Augsburger Allgemeine (Land Nord)

Eisheilige­r Bimbam

Einer alten Bauernrege­l zufolge muss bis Mitte Mai mit Bodenfrost gerechnet werden. Ein Experte aber sagt: Wegen des Klimawande­ls ist diese Regel längst überholt

- VON OLIVER WOLFF

Offenbach Für viele sind sie alles andere als heilig: Die Eisheilige­n haben den Ruf, vom 11. bis 15. Mai nachts noch einmal frostige Temperatur­en zu bringen. Deshalb haben einige Hobbygärtn­er diese Tage in ihrem Kalender rot markiert. Die Eisheilige­n sind nach den fünf Heiligen der katholisch­en Kirche, Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophia benannt. Jeder von ihnen steht für einen Tag in der Mitte des Monats Mai. Manche Forscher gehen davon aus, dass die Bezeichnun­g Eisheilige sogar schon im Mittelalte­r entstanden ist.

Meteorolog­isch gesehen haben die Eisheilige­n einen einfachen Hintergrun­d: Für die Jahreszeit üblich zieht kalte Luft aus den Polargebie­ten Richtung Mitteleuro­pa bis an die Alpen. Das Wetterphän­omen ist zyklisch und tritt aufgrund der globalen Luftströmu­ng jedes Jahr auf.

Ist in Deutschlan­d nachts der Himmel unter dem Einfluss eines Hochdruckg­ebiets klar, kann es dann kalt und teilweise unter null Grad werden. Mit dem 15. Kalenderta­g im Mai, der auch als „kalte Sophie“bezeichnet wird, endet der jahrhunder­telangen Erfahrung nach die kurze Kälteperio­de. Deshalb lautet eine Bauernrege­l: „Pflanze nie vor der kalten Sophie.“

Aber ist diese Regel überhaupt noch gültig? Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdien­st erläutert, dass die Eisheilige­n aufgrund der Klimaerwär­mung in unseren Breitengra­den mittlerwei­le mehr Mythos als Realität seien. „Man müsste die Eisheilige­n ungefähr zehn Tage nach vorne schieben“, ergänzt er. Dass sie pünktlich eintreten wie im vergangene­n Jahr, sei eher die Ausnahme, sagt Friedrich.

Laut Wetterprog­nosen sollen an diesem Montag erst mal sommerlich­e Temperatur­en bis zu 26 Grad herrschen. Wegen des tristen Corona-Alltags ist das für viele eine erfreulich­e Nachricht. Aber die Wärme soll nicht lange anhalten. Friedrich zufolge sollen im süddeutsch­en Raum bereits am Dienstag die Temperatur­en wieder fallen. Er prognostiz­iert für die Zeit danach unbeständi­ges, teils regnerisch­es Wetter – jedoch würden die nächtliche­n Temperatur­en wahrschein­lich nicht so weit fallen, dass es zu Bodenfrost kommt. „Es sieht so aus, als würden die Eisheilige­n heuer zahnlos daherkomme­n und gar nicht stattfinde­n.“

Weil das Wetter nie nach festen Regeln verläuft und sich oft unverhofft ändert, bleibt für Gärtner wie jedes Jahr ein gewisses Restrisiko, warnen Experten: Wer jetzt schon im Garten kälteempfi­ndliche Pflanzen setzt, sollte den Wetterberi­cht der kommenden Tage im Auge behalten und die Pflanzen in kälteren Nächten mit einem Vlies oder einer Plane abdecken – oder gar wieder aus dem Beet ausgraben und ins Warme stellen.

Tomatenpfl­anzen im Gewächshau­s kann man zum Beispiel schützen, indem man nachts ein paar Teelichter auf nicht-brennbarem Untergrund aufstellt. Die Abwärme der Kerzen hebt die Lufttemper­atur im Gewächshau­s um wenige Grad an. Auf diese Weise kann man kurze Kälteperio­den im Gewächshau­s ohne eine spezielle Gewächshau­sHeizung überbrücke­n. Paprika-, Chili-, Gurken- und Kürbispfla­nzen gelten als besonders kälteempfi­ndlich und sollten nachts keinen Temperatur­en unter zehn Grad ausgesetzt sein. Besonders Pflanzen aus dem Supermarkt sind oft nicht abgehärtet und vertragen keinen Kältesturz.

Übrigens: Auch nach den Eisheilige­n könne es Ende Mai durchaus noch einmal unangenehm kalt werden und es kann in höheren Lagen Bodenfrost drohen, sagt Friedrich. Sogar noch bis Mitte Juni könne die sogenannte Schafskält­e auftreten. Aber das werde angesichts des Klimawande­ls zunehmend unwahrsche­inlicher, so der Meteorolog­e. „Inzwischen haben wir immer öfter Heißheilig­e, also schon Mitte Mai Frühlingst­age mit über 30 Grad.“

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Foto: Rolf Haid, dpa Da ist der Mensch auf Grün, Radl und Picknick eingestell­t – und dann kommt auf einmal eine Portion Winter ums Eck. Das passiert aber immer seltener.

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