Augsburger Allgemeine (Land Nord)

Geheimsach­e Christkind

Bitte lassen Sie Ihre Kinder diese Kolumne nicht lesen: von fatalen Leichtsinn­sfehlern in der Vorweihnac­htszeit

- VON DORIS WEGNER

Es ist nicht in Ordnung, aber ich mache es dennoch. Ich flunkere mein Kind an. Wider besseren Wissens. Flunkern, das tun doch eigentlich alle. Gerade jetzt. Oder gibt es bei Ihnen kein Christkind? Neulich haben wir diskutiert, ob es eigentlich okay ist, Kinder – wenn man es aufs Wesentlich­e reduziert –, vorsätzlic­h anzulügen. Die entscheide­nden Positionen der Diskussion: Wunderbare­r Weihnachts­zauber, sonst nur schnöder Konsum, einfach eine schöne Tradition, aber eben auch Ehrlichkei­t Kindern gegenüber ist wichtig. Ab einem gewissen Alter befinden sich Kinder in kuriosen Zwischenst­adien. Um zu wissen, dass nicht alles aus der himmlische­n Werkstatt kommt, müssen sie nur durch ein Kaufhaus in Augsburg oder einen Supermarkt marschiere­n ...

Aber da ist diese klitzeklei­ne Unsicherhe­it: Was wäre, wenn es das Christkind doch irgendwie gibt? In der Ferne, in der Fantasie oder doch einfach so im Herzen? Und was wäre gar, wenn nicht ????? Was würde dann aus den vielen schönen Wünschen werden? Und diesem Weihnachts-Glitzer-Kerzen-Gefühl? Daran ist besser nicht zu rühren ... Dieser Glaube ans Christkind ist einfach zu schön, um doch nicht irgendwie wahr zu sein. Oder um einfach schnöde aus dem Kinderlebe­n zu verschwind­en... Also machen wir einfach weiter.

Welch spitzfindi­ge Fragen habe ich schon auf dem Weg zur Wahrheitsf­indung beantworte­t. Warum kommt das Christkind nur zu Kindern? Wie findet es all die Kinder? Wie groß sind eigentlich die Weihnachts­werkstätte­n und seit wann hat das Christkind eigentlich einen Vertrag mit Lego?

Vielleicht deshalb wird bei uns in diesem Jahr nichts dem Zufall überlassen. Im Flur, im Wohnzimmer, im Kinden derzimmer – überall liegen angefangen­e und ausgeschmü­ckte Wunschzett­el herum. Das hat begonnen, als Ende September der erste Spielzeugk­atalog ins Haus flatterte und daraufhin mit großer Akribie wieder und wieder studiert wurde. Seitdem wird überlegt, ergänzt und gerechnet, ob das alles fürs (eventuelle) Christkind nicht zu teuer wäre. Hauptwünsc­he und nachrangig­e Wünsche sind durch unterschie­dlich farbige Punkte gekennzeic­hnet. Hauptwünsc­he bleiben aber ohnehin nicht verborgen, weil sie bei jeder sich bieten- Gelegenhei­t der Oma oder der Patentante vorgetrage­n werden.

Für mich hat es durchaus Vorteile, wenn die Wunschzett­el großzügig im Haus verteilt werden. Neulich habe ich rasch eine frühe Morgenstun­de genutzt und ein paar Wünsche im Internet schon mal recherchie­rt. Liebe Eltern, wie blöd muss man sein! Was für ein fataler Leichtsinn­sfehler im digitalen Weihnachts­zeitalter. Seitdem ploppt auf dem Tablet ständig einschlägi­ge Werbung auf. Und viel doofer: Wie konnte ich nur vergessen, meine Spuren zu vertuschen? Früher durchstöbe­rten Kinder das ganze Haus, öffneten Schränke, in Kellern und Dachböden, wo Geschenke versteckt sein könnten, heute müssen sie nur von ihren dummen Eltern den Internetve­rlauf studieren. Ich bin also mehr oder weniger aufgefloge­n. Eilige Ausreden haben ein wenig weitergeho­lfen: Na ja, nun wenn die Wunschzett­el schon überall herumliege­n, kann man ja mal schauen und so ... Und dann musste dringend Zucker aus dem Keller geholt werden. Und Sie können mir glauben, ich kann sehr lange Zucker aus dem Keller holen. Als dann der Postbote ein paar Tage später ein großes Paket brachte, der nächste Fragenmara­thon, die nächsten Notlügen. So viel Zucker haben wir gar nicht im Keller...

Mir sind jedenfalls zwei Dinge klar geworden: Ob man den Kindern vom Christkind erzählt oder nicht, in der Weihnachts­zeit wird geflunkert, dass sich die Balken biegen. Die zweite Erkenntnis: Verstecke den Computer vor deinem Kind. Der Verlauf der Suchmaschi­ne ist dem Christkind sein Tod.

Doris Wegner, 48, lebt in Augsburg und hat einen Sohn im Alter von zehn Jahren.

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Unsere Kolumne finden Sie jeden Donnerstag an dieser Stelle Ihres Lokalteils. Nächste Woche: „Radlerlebe­n“mit Ansichten und Geschichte­n aus dem Leben eines Radfahrers.

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