VW ent­schä­digt Die­sel-Kun­den

Für Au­di hat ein har­tes Jahr be­gon­nen. Di­gi­ta­li­sie­rung, E-Mo­bi­li­tät, Spar­pro­gramm. Wo­hin der Wind des Struk­tur­wan­dels die VW-Toch­ter weht, steht noch nicht fest. Wie Ge­samt­be­triebs­rats­chef Pe­ter Mosch die La­ge sieht

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Erste Seite - VON LU­ZIA GRAS­SER UND STE­FAN KÜP­PER

Wolfs­burg Der ge­plan­te Ver­gleich ist ge­platzt – ei­ne Ent­schä­di­gung aber will der Volks­wa­gen-Kon­zern den kla­gen­den Die­sel­kun­den trotz­dem zah­len. Die be­reits aus­ge­han­del­ten 830 Mil­lio­nen Eu­ro soll­ten auch oh­ne die Un­ter­stüt­zung des Bun­des­ver­ban­des der Ver­brau­cher­zen­tra­len an­ge­bo­ten wer­den, teil­te das Un­ter­neh­men mit. Die Sum­me pro Kopf könn­te bei weit über 400000 Klä­gern da­nach zwi­schen 1800 und 2100 Eu­ro lie­gen

Zu­vor hat­te es ge­hei­ßen, die Ge­sprä­che mit den Ver­brau­cher­zen­tra­len sei­en ge­schei­tert. Volks­wa­gen stör­te sich dar­an, dass ei­ne pau­scha­le For­de­rung von 50 Mil­lio­nen Eu­ro Ver­gü­tung für die An­wäl­te des Ver­ban­des nicht nä­her be­grün­det wor­den war.

In­gol­stadt Als VW-Chef Her­bert Diess neu­lich da­von sprach, dass der „Sturm jetzt erst los­geht“, hat­te er nicht „Sa­bi­ne“ge­meint. Das Or­kan­tief konn­te In­gol­stadt we­nig an­ha­ben. Diess mein­te den Wan­del in der Au­to­mo­bil­in­dus­trie, den Wan­del der Au­to­her­stel­ler hin zum An­bie­ter ver­netz­ter Fahr­zeu­ge. Im Ver­gleich zu dem, was kom­men könn­te, hat „Sa­bi­ne“nur mal ein biss­chen durch­ge­lüf­tet.

Wie wet­ter­fest ist man al­so bei Au­di? Fragt man beim Au­di-Ge­samt­be­triebs­rats­vor­sit­zen­den Pe­ter Mosch nach, sagt er: „Es gibt ab und zu na­tür­lich Sturm, es gibt aber auch ru­hi­ge Zei­ten. Und es gibt den Be­triebs­rat, um die Wo­gen wie­der zu glät­ten.“Ja, die La­ge, die welt­wirt­schaft­li­che Groß­wet­ter­la­ge sei ei­ne „gro­ße Her­aus­for­de­rung“, aber ban­ge ist Mosch nicht.

Die ver­gan­ge­nen Jah­re ha­ben die vor­ma­li­ge Vor­zei­ge-Toch­ter des VW-Kon­zerns re­gel­mä­ßig durch­ge­rüt­telt. Der nach wie vor nicht aus­ge­stan­de­ne Ab­gas-Skan­dal, die er­heb­li­chen Pro­ble­me mit dem Test­zy­klus WLTP, da­zu spür­ba­re Ab­satz­ein­brü­che. Der lang­jäh­ri­ge Vor­stands­vor­sit­zen­de Ru­pert Stad­ler wur­de aus dem Un­ter­neh­men ge­weht. Und der der­zei­ti­ge Chef Bram Schot kann sich auch nicht hal­ten und wird im April vom frü­he­ren BMW-Vor­stand und Dies­sWunsch­kan­di­da­ten Mar­kus Dues­mann ab­ge­löst. Und dann wur­de im ver­gan­ge­nen No­vem­ber vom Un­ter­neh­men end­lich of­fi­zi­ell ver­kün­det, was zu­vor über Mo­na­te die Au­di-Be­leg­schaft ver­un­si­chert hat­te: Zum von Bram Schot zu­vor an­ge­kün­dig­ten ri­gi­den Spar­kurs ge­hört auch, dass bis 2025 9500 Stel­len im In­gol­städ­ter Stamm­werk und in Ne­ab­ge­baut wer­den. Zwar wer­den auch 2000 neue Jobs ge­schaf­fen, Mil­li­ar­den-In­ves­ti­tio­nen für die E-Mo­dell-Of­fen­si­ve ge­tä­tigt. Zu­dem wur­de die Ar­beits­platz­ga­ran­tie für die Stamm­be­leg­schaft bis 2029 aus­ge­wei­tet, für Mosch ein „Mei­len­stein“, der den Au­dia­nern Si­cher­heit gibt. Zu­gleich aber wur­de amt­lich: Bis das Reich der vier Rin­ge wie­der son­nen­be­schie­nen von ei­ner sanf­ten Bri­se um­weht wird, kann es dau­ern.

