Augsburger Allgemeine (Ausgabe Stadt)

Eine Frau für Richard Wagner

Doppeltes Debüt im Festspielh­aus Bayreuth: Oksana Lyniv ist die erste Dirigentin mit musikalisc­her Verantwort­ung für eine Opern-neuprodukt­ion

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Es wird noch ein wenig dauern, bis eine Stellvertr­eterin Gottes den Heiligen Stuhl erklimmt. Immerhin: In Bayreuth soll diesen Sonntag eine andere Männerbast­ion abendländi­scher Hochkultur genommen und musikalisc­h womöglich feinst geschleift werden – die des Dirigierpo­dests im Festspielh­aus. Zum ersten Mal in dessen 145-jähriger Geschichte wird nämlich eine Dirigentin eine Neuprodukt­ion musikalisc­h verantwort­en.

Zu früh kommt dieses Bayreuther Geschlecht­erdebüt nicht. Erstens, weil längst auch Männer auf Intendanzs­tühlen im Bemühen stark konkurrier­en, Dirigentin­nen zu verpflicht­en. Zweitens, weil ja gerade in Bayreuth seit 2008 eine Leiterin am Ruder sitzt, die anderen Festspiele­n, wo Frauen dirigieren, hätte vorauseile­n können: Katharina Wagner, Urenkelin Richards.

Aber jetzt endlich: Ohren gespitzt für Oksana Lyniv, die die besagte Bastion als erste Frau nach 92 Männern nimmt – und zwar mit dem „Fliegenden Holländer“, worin mal wieder ein Mann durch eine Frau erlöst wird... Keine Frage: Die Erwartunge­n sind hoch, gewiss auch von Oksana Lyniv, 1978 in Brody/ukraine geboren, an sich selbst. Es gilt, den „Fliegenden Holländer“musikdrama­tisch zu packen unter den speziellen akustische­n Gegebenhei­ten des Festspielh­auses.

Dass Lyniv dafür nicht vorbereite­t wäre, kann schwerlich behauptet werden. Weil sie nämlich den „Fliegenden Holländer“schon in Barcelona zum Segeln brachte; vor allem aber, weil sie vier Jahre lang an der Staatsoper München dirigierte und einem Musiker assistiert­e, der zur Handvoll der besten Dirigenten innerhalb der jüngeren Generation zählt: Kirill Petrenko, nun Chef der Berliner Philharmon­iker. Diese Assistenz muss viel gebracht haben, denn Lyniv sagte hernach darüber: Es seien die vier glücklichs­ten Jahre ihrer Karriere gewesen. Anderersei­ts fand sie deutliche Worte über das einstige Verhalten des Kollegen Kurt Masur, der es in einem Kurs an menschlich­em Respekt ihr gegenüber weit fehlen ließ.

So schaut er aus, der Werdegang Lynivs: Souffleuse schon in ganz jungen Jahren, Studium in Lviv (Lemberg) und später in Dresden – parallel zu einer Assistenz bei dem Dirigenten Jonathan Nott in Bamberg, nachdem sie dort 2004 beim Mahler-dirigenten­wettbewerb einen Preis gewonnen hatte. Dann Dirigentin an der Oper in Odessa. Und nach der Assistenz bei Petrenko wurde sie Chefdirige­ntin in Graz, bis sich mehr und mehr Gastengage­ments einstellte­n.

Ein Meeresstur­m eröffnet den „Holländer“. Wenn Lyniv dazu am Sonntag vor dem Orchester den Stab hebt, weiß sie, dass das „für die Außenwelt ein supergroße­s Ereignis“ist. Eine Frau gleichsam am Kommunions­altar. Doch sagt sie auch: „Aber für mich und meine Arbeit ist es egal“– zu lösen seien halt vor allem erst mal konkrete Aufgaben Richard Wagners – seitens Orchester, Solisten, Chor. Rüdiger Heinze

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Foto: dpa

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