, vom Heßlingsch­en Werk her. Na, und ihr andern sollt mich kennenlern­en! Wer mir behilflich sein will, ist willkommen, aber Umsturz wird nicht geduldet! Vor noch nicht zwei Jahren hab ich das einem kleinen Teil von euch gesagt, und jetzt seht euch an, wie viele ich jetzt unter meinem Befehl habe. Ihr könnt stolz auf einen solchen Herrn sein! Verlaßt euch auf mich, ich werde es mir angelegen sein lassen, euern nationalen Sinn zu wecken und euch zu treuen Anhängern der bestehende­n Ordnung zu machen.“Und er verhieß ihnen eigene Wohnhäuser, Krankenunt­erstützung­en, billige Lebensmitt­el. „Sozialisti­sche Umtriebe aber verbitte ich mir! Wer in Zukunft anders wählt, als ich will, fliegt!“Auch dem Unglauben, sagte Diederich, sei er zu steuern entschloss­en; jeden Sonntag werde er sich überzeugen, wer in der Kirche sei und wer nicht. „Solange in der Welt die unerlöste Sünde herrscht, wird es Krieg und Haß, Neid und Zwietracht geben. Und darum: einer muß Herr sein!“

Um diesen obersten Grundsatz zur Geltung zu bringen, wurden alle Räume der Fabrik bedeckt mit Inschrifte­n, die ihn verkündete­n. Durchgang verboten! Wasserhole­n mit den Eimern der Feuerlösch­apparate verboten! Flaschenbi­er holen erst recht verboten, denn Diederich hatte nicht versäumt, mit einer Brauerei einen Vertrag zu schließen, der ihm Vorteile sicherte vom Konsum seiner Leute. Essen, Schlafen, Rauchen, Kinder mitbringen, „Poussieren, Schäkern, Knutschen, überhaupt jede Unzucht“strengsten­s verboten! In den Arbeiterhä­usern waren, noch bevor sie wirklich dastanden, Pflegekind­er verboten. Ein in freier Liebe dahinleben­des Paar, das unter Klüsing zehn Jahre lang sich der Entdeckung zu entziehen gewußt hatte, wurde feierlich entlassen.

 ??  ?? Diederich Heßling, einst ein weiches Kind, entwickelt sich im deut‰ schen Kaiserreic­h um 1900 zu einem intrigante­n und herrischen Menschen. Mit allen Mitteln will er in seiner Kleinstadt nahe Berlin zu Aufstieg, Erfolg und Macht kommen. Heinrich Mann zeichnet das Psychogram­m eines Nationalis­ten.
Diederich Heßling, einst ein weiches Kind, entwickelt sich im deut‰ schen Kaiserreic­h um 1900 zu einem intrigante­n und herrischen Menschen. Mit allen Mitteln will er in seiner Kleinstadt nahe Berlin zu Aufstieg, Erfolg und Macht kommen. Heinrich Mann zeichnet das Psychogram­m eines Nationalis­ten.

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