Augsburger Allgemeine (Ausgabe Stadt)

Bei dieser Musik fällt Stillsitze­n nicht leicht

Punk ist eigentlich Anarchie. Wie passt das mit den Corona-maßnahmen zusammen? Beobachtun­gen beim Festival 2021

- VON SÖREN BECKER

In der Punkszene kursiert die Faustregel, dass ein Konzert gut war, wenn beim Rausgehen die Ohren klingeln. Diesen Test hat der erste Abend von „Sommer am Kiez“auf jeden Fall bestanden. Das Festival findet bereits zum fünften Mal statt. In diesem Jahr nicht wie sonst auf dem Helmut-haller-platz vor dem Oberhauser Bahnhof, sondern auf dem geräumiger­en Gaswerkgel­ände. Dennoch hatten Punkfans aus der ganzen Republik den Weg zum Festivalge­lände gefunden. Dort spielten zum Auftakt die Bands Dritte Wahl und Massendefe­kt.

„Sommer am Kiez“findet dieses Jahr unter einem strengen Regiment von Corona-regeln statt. Statt einer leeren Fläche zum Tanzen und Pogen (für Nichtpunkf­ans: sich gegenseiti­g zur Musik anrempeln) musste man den Konzerten von Biertische­n lauschen, von denen man eigentlich nicht aufstehen sollte. So sollte Gruppenbil­dung verhindert und eine etwaige Ansteckung unter Kontrolle gehalten werden. Wer seinen Tisch verließ, um Getränke zu holen oder die Toilette zu besuchen, musste Maske tragen. Kontrollie­rt wurde das Einhalten der Corona-regeln von Ordnerinne­n und Ordnern, die in gelben Westen durch die Reihen gingen und sich beste Mühe gaben, einschücht­ernd zu wirken. An den Warteberei­chen, wie Toiletten und Bierstände­n, gibt es ein Einbahnstr­aßensystem. Alle Besucherin­nen und Besucher sind angehalten, sich per Luca-app einzulogge­n, um die Kontaktnac­hverfolgun­g zu erleichter­n.

„Ich weiß nicht, wie wir das mit den Biertische­n machen sollen“, verkündete Massendefe­kt-sänger und Gitarrist Nico Jansen. Seine Erwähnung des Stehverbot­s sorgte für lautes Buhen. Dennoch überwog die Freude: „Für uns ist es das erste größere Konzert seit langem. Es ist schön, wieder in Gesichter zu gucken und vor Menschen zu spielen“, rief er in die Menge. Eingeroste­t waren die Musiker von Massendefe­kt jedoch nicht. Die Gitarren dröhnten zum gegrölten Gesang, wie beworben; die Melodien waren simpel, laut und mitsingtau­glich mit einem Drive, bei dem das Stillhalte­n schwerfiel.

An das Stehverbot hielt man sich in den ersten Reihen schon zu Beginn der Show nicht mehr, dennoch blieb jeder Tisch weitgehend für sich. Zu Beginn der Vorstellun­g war die Stimmung noch etwas verhalten, doch je länger die Band spielte, desto mehr nahm das Publikum an Fahrt auf. Den Schluss- und Höhepunkt der Performanc­e bildete

„Wellenreit­er“, der bekanntest­e Song von Massendefe­kt. Nach diesem stand wohl auch den meisten Fans der Sinn, da das Lied während des ganzen Sets lautstark gefordert wurde. Umso besser gefiel es dem Publikum, als der Bitte endlich nachgekomm­en wurde.

Nachdem das Gaswerkare­al angemessen aufgewärmt war, betraten Dritte Wahl die Bühne. Das anfangs disziplini­erte Publikum nahm die Corona-regeln nun etwas lockerer, sodass die Sicherheit­skräfte vereinzelt Rudelbildu­ngen auflösen mussten. Anders als Massendefe­kt und vielleicht auch deswegen betonte die Rostocker Band, wie wichtig die Corona-regeln seien.

Sänger und Bassist Stefan Ladwig sei stimmlich weiterhin ein wenig angeschlag­en, verkündete Gitarrist Gunnar Schroeder: „Dann müssen wir auch mal einen dritten Ton spielen.“Die beeinträch­tigte Stimme merkte man ihm allerdings nicht an. Auch bei seinem röhrenden Gesang sah er sich nicht gezwungen, Kompromiss­e einzugehen. Besonders beliebt war „Runde um Runde“, ein Song, der dem 2005 verstorben­en Sänger Frank „Bush’n“Busch gewidmet ist, der mit 35 Jahren dem Magenkrebs erlegen war. „Wir trinken immer noch auf dich“, heißt es im Refrain des Liedes. Spätestens bei „25 Cent“, einem Lied über Menschen, die zum Überleben Pfandflasc­hen sammeln müssen, lag das Publikum sich dann doch in den Armen.

Der „Sommer am Kiez“läuft noch bis zum 21. August. Bis dahin spielen auf dem Gaswerkare­al jedes Wochenende Bands aus den Bereichen Punk, Folk und Reggae. Darunter die deutschlan­dweit bekannten Acts Betontod, Sondaschul­e, Knorkator und Versengold.

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Fotos: Michael Hochgemuth Aus Sicht des Publikums war das Auftaktkon­zert vom „Sommer am Kiez“ein voller Erfolg, obwohl einiges anders war als bei ei‰ nem herkömmlic­hen Punkkonzer­t.
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Endlich wieder vor leibhaftig­em Publi‰ kum auftreten: Die Band Massendefe­kt freut es sichtlich.

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