Au­di.Zu­kunft heißt die Grund­satz­ver­ein­ba­rung, die Mosch und Kol­le­gen über Mo­na­te mit der Un­ter­neh­mens­füh­rung aus­ver­han­delt hat­ten. Klar war nach der Ver­kün

im No­vem­ber auch, dass man da­nach noch in die De­tails ge­hen wür­de. In die­ser Pha­se sei man nach wie vor, er­klärt Mosch im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Wann al­les ge­re­gelt ist, steht noch nicht fest. Bis in drei Wo­chen er­war­tet der 48-Jäh­ri­ge das An­ge­bot aus der Chef-Eta­ge für die Vor­ru­he­stands­pa­ke­te. Die Ge­sprä­che lau­fen, be­stä­tigt auch das Un­ter­neh­men. Für wel­che Al­ters­grup­pen ge­nau die­se An­ge­bo­te al­le gel­ten könn­ten, teil­ten aber we­der das Un­ter­neh­men noch Mosch mit. Aber auch für die un­ter 60-Jäh­ri­gen könn­te wohl et­was da­bei sein. Wie die 9500 ab­zu­bau­en­den Stel­len auf die bei­den Stand­or­te ver­teilt werckar­sulm den, ist eben­falls noch nicht ge­wiss und Teil der Ge­sprä­che, wie Mosch und Un­ter­neh­men be­stä­ti­gen. Die 2000 neu­en Stel­len sol­len in den „Zu­kunfts­fel­dern“Elek­tro­mo­bi­li­tät und Di­gi­ta­li­sie­rung ge­schaf­fen wer­den. Da­bei gel­te den An­ga­ben ei­nes Spre­chers zu­fol­ge „in­tern vor ex­tern“.

Das ist die Zu­kunft. Die Fol­gen der Ver­gan­gen­heit be­ka­men vor we­ni­gen Wo­chen die Mit­ar­bei­ter ei­ner Wech­sel­schicht zu spü­ren. Die wur­de näm­lich ge­stri­chen, was bei Au­di er­neut zu Ve­r­un­si­che­rung ge­führt hat­te. Es war ein un­schö­ner Wind­stoß ge­we­sen, nach­dem zum Jah­res­en­de so et­was wie Weih­dung nachts­frie­den ein­ge­kehrt war und Au­di 2019 mit ei­nem Plus von 1,8 Pro­zent im Ver­gleich zum Vor­jahr ab­schlie­ßen konn­te. Mosch gibt mit Blick auf die ge­stri­che­ne Schicht zu: „Das war ein schmerz­li­cher Schritt“, der aber „so so­zi­al ver­träg­lich wie mög­lich“ge­stal­tet wer­de. Sprich: Es soll ver­sucht wer­den, die 1250 Mit­ar­bei­ter im Schicht­rhyth­mus wie bis­her zu be­las­sen, aber eben ver­teilt auf an­de­re Li­ni­en. Ste­hen noch wei­te­re Schicht­auf­lö­sun­gen an? Mosch sagt, ihm sei nichts be­kannt. Ein Au­di-Spre­cher ant­wor­tet auf Nach­fra­ge iden­tisch und fügt an, dass die Pro­duk­ti­on „fle­xi­bel den Markt­ge­ge­ben­hei­ten“an­ge­passt wer­de.

Au­di konn­te im Ja­nu­ar die Zahl der Aus­lie­fe­run­gen um 1,8 Pro­zent stei­gern. Um über die Aus­wir­kun­gen das Co­ro­na­vi­rus auf die wei­te­re Ge­schäfts­ent­wick­lung im auch für Au­di so be­deut­sa­men chi­ne­si­schen Markt „ei­ne de­tail­lier­te Pro­gno­se ab­zu­ge­ben, sei es noch „zu früh“, die Si­tua­ti­on sei wei­ter­hin „vo­la­til“.

Mosch rech­net da­mit, dass 2020 in In­gol­stadt 400 000 bis 450 000 Au­tos vom Band lau­fen wer­den. „Kurz­ar­beit“sei „aus heu­ti­ger Sicht kein The­ma“. Mosch ist über­zeugt, dass die „Kraft von Au­di im Ge­samt­kon­zern“sicht­bar sei. Die In­gol­städ­ter sei­en „gut un­ter­wegs“.

Und mit Dues­mann kom­me im April ein Mann, der „durch und durch Tech­ni­ker“sei, von dem man sich „sehr viel“in Sa­chen For­schung, Ent­wick­lung, „tech­ni­scher Le­ad in­ner­halb des Kon­zerns“er­war­te. „Wir ha­ben da gro­ße Hoff­nun­gen und den An­spruch, dass er Au­di ge­gen­über den Kon­kur­ren­ten ziem­lich weit an die Spit­ze führt“. Der Slo­gan „Vor­sprung durch Tech­nik“müs­se mit „neu­en In­hal­ten be­lebt wer­den“. Dues­mann brin­ge „viel Er­fah­rung“mit. Er er­war­te fer­ner, dass Au­di.Zu­kunft vom neu­en Vor­stand „ab­ge­ar­bei­tet“wer­de, man ge­mein­sam an „ei­nem Strang“zie­he.

Denn wo­hin und wie hef­tig der Wind pfei­fen wird, steht nicht fest.

Fo­to: Ar­min Wei­gel, dpa

Dunk­le Wol­ken zie­hen schon län­ger über Au­di hin­weg, jetzt hat Sturm­tief „Sa­bi­ne“kräf­tig durch­ge­lüf­tet: Je­den­falls hellt sich die Stim­mung beim In­gol­städ­ter Au­to­bau­er so lang­sam wie­der auf – aus meh­re­ren Grün­den.

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